METZINGEN. Müller & Bauer, gegründet 1899, also vor 126 Jahren, ist der älteste bestehende Betrieb in Metzingen. Doch nun stellt sich für die Dosenfabrik mit ihren aktuell 91 Beschäftigten die Existenzfrage. Sie durchläuft ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung.
»Mein Ziel ist, das Unternehmen zu retten. Wir brauchen dafür zwingend einen Investor«, sagt Felix Melzer, 36, promovierter Rechtsanwalt und Restrukturierungsexperte aus Frankfurt auf Anfrage des GEA. Er wirkt seit Oktober als Generalbevollmächtigter bei der Müller & Bauer GmbH & Co. KG.
Der Metzinger Traditionsbetrieb stellt Metallverpackungen aus Aluminium und Weißblech her, vor allem für die Lebensmittel-, die Chemie- und die Kosmetikindustrie. In den kleinen Dosen mit Fassungsvermögen bis zu drei Litern, die Müller & Bauer teilweise auch mit Produktnahmen und Angaben zum Inhalt für seine Kunden bedruckt, werden unter anderem Bonbons, Schokolade, Wurst, Käse, Brotaufstriche, Farben und Lacke sowie Cremes verkauft.
Signifikante Verluste
Laut dem Generalbevollmächtigten Melzer litt Müller & Bauer wie die gesamte Industrie zuletzt unter einer sehr schwachen Nachfrage – mit rückläufigem Bedarf an Metallverpackungen. Ähnlich wie etwa bei Fahrrädern sei »nach Einmaleffekten zu Corona-Zeiten« der Absatz und damit der Umsatz bei dem Dosenhersteller geschrumpft.
Gemäß Veröffentlichungen in elektronischen Registern hat Müller & Bauer in den Jahren 2020, 2021 und 2022 bei Umsätzen von 17,3 Millionen, 20 Millionen und 26,6 Millionen Euro Jahresüberschüsse von 3,7 Millionen, 757.000 und 143.000 Euro ausgewiesen. Daten für 2023 und 2024 sind noch nicht bekannt gemacht. Melzer erklärte nun auf GEA-Nachfrage, dass der Umsatz im vergangenen Jahr rund 22 Millionen Euro betragen habe. Bedenklich sei indes vor allem, dass es zuletzt »signifikante Verluste« gegeben habe. In den Jahren 2023 und 2024 sowie in den ersten sieben Monaten des laufenden Jahres sei zusammengerechnet ein Fehlbetrag von über 6 Millionen Euro zusammengekommen.
Der Versuch einer Sanierung durch die Beteiligungsholding Accursia Capital GmbH (München), Gesellschafterin von Müller & Bauer, in Gesprächen mit Banken und Arbeitnehmern sei gescheitert, so Melzer. Die Folge sei der Insolvenzantrag beim Amtsgericht Tübingen am 17. Oktober gewesen. Am 21. Oktober habe das Gericht das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung angeordnet. Damit behielt das Management die Verwaltungs- und Verfügungsbefugnis. Das Gericht bestellte überdies den promovierten Tübinger Rechtsanwalt Dirk Poff, 49, zum vorläufigen Sachwalter. Er hat die Aufgabe, das Verfahren im Interesse der Gläubiger zu überwachen.
Geschäftsbetrieb läuft weiter
Der Geschäftsbetrieb bei Müller & Bauer läuft Melzer zufolge zunächst weiter. Die Beschäftigten erhielten für die Monate Oktober, November und Dezember Insolvenzgeld von der Agentur für Arbeit. »Parallel läuft der Investorenprozess. Es gibt einige Interessenten«, erklärt der Rechtsanwalt, der sich im Wesentlichen mit der Zukunft und weniger mit der Vergangenheit von Müller & Bauer befassen möchte: »Die Ursachenforschung ändert nichts daran, wie das Unternehmen nun dasteht.«
Beim Blick in das Handelsregister fällt auf, dass in den vergangenen zwölf Monaten etliche Führungskräfte (Geschäftsführer und Prokuristen) Müller & Bauer verlassen haben. Beschäftigte des Unternehmens und Kai Lamparter von der Industrie-Gewerkschaft Metall in Reutlingen berichten dieser Zeitung, dass Gesellschafter Accursia Capital seit der Übernahme von Müller & Bauer im Juli 2021 von der Stuttgarter Staehle-Gruppe (die nach wie vor Eigentümerin des Betriebsgrundstücks in Metzingen ist) im Zuge der eigenen Wachstumsstrategie durch Zukauf weiterer Firmen nennenswert Finanzmittel abgezogen habe – und auch dies zu den Schwierigkeiten von Müller & Bauer beigetragen habe.
So habe Müller & Bauer das Darlehen, das Accursia Capital für den Kauf der Metzinger aufgenommen habe, finanziert. Zudem habe es eine Querfinanzierung der Schwestergesellschaft Klann Packaging GmbH in Landshut gegeben. Diese Firma mit zuletzt 80 Beschäftigten ist ebenfalls insolvent und bereits seit vergangenem Frühjahr geschlossen. Zudem habe Müller & Bauer eine hohe Vergütung für die Holding Accursia Capital in München aufbringen müssen. Dazu stellt Melzer fest: »Es ist verständlich, dass allseits nach einem Schuldigen gesucht wird. Accursia ist jedoch der erste Verlierer in diesem Insolvenzverfahren. Ein gelungenes Investment sieht in meinen Augen anders aus, sicherlich hatte Accursia andere Ziele mit dem Unternehmen, was nun leider nicht geklappt hat.«
Wechsel des Geschäftsführers
Lamparter, Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Reutlingen-Tübingen, beklagte, dass es ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung und kein reguläres Insolvenzverfahren mit einem vorläufigen Insolvenzverwalter gebe. Dadurch bliebe dieselbe Geschäftsleitung am Ruder, die das Unternehmen in die Krise geführt habe. Melzer weist indes darauf hin, dass es zwischenzeitlich auf seine Initiative hin zu einem Wechsel des Geschäftsführers gekommen sei. Für Swen Graf, 35, Manager von Accursia Capital und seit April 2024 auch Geschäftsführer von Müller & Bauer, sei seit 28. Oktober der Sanierungsgeschäftsführer Andreas Florenkowsky, 50, bestellt.
Wie berichtet, kämpft auch der ebenfalls zu Accursia Capital gehörende Fahrzeugkühler-Hersteller Thermodrive Solutions GmbH in Pliezhausen (frühere Firmierung: Modine Pliezhausen GmbH) in einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung um seine Zukunft und um 60 Arbeitsplätze. Melzer ist auch in diesem Betrieb als Generalbevollmächtigter tätig und stellt fest: »In Pliezhausen ist die Sanierung bislang gut verlaufen, und der Verlust konnte stark reduziert werden. Ein Personalabbau war dort eine der Schlüsselmaßnahmen. Ich bin zuversichtlich, dass die dauerhafte Fortführung gelingen und auch in Pliezhausen zeitnah ein Investor gefunden werden kann.« (GEA)

