REUTLINGEN. Alexander Wälde ist grundsätzlich ein Optimist. »Es ist wichtig, den Sonnenschein zu sehen – und nicht nur die düsteren Wolken«, sagt der Präsident der Handwerkskammer Reutlingen dem GEA. Er könne das Gerede über die Schwarzmalerei nicht mehr hören. Bei allen Schwierigkeiten, die etwa vor allem die Industriezulieferer unter den Handwerksbetrieben derzeit sicherlich hätten, müsse auch festgestellt werden: »Die Kfz-Werkstätten laufen gut, ebenso haben die Elektriker und die Unternehmen in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik viel zu tun.«
Im Handwerk insgesamt sei die Situation daher nicht so grau wie in der übrigen Wirtschaft, erklärt Wälde, 54, selbst Friseurmeister und Inhaber eines Salons in Freudenstadt, der seit November 2024 das oberste Ehrenamt der Reutlinger Kammer bekleidet. Handwerker, überwiegend Kleinbetriebe, seien sehr anpassungsfähig und suchten sich gegebenenfalls schnell neue Kunden und Aufträge. »Wir haben natürlich auch Probleme, aber die sind zu bewältigen«, fügt der Kammerpräsident hinzu.
Großunternehmen könnten ihre Standorte wechseln. »Wir kleinen und mittelständischen Unternehmen im Handwerk können nicht auswandern, wir sind regional gebunden, oft bei unseren Renditeerwartungen vielleicht auch etwas bescheidener als die Industrie – und wir fühlen uns auf jeden Fall unseren Beschäftigten gegenüber verpflichtet, mit denen wir jeden Tag zusammenarbeiten«, stellt Wälde fest. Während in Konzernen zuletzt Arbeitsplätze in großem Stil abgebaut worden seien, böten Handwerksbetriebe krisenfeste Jobs.
Forderungen vor der Landtagswahl
Wälde appelliert an Schülerinnen und Schüler sowie ihre Eltern, diese Vorteile bei der Berufswahl zu beachten: »Kommt ins Handwerk, statt zu studieren. Wir brauchen zur Zukunftssicherung unserer Betriebe und zur Versorgung der Bevölkerung mehr Handwerker.« Er sei davon überzeugt, dass die Arbeit mit den Händen trotz aller Automatisierung und Digitalisierung weiterhin goldenen Boden habe. »Auch ein Roboter muss gewartet werden. Da brauchst du Mechaniker.«
Entsprechend werbe das Handwerk im Vorfeld der Landtagswahl am 8. März 2026 um gute Rahmenbedingungen für den Wirtschaftszweig. Unter dem Motto: »26 für 26. So gelingt der Politik ein Meisterstück«, sind 26 Forderungen der Branche aufgeführt. Dazu gehören neben der Fachkräftesicherung durch staatliche Unterstützung bei Investitionen in überbetriebliche Ausbildungsstätten des Handwerks, wie der Bildungsakademie der Handwerkskammer Reutlingen in Tübingen Derendingen, auch Bürokratieabbau, die Schaffung von Wohnraum und der Ausbau von Infrastruktur.
Als Präsident der Reutlinger Kammer war Wälde gemeinsam mit den Präsidenten der sieben weiteren Handwerkskammern in Baden-Württemberg bei Gesprächen mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sowie mit den beiden Bewerbern um dessen Nachfolge, Manuel Hagel (CDU), und Cem Özdemir (Grüne), dabei. Auf die Nachfrage nach den hohen Umfragewerten für die AfD, antwortet er: »Die AfD wird nur dann stark bei der Wahl abschneiden, wenn die anderen Parteien in den Augen der Wähler schlecht beurteilt werden.« Er sei dafür, die AfD mit inhaltlichen Argumenten zu stellen, so Wälde, der selbst CDU-Mitglied ist.
Zuständig für über 13.800 Betriebe
Aus Sicht des Handwerks sei es nicht schön, dass die schwarz-rote Bundesregierung bei der Senkung der Stromsteuer »das Handwerk vergessen hat«, zumal zum Beispiel Bäcker und Textilreiniger sehr mit den hohen Energiekosten zu kämpfen hätten. Zur vom neuen Jahr an vorgesehenen Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie bemerkt er: »Wir Friseure hätten es natürlich für gut gefunden, das auch bei unserem Handwerk einzuführen.«
Die Handwerkskammer Reutlingen ist eine von 53 solcher Selbstverwaltungsorganisationen und Körperschaften des öffentlichen Rechts in Deutschland. Sie hat hoheitliche Aufgaben wie das Führen der Handwerksrolle; nur wer darin eingetragen ist, darf sein Handwerk auch ausführen. Zudem ist die Kammer für die Aus- und Weiterbildung, für die Beratung der Betriebe in rechtlichen, betriebswirtschaftlichen, technischen und Umweltfragen sowie für die Interessenvertretung aller Handwerker – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – in ihrem Bezirk zuständig. Der Kammerbezirk umfasst die Landkreise Freudenstadt, Reutlingen, Sigmaringen, Tübingen und Zollernalb. Dort gibt es mehr als 13.800 Betriebe, die im Jahr 2024 für einen Gesamtumsatz von 13,3 Milliarden Euro und für knapp 80.000 Beschäftigte standen.
Für das kommende Jahr plant die Handwerkskammer Reutlingen bei Erträgen von 16,954 Millionen Euro und Aufwendungen von 19,769 Millionen Euro mit einem Defizit von 2,815 Millionen Euro. Der Verlust soll gemäß Beschluss der Vollversammlung durch einen Gewinnvortrag aus dem Jahr 2024 (1,496 Millionen Euro) und eine Entnahme aus der Betriebsmittelrücklage (1,319 Millionen Euro) ausgeglichen werden. Für 2027 ist eine Beitragserhöhung für die Betriebe, die Pflichtmitglieder der Kammer sind, angekündigt. Bislang hat die Handwerkskammer Reutlingen keine Bankschulden. Wälde sagt dazu: »Ich hoffe, dass wir auch künftig keine Schulden machen müssen.«
Neuer Meisterclub
Für das kommende Jahr sind hohe Investitionen in der Tübinger Bildungsakademie (rund eine Million Euro für ein Lager, eine Treppe und vor allem für die Kühlung der Werkstätten) und in die Informationstechnologie am Sitz in Reutlingen und in Tübingen (rund 500.000 Euro) vorgesehen. Geplant sei zudem ein neuer Meisterclub, so Wälde. In diesem »modernen Stammtisch« sollten sich Handwerksmeister zum Erfahrungsaustausch treffen und bei Vorträgen (etwa zur künstlichen Intelligenz oder zur Cybersicherheit) Neues erfahren. Die Kammer erhoffe sich, aus diesem Club künftige Dozenten, Prüferinnen und Ehrenamtsträger für ihre Arbeit zu gewinnen.
»Es ist eine sehr, sehr spannende Aufgabe, die mir viel Spaß macht«, zieht Wälde nach seinem ersten Jahr als Kammerpräsident eine Zwischenbilanz. Aufgrund seiner vielen Fahrten zu Betriebsbesuchen in den fünf Landkreisen, zur Kammer nach Reutlingen (meistens an seinem freien Montag) oder auch zu Terminen in Stuttgart »komme ich mir vor wie so ein Vertreter fürs Handwerk«, erzählt er.
Sein Auto habe nun einen anderen Stellenwert für ihn als früher. Auch seine Führungsaufgabe habe sich verändert: »Die Kammer hat 100 Beschäftigte an den beiden Standorten in Reutlingen und Tübingen. Es gibt einen Personalrat und große Verantwortung für den Maschinenpark in der Bildungsakademie. Da kannst du nicht so entscheiden wie in einem kleinen Friseursalon.« (GEA)

