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Handwerk in Reutlingen vor dem Umbruch: Wer kommt, wenn die Babyboomer gehen?

Die Reutlinger Handwerkskammer und drei Firmen-Nachfolger selbst äußern sich zu den Herausforderungen und Chancen der Betriebsnachfolge.

Gut ausgebildete Fachkräfte sind eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung der Unternehmensnachfolge.
Gut ausgebildete Fachkräfte sind eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung der Unternehmensnachfolge. Foto: AMH
Gut ausgebildete Fachkräfte sind eine wichtige Voraussetzung für die Sicherung der Unternehmensnachfolge.
Foto: AMH

REUTLINGEN/TÜBINGEN. Die Unternehmensnachfolge im Handwerk stellt in Reutlingen und vielen anderen Regionen eine Herausforderung dar. Zahlreiche Betriebe stehen vor der Frage, wie sie die Geschäftsführung in die Hände der nächsten Generation legen können. Die Dynamik hat sich in den vergangenen Jahren verschärft: Babyboomer gehen in den Ruhestand – unter ihnen waren überdurchschnittlich viele selbstständige Handwerker. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach Übernehmern, so Sylvia Weinhold, Geschäftsführerin Unternehmensberatung der Handwerkskammer Reutlingen.

»Zwischen 2022 und 2026 suchten in Baden-Württemberg rund 27.300 Betriebe eine Nachfolge. In unserer Region sehen wir, dass etwa 20 Prozent von insgesamt 14.000 Betrieben in den nächsten fünf bis sieben Jahren nach einem Nachfolger suchen werden. Doch weniger als die Hälfte davon kann die Übernahme familienintern regeln.« Viele Betriebe müssten extern suchen – oder würden mangels Lösung stillgelegt. Bundesweit schließen laut Weinhold jährlich rund acht bis zehn Prozent der Betriebe aus diesem Grund.

Weiter entscheiden laut Weinhold Umsatz, Ertragslage und Zukunftsfähigkeit maßgeblich darüber, ob ein Betrieb für potenzielle Übernehmer attraktiv ist. Gleichzeitig seien Investitionen in Digitalisierung, moderne Technik und Personalbindung häufig notwendig, um Betriebe zukunftsfest zu machen. Dabei treten oftmals bürokratische Hürden und auch Finanzierungsprobleme zu Tage: »Die Banken verlangen hohe Eigenkapitalquoten, was insbesondere für junge Menschen eine erhebliche Einstiegshürde darstellt«, so Weinhold.

Marc Vögele – Präg GmbH in Pfullingen

Marc Vögele, Geschäftsführer der Präg GmbH in Pfullingen, hat so eine Übernahme bereits hinter sich gebracht und dabei ganz eigenen Erfahrungen gesammelt. Der heute 44-Jährige kaufte das Unternehmen für Metalltechnik am 1. Juli 2023 von dessen Vorbesitzerin ab. Er weiß: »Firmenübernahmen sind in der Praxis alles andere als einfach. Man braucht Geduld und Hartnäckigkeit«. Die bewies der gelernte Konstruktionsmechaniker mit zusätzlichem kaufmännischem Studium.

Aufgrund seines fehlenden Meistertitels, für den – wie der Familienvater selbst sagt – die erforderliche Zeit zu lange gewesen wäre, musste er für die geplante Firmenübernahme eine Sonderfreigabe bei der Handwerkskammer Reutlingen erwirken. Die entsprechenden Prüfungen bestand er jeweils beim ersten Versuch. Der Übernahme stand somit nichts mehr im Wege. Doch wieso überhaupt ein bestehendes Unternehmen übernehmen und nicht doch neu gründen? Für Vögele gab es dafür klare Gründe: »Es ist nicht so einfach von null anzufangen, vor allem dann nicht, wenn man Familie hat«. Eine Zeit ohne gesichertes Einkommen, das gleiche einem »Himmelfahrtskommando«. Für ihn war also klar: »Wenn Selbstständigkeit, dann nur so«. Denn dann wisse man eher, worauf man sich einlasse.

Doch eine erfolgreiche Übernahme hänge generell – da stimme er Weinhold voll und ganz zu – von einer offenen, frühzeitigen und vor allem ehrlichen Kommunikation zwischen den bisherigen Verantwortlichen und den zukünftigen Unternehmensführern ab. In seinem Fall vereinbarte er mit der Vorbesitzerin eine Übernahmephase.

Marc Vögele, seit 2021 Geschäftsführer der Präg GmbH.
Marc Vögele, seit 2021 Geschäftsführer der Präg GmbH. Foto: Privat
Marc Vögele, seit 2021 Geschäftsführer der Präg GmbH.
Foto: Privat

Das größte Risiko, mit dem Geschäft gegen die Wand zu fahren, liegt in seinen Augen derweil woanders: nämlich beim Personal. Die Mitarbeiter der Firma übernahm er bei seinem Einstieg alle. Heute hat er die Personalstellen sogar aufstocken können. »Ich bin stolz darauf, dass wir keine Abgänge hatten«, sagt er. Das sei nicht selbstverständlich und mit ausschlaggebend für eine erfolgreiche Übernahme. »Denn das Herzstück jedes Unternehmens, sind immer noch die Mitarbeiter«, betont er. Dem übergeordnet brauche man außerdem vor allem eines: »Inneren Antrieb. Ich wollte irgendwann zurückzublicken und sagen können, das habe ich geschaffen und geleistet«.

Heute ist Vögele glücklich mit seiner Entscheidung, das Geschäft laufe gut. Sein Tipp an potenzielle Nachfolger: »Übernahme mit Sinn und Verstand«. Das bedeute auch, die Preis-Leistung gründlich zu prüfen und sich nicht von etwaigen Widrigkeiten, etwa bürokratischen Hürden oder schwierige Finanzierung den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen. Auch wenn die hohen Eigenkapitalanforderungen der Banken den Einstieg unnötig schwer machen würde, gilt für Vögele: »Wer konsequent an seinen Zielen festhält und sich nicht entmutigen lässt, der hat gute Chancen, den Übernahmeprozess zu meistern und langfristig davon zu profitieren«. Auch appelliert er: »Wir brauchen mehr Menschen, die bestehende Geschäfte übernehmen«.

Felix und Dennis Brüstle - Brüstle GmbH in Kirchentellinsfurt

Auch Felix Brüstle (33, Stahlbetonbaumeister) und Dennis Brüstle (37, Betonfertigteil- und Terrazzomeister) reihen sich in die erfolgreiche Liste von Nachfolgern ein. Sie übernahmen das ehemalige E. Brüstle Bauunternehmen– das Geschäft des Vaters – zum 1. Januar 2023. Zuvor hatte dieser das Unternehmen gemeinsam mit einem Partner geführt. Nachdem dieser Ausstieg übernahm er allein.

Vor knapp drei Jahren übernahmen die beiden Brüder schließlich die Geschäftsführung. An der Seite haben Sie ihre beiden Frauen, sie sind in der Buchhaltung tätig. Heute ist der Betrieb unter Brüstle Bauunternehmen GmbH bekannt. Schon vor offizieller Übernahme waren die Brüder - Felix Brüstle seit 2018 und Dennis Brüstle seit 2012 - im Familienbetrieb tätig. Daher habe sich auch die Frage einer begleitenden Übernahmezeit erübrigt. Denn ihr Vater stand sowieso immer bereit, »falls es Probleme geben sollte«, so Felix Brüstle.

Gar nicht mal so abwegig, wie der 33-Jährige einräumte. »Die Entscheidung unseres Vaters kam nämlich eher aus heiterem Himmel. Deshalb lief es nicht ganz normal«, erzählt er. Innerhalb von sechs Monaten haben die Brüder die Übernahme »durchgedrückt«. Das sei eine stressige Zeit gewesen.

Die beiden Geschäftsführer: Felix und Dennis Brüstle (von links).
Die beiden Geschäftsführer: Felix und Dennis Brüstle (von links). Foto: Privat
Die beiden Geschäftsführer: Felix und Dennis Brüstle (von links).
Foto: Privat

Die Entscheidung, das Geschäft zu übernehmen, fiel trotz ursprünglich anderer Pläne: Denn Felix Brüstle hatte zunächst eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann gemacht, ehe er sich für das Handwerk und den Meistertitel entschied. Woher der Sinneswandel? »Weil es doch die beste Chance war, auch dafür, sein eigener Chef zu sein.« Die enge Beziehung zu seinem Bruder spielte etwas später ebenfalls eine große Rolle: »Ich habe mit meinem Bruder schon immer ein sehr gutes Verhältnis«, sagt er. Dieses habe sich auch in beruflicher Hinsicht bis heute bewährt.

Auch die Stammkunden und Geschäftspartner kannten die Brüder aus ihrem vorherigen Angestelltenverhältnis bereits. »Da war es für uns viel einfacher als vielleicht für andere.« Auch für die Brüder bot die Übernahme ganz klare Vorteile gegenüber einer Neugründung: »Wir hätten gar nichts gehabt. So hatten wir bereits Fahrzeuge und Kontakte.«

Felix Brüstle empfiehlt anderen Unternehmern eine Nachfolge vor allem unter der Bedienung: »Man muss es selber wollen, aber ohne sich zu viel unter Druck zu setzen«. Für die beiden Männer aus Reutlingen lief letztlich alles so, wie sich es sich gewünscht hatten. Das Geschäft laufe profitabel.

Bianca Deckart – Auf Augenhöhe in Reutlingen

Ebenfalls einen mutigen Schritt in eine neue unternehmerische Zukunft wagte Bianca Deckart mit der Übernahme des Fachgeschäfts Auf Augenhöhe in Reutlingen. Die heute 51-Jährige ist Augenoptikmeisterin und angehende Akustikmeisterin – und erfüllte sich damit einen lange gehegten Traum. Im August 2023 erfolgte der offizielle Wechsel in der Geschäftsführung. Eine Besonderheit: Der frühere Inhaber arbeitet bis heute als Angestellter weiter in dem Betrieb – ein Umstand, der laut Weinhold nicht immer selbstverständlich ist.

»Oft ist die emotionale Bindung an das eigene Unternehmen so stark, dass sie einer Übergabe im Weg steht«, erklärt Nachfolge-Expertin Weinhold. »Wer ein Leben lang etwas aufgebaut hat, kann nur schwer loslassen.« Entscheidend sei daher, frühzeitig Ziele zu definieren und die Bedürfnisse beider Seiten zu berücksichtigen.

Bianca Deckart, Inhaberin des Fachgeschäfts Auf Augenhöhe.
Bianca Deckart, Inhaberin des Fachgeschäfts Auf Augenhöhe. Foto: Privat
Bianca Deckart, Inhaberin des Fachgeschäfts Auf Augenhöhe.
Foto: Privat

Auf die Möglichkeit zur Übernahme stieß Deckart eher zufällig – durch ihre frühere Tätigkeit im Außendienst. Als sie erfuhr, dass das Geschäft zum Verkauf stand, traf sie die Entscheidung recht spontan. Zwar spielte sie auch mit dem Gedanken einer Neugründung, doch die Vorteile des bestehenden Unternehmens gaben letztlich den Ausschlag: die zentrale Lage, der Laden selbst und vor allem der gewachsene Kundenstamm. »Ich wusste sofort: Daraus kann man etwas machen«, sagt sie heute. Auch betont sie: »Ohne meinen Mann hätte ich den Schritt nicht gewagt«.

Der Einstieg in die Rolle der Chefin war, wie sie selbst sagt, »kein Selbstläufer«. Zwar habe ihr der Vorbesitzer anfangs beratend zur Seite gestanden, doch die Verantwortung habe schnell vollständig bei ihr gelegen. »Das meiste stemmte ich allein«, erinnert sie sich. »Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie in den vergangenen drei Jahren.« Dennoch überwiege für sie die Freude an der Aufgabe.

Eine der größten Herausforderungen stellte die Neuausrichtung des Sortiments dar. Deckart entschied sich bewusst für einen Wechsel vom Mainstream hin zu exklusiveren Marken – ein Schritt, der zunächst auf Skepsis stieß. »Einige Hersteller wollten mich anfangs nicht einmal als Kundin«, berichtet sie. »Inzwischen habe ich mich aber etabliert.« Auch auf Kundenseite habe es Zeit gebraucht, den Inhaberwechsel zu begreifen: »Einige denken bis heute noch, ich sei nur eine Mitarbeiterin.«

Mit Investitionen in moderne Geräte und Digitalisierung entwickelte Deckart das Geschäft weiter. Das Ergebnis könne sich sehen lassen: »Es läuft sehr zufriedenstellend. Den Umsatz konnte ich deutlich steigern.« Ihr Rat an andere, die über eine Geschäftsübernahme nachdenken, ist klar: »Mut haben, Veränderungen schrittweise umsetzen und die Kundinnen und Kunden dabei mitnehmen.« Besonders Frauen möchte sie ermutigen: »Wir trauen uns solche Schritte oft zu wenig zu. Dabei sind die Menschen dankbar für frischen Wind. Diese Erfahrung habe ich selbst gemacht.« (GEA)