REUTLINGEN. Bosch hält seine Steuergerätefertigung am Standort Reutlingen nicht mehr für wettbewerbsfähig. »Das Unternehmen muss Strukturen anpassen und Kosten senken«, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Der Standort Reutlingen solle neu aufgestellt und auf die Produktion von Halbleitern ausgerichtet werden. Daher sollen bis Ende 2029 bis zu 1.100 Stellen in der Steuergerätefertigung und -entwicklung sowie in der Verwaltung abgebaut werden. Bosch hat den Angaben zufolge derzeit rund 10.000 Beschäftigte in Reutlingen.
Anpassungsbedarf bestehe im Werk 1 (Reutlingen, Tübinger Straße), im Werk 2 (Industriegebiet Reutlingen-West, Kusterdingen, Markwiesenstraße) sowie am Verwaltungsstandort »Welle 1« (Reutlingen, Büropark Orschel, Ludwig-Erhard-Straße), beantwortete eine Unternehmenssprecherin eine GEA-Frage. Von den 1.100 Stellen, die entfallen sollen, seien 650 Stellen im Steuergerätewerk in Kusterdingen und 450 Stellen in der Steuergeräteentwicklung und in der Verwaltung in Kusterdingen und in Reutlingen betroffen. Der Geschäftsbereich Bosch E-Bike Systems und die Tochterfirma Bosch Sensortec GmbH (beide Kusterdingen, Gerhard-Kindler-Straße) seien von den Stellenabbauplänen nicht betroffen, hieß es.
Deutliche Stückzahlrückgänge
Der Geschäftsbereich Mobilitätselektronik sehe sich in seiner Steuergerätesparte mit sich rasch verschärfenden Marktbedingungen konfrontiert und verzeichne deutliche Stückzahlrückgänge, teilte Bosch mit. Zudem hätten sich der Wettbewerbs- und Preisdruck in diesem Segment verschärft. »Wir müssen unsere Aufstellung schnell an die raschen Veränderungen im Markt anpassen und die Wettbewerbsfähigkeit steigern, um den Standort nachhaltig zu stärken. Der europäische Markt für Steuergeräte ist stark preisgetrieben und durch neue Anbieter hart umkämpft«, wird Dirk Kress, Mitglied des Bereichsvorstands Mobility Electronics bei Bosch, zitiert. Und: »Wir möchten gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern eine Lösung finden und die Umsetzung der Maßnahmen so sozialverträglich wie möglich gestalten.«
Die geplante Neuausrichtung in Reutlingen erfolge vor dem Hintergrund fortgesetzter Investitionen im Halbleiterbereich. In diesen habe Bosch in den vergangenen drei Jahren rund drei Milliarden Euro aus eigenen sowie EU-Fördermitteln an den deutschen Standorten Dresden und Reutlingen gesteckt. Ab 2026 solle die Produktion von Siliziumkarbid-Halbleitern dort vollständig auf Basis der neuesten Generation von Wafern ablaufen.
Bereits Ende 2024 protestierten Beschäftigte im Werk 2 in Kusterdingen gegen einen drohenden Personalabbau, nachdem die Werksleitung informiert hatte, dass »die Wertströme Radartechnik und Lenkung« ab 2026 beziehungsweise 2027 wegfallen sollen. Damals arbeiteten 1.400 Beschäftigte im Werk 2.
IG Metall kündigt harten Kampf an
Die öffentliche Ankündigung eines möglichen Abbaus von bis zu 1.100 Stellen übertreffe »unsere Befürchtungen – sie ist ein schwerer Schock, nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für die gesamte Region«, erklärte nun Claudia Hülsken, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Reutlingen-Tübingen. Bis Ende 2027 gelte ein von der IG Metall abgeschlossener Zukunftstarifvertrag für die dem Automobilbereich zugeordneten Bosch-Standorte. Dieser schließe betriebsbedingte Kündigungen aus. »Bei dem von der Arbeitgeberseite geplanten Umfang ist ein sozialverträglicher Abbau – etwa über freiwillige Aufhebungsverträge mit Abfindungen oder Altersteilzeit – nur schwer vorstellbar«, so Hülsken. Zur Beurteilung der Situation fehlten viele wichtige Informationen. Eine Alternativlosigkeit des geplanten Arbeitsplatzabbaus werde die Arbeitnehmervertretung nicht akzeptieren. »Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen«, sagte Hülsken.
Thorsten Dietter, Betriebsratsvorsitzender des Bosch-Standorts Reutlingen, sagte: »Wir haben die Aufgabe, Beschäftigung zu sichern. Niemand soll Bosch gegen seinen Willen verlassen. Wir kämpfen für eine Zukunftsperspektive.«
Der Bosch-Konzern hat im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 90,3 Milliarden Euro ein Ergebnis nach Steuern von 1,332 Milliarden Euro erzielt. Weltweit waren Ende 2024 exakt 417.859 Menschen für Bosch tätig. Seit Ende 2023 hat Bosch den Abbau von mehr als 14.000 Stellen angekündigt. (GEA)

