Logo
Aktuell Gewerkschaften

Gebürtiger Reutlinger Martin Gross hört bald als Verdi-Landeschef auf

Generationswechsel bei der Gewerkschaft Verdi in Baden-Württemberg: Martin Gross, 64, geht bald in Ruhestand. Seine bisherige Stellvertreterin Maike Schollenberger, 35, soll seine Nachfolgerin werden.

Martin Gross, Landesbezirksleiter von Verdi Baden-Württemberg, zu Gast beim GEA.
Martin Gross, Landesbezirksleiter von Verdi Baden-Württemberg, zu Gast beim GEA. Foto: Pieth
Martin Gross, Landesbezirksleiter von Verdi Baden-Württemberg, zu Gast beim GEA.
Foto: Pieth

REUTLINGEN. Nach 41 Jahren als Gewerkschafter, erst 32 Jahre in Reutlingen und zuletzt neun Jahre in Stuttgart, wird der gebürtige Reutlinger Martin Gross Ende Oktober, mit dann 65, in Ruhestand gehen. Bereits am kommenden Samstag, 5. Juli, soll seine bisherige Stellvertreterin Maike Schollenberger, 35, bei einer außerordentlichen Landesbezirkskonferenz in Leinfelden-Echterdingen zu seiner Nachfolgerin an der Spitze der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) in Baden-Württemberg gewählt werden. Benjamin Stein, Jahrgang 1980, derzeit Geschäftsführer des Verdi-Bezirks Fils-Neckar-Alb mit Sitz in Reutlingen, soll im Übrigen als Nachfolger von Schollenberger neuer stellvertretender Landesbezirksleiter von Verdi Baden-Württemberg werden, wie Gross bei einem Besuch beim GEA mitteilte.

»Niederlagen gehören dazu. Aber ich bin immer mutig geblieben«, sagt Gross und denkt an gescheiterte Betriebsratsgründungen, Firmenschließungen und Austritte von Mitgliedern aus der Gewerkschaft zurück. Er habe sich dennoch stets als »Dienstleister für die Arbeitswelt« verstanden – und sich daher über Erfolge gefreut: etwa im Kampf gegen »zu viele befristete Arbeitsverhältnisse, die die Gründung einer Familie erschweren«; oder dass es gelungen sei, den Erzieherinnenberuf und die Pflege »deutlich aufzuwerten«. In Zeiten von Arbeitskräftemangel schmückten sich ja sogar manche Arbeitgeber »mit guten Tarifverträgen«.

Im Storlach-Viertel aufgewachsen

Gross erblickte am 9. Oktober 1960 das Licht dieser Welt. Der Sohn eines Webers und einer Haushälterin wuchs mit einem acht Jahre jüngeren Bruder im Reutlinger Storlach-Viertel auf. Nach dem Abschluss in der Hermann-Hesse-Realschule machte er bei Spar eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Es folgten der Zivildienst in einem Kinderheim für schwer erziehbare Jugendliche und eine Zeit als Einkaufsdisponent bei Spar. Von 1984 bis 1988 war er Verwaltungsangestellter bei der damaligen Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV). Nach entsprechender Ausbildung mit Stationen in Mannheim und Hamburg arbeitete er als Gewerkschaftssekretär der HBV in Reutlingen. 1997 wurde er zum Bezirksgeschäftsführer der HBV Südwürttemberg berufen.

Nachdem die HBV 2001 mit vier weiteren Gewerkschaften (ÖTV, Deutsche Post-Gewerkschaft, IG Medien und DAG) zu Verdi zusammengeschlossen worden war, wirkte Gross von 2002 an als Bezirksgeschäftsführer in Reutlingen und führte erst den Bezirk Neckar-Alb und, nach einer Fusion, von 2006 an den Bezirk Fils-Neckar-Alb, zuständig für die fünf Landkreise Reutlingen, Tübingen, Zollernalb, Esslingen und Göppingen. 2015 wurde Gross zusätzlich zum stellvertretenden Landesbezirksleiter von Verdi Baden-Württemberg gewählt. Nach dem überraschenden Wechsel seiner Vorgängerin Leni Breymaier (SPD) in die Politik wurde er im November 2016 Landeschef.

Er ist damit Vorgesetzter von aktuell 304 Beschäftigten in der Verdi-Landesverwaltung in Stuttgart sowie in sieben Bezirksgeschäftsstellen im Südwesten und verantwortet ein Jahresbudget von über 60 Millionen Euro. Verdi ist mit 211.000 Mitgliedern hinter der IG Metall die zweitstärkste Gewerkschaft in Baden-Württemberg. »Wir stehen für Vielfalt und für respektvollen Umgang miteinander«, so Gross, der es eine Herausforderung nennt, »den Laden neun Jahre lang zusammengehalten zu haben«. Verdi wird auch als die 1.000-Berufe-Gewerkschaft bezeichnet.

Auf die Nachfrage nach dem Schwund von knapp 224.000 Mitgliedern zu Beginn seiner Amtszeit bis nun 211.000 antwortet er: »Wir spüren eben auch den demografischen und den strukturellen Wandel.« Im Durchschnitt müsse Verdi im Land pro Jahr die Abgänge von 13.000 Mitgliedern durch Tod und Austritte (meistens wegen Eintritten in den Ruhestand) hinnehmen. Bei Post, Telekommunikation und Medien seien viele Arbeitsplätze und damit auch Gewerkschaftsmitglieder verloren gegangen. »Sorgenkind« sei auch der Handel: »Wir waren früher bei Kaufhof und Real stark und haben dort viele Mitglieder durch Arbeitsplatzabbau verloren.«

Gross war es wichtig, den Beschäftigten vor Ort zuzuhören und mit ihnen über ihre Alltagsprobleme zu reden. Er hat auch als Verdi-Landeschef viele Betriebe besucht, ist nahe bei den Leuten und somit »der Martin« geblieben. Er hat seinen »Reutlinger Betriebsblick« in die Landesorganisation eingebracht und die Losung vorgelebt, die er ausgegeben hatte: »Mehr Betrieb – weniger Saal!« Nur eine starke Betriebsorientierung mache die Gewerkschaft stark und durchsetzungsfähig, sagt er.

Politischer Kaufmann

Gross sieht sich selbst als politischer Kaufmann. Die Gewerkschaft müsse ihr Geschäft ordentlich machen, ihre eigenen Finanzen im Griff behalten, erklärt der gelernte Kaufmann. Der scharfzüngige Redner aus dem linken Gewerkschaftsflügel hat sich aber auch klar politisch geäußert. Er ist einer der wenigen Gewerkschaftsbosse ohne Parteibuch und hat zu den Vertretern aller demokratischen Parteien Kontakte gepflegt. Das von ihm mit angestoßene »Bündnis gegen Altersarmut« habe sich super entwickelt, merkt er an. Über 40 Organisationen machten mit und übten damit Druck auf die Politik aus: »Eine reiche und soziale Gesellschaft darf es nicht zulassen, dass Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, in Armut leben«, sagt er.

Durch seine Ämter als Aufsichtsrat der Bausparkasse Schwäbisch Hall und als Verwaltungsrat der L-Bank sei ihm besonders bewusst geworden, »wie schwierig das Thema Wohnen in Deutschland geworden ist«. Die meisten Arbeitnehmer könnten sich Eigentum nicht mehr leisten. Die Gewerkschaften könnten auch nicht auf Dauer den Anstieg der Mieten über höhere Löhnen ausgleichen. Kummer bereite ihm – bei vorgesehenen deutlich höheren Ausgaben für Rüstung – auch die Finanzierung der Kommunen: »Wenn die Kommunen in die Knie gehen, stirbt die Demokratie.« Sein Lösungsansatz: »Bei den Herausforderungen, die wir haben, müssen hohe Einkommen und Vermögen mehr herangezogen werden.«

Gross ist zum zweiten Mal verheiratet und wohnt inzwischen in Tübingen. Er ist Vater dreier erwachsener Kinder, Patchwork-Opa von sechs Enkeln und hat einen Hund. Er kocht und reist gerne, ist als Ex-Jugend-Fußballspieler des FC Reutlingen am Sportgeschehen interessiert. Im Ruhestand will er mehr Zeit mit seinen Enkeln verbringen und sich beim Sozialverband VdK engagieren. (GEA)