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Aktuell Metallindustrie

»Forderung der IG Metall ist viel zu hoch«

Gespräch mit der Spitze der Bezirksgruppe Reutlingen des Arbeitgeberverbands Südwestmetall vor der anstehenden Tarifrunde.

Vorsitzender Martin Holder (rechts) und Gesschäftsführer Jan Vetter von der Bezirksgruppe Reutlingen des Arbeitgeberverbands Süd
Vorsitzender Martin Holder (rechts) und Gesschäftsführer Jan Vetter von der Bezirksgruppe Reutlingen des Arbeitgeberverbands Südwestmetall. Foto: Südwestmetall
Vorsitzender Martin Holder (rechts) und Gesschäftsführer Jan Vetter von der Bezirksgruppe Reutlingen des Arbeitgeberverbands Südwestmetall.
Foto: Südwestmetall

REUTLINGEN. »Die Forderung der IG Metall nach sieben Prozent mehr Lohn ist viel zu hoch«, sagt Jan Vetter. Der Geschäftsführer der Bezirksgruppe Reutlingen des Arbeitgeberverbands Südwestmetall verweist im Gespräch mit dem GEA auf die derzeit schwierige gesamtwirtschaftliche Lage und die Uneinheitlichkeit bei den Betrieben. Dann stellt er fest: »Diese Forderung übersteigt die Leistungsfähigkeit der meisten Unternehmen.« Martin Holder, im Hauptberuf Vorstandsmitglied der Reutlinger Maschinenfabrik Wafios AG und im Ehrenamt Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe, fügt hinzu: »Wir benötigen dringend einen verkraftbaren Tarifabschluss im kommenden Herbst.« Sonst befürchte er Stellenabbau, Investitionen hiesiger Firmen im Ausland und Tarifflucht, also Austritte von Unternehmen aus dem tarifgebundenen Arbeitgeberverband.

Im November 2022 hatte es in Baden-Württemberg einen Pilotabschluss für die Metall- und Elektroindustrie mit ihren 3,9 Millionen Beschäftigten in Deutschland gegeben. Dieser Entgelttarifvertrag mit zwei Jahren Laufzeit ist zum 30. September gekündigt. Er sah unter anderem zwei Inflationsausgleichsprämien von jeweils 1.500 Euro vor. Zudem stiegen die Entgelte zum 1. Juni 2023 um 5,2 Prozent und zum 1. Mai dieses Jahres um weitere 3,3 Prozent. Das durchschnittliche Jahresentgelt in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie liegt nun bei knapp 75.000 Euro. Für 11. September ist im Südwesten eine erste Verhandlungsrunde angesetzt. Von 29. Oktober an sind Warnstreiks möglich.

Für automatische Differenzierung

Vetter zeichnet mit Blick auf Ergebnisse der jüngsten Umfrage von Südwestmetall, die er auf die Bezirksgruppe Reutlingen runtergebrochen hat, »ein negatives Stimmungsbild«. Demnach hat sich in 70 Prozent der Unternehmen gegenüber dem Vorjahr die Auftragslage verschlechtert, teilweise sogar sehr deutlich, bei 72 Prozent ist die Produktionsmenge im Inland gesunken. In 75 Prozent der Betriebe habe sich die Beschäftigung an deutschen Standorten 2024 gegenüber 2023 verschlechtert, in 60 Prozent die Ertragslage. »Knapp 40 Prozent unserer Betriebe haben eine Nettoumsatzrendite von zwei Prozent und weniger, jedes siebte Unternehmen schreibt rote Zahlen«, sagt Vetter. Es sei schwierig, Beschäftigung zu sichern oder nennenswert zu investieren.

Noch sei die Beschäftigung in den regionalen Metallbetrieben »einigermaßen stabil«, erklärt der promovierte Jurist Vetter. »Die Beschäftigungspläne gehen aber nach unten. Im Moment plant jedes fünfte Unternehmen Kurzarbeit. Wegen angespannter Liquiditätslage nehmen die Themen Ergänzungstarifvertrag und Personalabbau in unserer Beratung zu«, sagt der Geschäftsführer. Holder, Jahrgang 1958 und seit 2020 Bezirksgruppen-Vorsitzender, berichtet, dass viele Unternehmer die schlechten Rahmenbedingungen hierzulande beklagten: »vor allem die hohen Arbeitskosten, die Bürokratie und die hohen Energiekosten«. Der Verlagerungsprozess habe Fahrt aufgenommen. »Es macht einem Angst, dass Deutschland schleichend deindustrialisiert wird«, sagt Holder und ergänzt: »Wenn mal die Grundsatzentscheidung gefallen ist, im Ausland eine Produktionshalle zu bauen, dann werden dort oft auch künftige, neue Produkte hergestellt.« Er merkt an, die Geschäftsführer der in der Bezirksgruppe organisierten Firmen hätten alle den Ehrgeiz, ihre Unternehmen in der Region weiterzuentwickeln, »aber wenn die Bedingungen nicht passen, nutzt ihnen ihre Risikobereitschaft nichts«.

Entsprechend treffe die Ansage von Harald Marquardt, Verhandlungsführer von Südwestmetall, dass – angesichts der äußerst schwierigen Gesamtlage – für die anstehende Tarifrunde jegliche Lohnsteigerung schon zu viel sei, den aktuellen Nerv vieler Unternehmen, so Holder: »Alle sagen: ›Wir packen das momentan nicht anders angesichts von Umsatzeinbrüchen.‹« Er habe durchaus den Eindruck, dass auch die Beschäftigten in den Betrieben die Sorge umtreibe, ob ihre Arbeitsplätze in den nächsten Jahren noch sicher blieben. Mit der Konkurrenz aus China bei Autos und Maschinen, durch zunehmende Handelshemmnisse und durch die Transformation bei Fahrzeugantrieben gebe es weitere Unsicherheitsfaktoren.

Bonus für Gewerkschaftsmitglieder?

Der Druck auf Südwestmetall aus den Betrieben habe zugenommen, erläutern Vetter und Holder. Für die Forderungen der IG Metall nach sieben Prozent und einem Bonus für Gewerkschaftsmitglieder gebe es bei den Firmenlenkern kein Verständnis. »Es kann doch nicht angehen, dass auf dem Rücken der Unternehmen die Mitgliedgliederwerbung der Gewerkschaft finanziert wird«, sagt Vetter zu der Forderung, Gewerkschaftsmitgliedern Sondervorteile zu gewähren. Dieses Begehren ist in Anlehnung an den Tarifabschluss in der Chemie-Branche entstanden, in der Gewerkschaftsmitglieder einen zusätzlichen freien Tag erhalten.

Holders Sorge ist, dass es nach einem aus Sicht der Unternehmen zu teuren Tarifabschluss zu weiteren Austritten aus Südwestmetall kommen könnte – »und der Flächentarif weiter zerfleddert wird«. Vetter, Jahrgang 1972 und seit 2011 Bezirksgeschäftsführer in Reutlingen, erinnert daran, dass es zu Beginn seiner Amtszeit lediglich 40 Mitgliedsbetriebe im nicht tarifgebundenen Unternehmerverband Südwest gegeben habe. Inzwischen seien es mehr als vier Mal so viele (siehe Infobox).

Künftige Tarifabschlüsse wären laut Vetter und Holder für die Unternehmen besser verkraftbar, wenn die automatische Differenzierung ausgebaut würde. Die Betriebe sollten demnach Entgeltbestandteile nur in Abhängigkeit von ihrer Ertragslage zahlen müssen. Bisher gilt das für etwa 400 Euro pro Beschäftigten ab einer Umsatzrentabilität des Betriebs von 2,3 Prozent. Vetter führt aus: »Es bedarf keiner Verhandlung, sondern nur einer Information an den Betriebsrat.«