Logo
Aktuell Finanzen

Digitaler Euro: So könnten wir in Zukunft bezahlen

Bekommt die europäische Währung in ein paar Jahren eine digitale Ergänzung? Wie es um das große Projekt steht.

Euro-Münzen und Banknoten könnten um eine ganzheitliche, europäische Variante ergänzt werden: Der digitale Euro ist in Planung.
Bei der Aktivrente können bis zu 2.000 Euro steuerfrei verdient werden. Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa
Bei der Aktivrente können bis zu 2.000 Euro steuerfrei verdient werden.
Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

REUTLINGEN. Der Euro wird modernisiert – aber das Bargeld wird nicht ersetzt. Unter diesem Leitmotiv arbeitet die Europäische Zentralbank (EZB) gemeinsam mit den nationalen Zentralbanken der bald 21 Mitgliedstaaten (Bulgarien stößt zum 1. Januar hinzu), die den Euro als offizielle Währung eingeführt haben, an der digitalen Ergänzung des Euro. Laut Stimmen einiger Analysten ist es das größte Währungsprojekt seit der Einführung von Bargeld, und für Daniel Metcalf, Experte für den digitalen Euro bei der Deutschen Bundesbank, ist der Grund klar: »Wir möchten unsere gemeinsame Währung zukunftsgerecht machen.«

Metcalf verweist vor allem auf das veränderte Zahlverhalten im Euroraum. 2019 wurde noch in 74 Prozent der Zahlungsvorgänge mit Bargeld abgewickelt, 2024 waren es 52 Prozent – ein kontinuierlicher Rückgang. »Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran, da muss auch der Euro mitgehen«, sagt er. Besonders unter Jüngeren seien Kartenzahlungen, Smartphone-Zahlungen, wie Apple Pay und Google Pay, sowie Online-Bezahldienste wie PayPal der neue Standard. Gleichzeitig wachse der Onlinehandel weiter – ein Bereich, in dem Bargeld schlicht an seine Grenzen stößt.

Daniel Metcalf, Experte für den digitalen Euro bei der Deutschen Bundesbank.
Daniel Metcalf, Experte für den digitalen Euro bei der Deutschen Bundesbank. Foto: Deutsche Bundesbank
Daniel Metcalf, Experte für den digitalen Euro bei der Deutschen Bundesbank.
Foto: Deutsche Bundesbank

Die Antwort darauf soll ein »digitaler Zwilling des Bargelds« sein. Metcalf beschreibt den digitalen Euro als »digitale Geldbörse«, mit der die Menschen überall im Euroraum bezahlen könnten – online, in Geschäften, direkt von Person zu Person und sogar offline, das heißt auch ohne Internetverbindung. Geplant ist, dass der digitale Euro sowohl über eine eigene App als auch über bestehende Banking-Apps der Banken genutzt werden kann.

Besonders wichtig ist Metcalf die Abgrenzung zum klassischen Geldbeutel: »Der digitale Euro ist keineswegs als Ersatz für Bargeld gedacht.« Scheine und Münzen sollen also bleiben. Der digitale Euro wäre unverzinst, sicher, staatlich garantiert und immer im Verhältnis eins zu eins zum klassischen Euro. »Es handelt sich also nicht – wie oft vermutet – um einen Krypto-Asset, sondern um Euro, die von der Zentralbank herausgegeben werden, wie das Bargeld.«

Warum Europa eine eigene Lösung will

25 Jahre nach Einführung des Euro fehle es weiterhin an einer europäischen digitalen Bezahllösung, die überall im Euroraum verwendet werden kann. Nationale Kartensysteme wie die Girocard funktionieren nur in einzelnen Regionen oder Mitgliedsstaaten, und im Ausland nur dank Kooperationen mit Visa oder Mastercard. Eine Mehrheit der Euroländer hat gar kein eigenes Kartensystem, so Metcalf.

Für den 45-Jährigen ist das ein strategisches Problem: »Über zwei Drittel aller Kartenzahlungen in Europa werden derzeit von amerikanischen Anbietern wie Visa und Mastercard abgewickelt. Das ist eine starke Abhängigkeit in einem systemrelevanten Bereich wie dem Zahlungsverkehr.«

Das wirft für Metcalf gerade in geopolitisch angespannten Zeiten eine zentrale Frage auf: »Kann das so bleiben?« Der digitale Euro soll Europas Unabhängigkeit stärken und ein Bezahlsystem schaffen, das auf europäischem Recht, europäischen Datenschutzstandards und europäischer Infrastruktur basiert. Ein wesentlicher Vorteil nach Metcalf: Die EZB habe – anders als viele private Anbieter – kein kommerzielles Interesse an Nutzerdaten. »Der digitale Euro wird ein hohes Maß an Datenschutz bieten«, betont der Experte.

Wie es jetzt weitergeht

Damit der digitale Euro kommen kann, braucht es ein europäisches Gesetz als solides Fundament. Den Vorschlag dafür hat die EU-Kommission im Juni 2023 vorgelegt. Derzeit wird er im Europäischen Parlament sowie im Rat der EU verhandelt. Erst wenn der Gesetzesvorschlag verabschiedet wurde, darf das Eurosystem einen digitalen Euro überhaupt einführen. Die EZB macht damit keinen Alleingang – die politische Entscheidung liegt in Brüssel.

»Unsere Hoffnung ist, dass der Gesetzgebungsprozess in Brüssel bis Mitte nächsten Jahres abgeschlossen wird«, sagt Metcalf. Danach benötigt das Eurosystem rund zweieinhalb Jahre, um die Einführung vorzubereiten. Die EZB hält eine Pilotphase ab 2027 und eine mögliche Markteinführung ab 2029 für realistisch. Metcalf betont: »Der digitale Euro muss hundertprozentig funktionieren, wenn er an den Start geht.«

Viele technische und rechtliche Details sind noch offen. Ob der digitale Euro tatsächlich kommt – und in welcher Form – entscheidet sich nun zunächst in Brüssel. Für Metcalf steht jedoch fest: Europa müsse jetzt handeln, um seine strategische Souveränität zu sichern und den Euro für die Zukunft fit zu machen. (GEA)