REUTLINGEN/STUTTGART. Baden-Württemberg ist stark durch die Autoindustrie und ihre Zulieferer und den Maschinenbau geprägt. Viele Unternehmen kündigten in der Vergangenheit zum Teil einen massiven Stellenabbau an. So will unter anderem Bosch Tausende Jobs streichen. Aber gleichfalls bauen Porsche, Mercedes-Benz, Daimler Truck oder viele kleinere Mittelständler Arbeitsplätze ab.
Die konjunkturelle Dauerkrise sorgt für mehr Firmenpleiten in Baden-Württemberg. Die Insolvenzquote wird im Land 2025 auf voraussichtlich 64 Fälle je 10.000 Bestandsunternehmen steigen, wie aus Hochrechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform hervorgeht. Im Vorjahr betrug die Quote 58. Im laufenden Jahr erwartet die Auskunftei 2.740 Firmeninsolvenzen im Südwesten. Das sei ein Plus von 10,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Deutschland zählt so viele Firmenpleiten wie seit 2014 nicht. 23.900 Unternehmen werden den Hochrechnungen zufolge bis zum Ende des laufenden Jahres Insolvenz angemeldet haben. Das wären über acht Prozent mehr als im Vorjahr. Im Jahr 2014 gaben amtlichen Angaben zufolge mehr als 24.000 Unternehmen hierzulande auf. Für 2026 rechnen die Analysten deutschlandweit mit einer leichten Zunahme der Insolvenzen auf 24.500 Fälle. Geschätzt 285.000 Arbeitsplätze sind durch Insolvenzen in diesem Jahr bedroht oder weggefallen - vom Autozulieferer bis zum Schuhhändler.
Bündel an Problemen
Gleich ein ganzes Bündel an Problemen macht der Automobilbranche zu schaffen: US-Zölle, chinesische E-Auto-Konkurrenz, Absatzflaute. Binnen eines Jahres wurden in der deutschen Automobilbranche fast 50.000 Jobs gestrichen. Reihenweise rutschten Zulieferer in die Pleite. Dies hat 2025 nun auch Baden-Württemberg als Autobauer-Bundesland hart getroffen. Sogar der weltweit größte Autozulieferer und Branchenprimus Bosch hat angekündigt, den Rotstift hart anzusetzen. In Reutlingen will das Unternehmen rund 1.100 Stellen streichen. Insgesamt sollen deutschlandweit 13.000 Stellen abgebaut werden. Die Stimmung unter den Beschäftigten von Bosch ist entsprechend getrübt.
Jüngste Hiobsbotschaft kommt vom Maschinen- und Anlagenbauer Voith aus Heidenheim. Hier könnte gut ein Zehntel der Mitarbeiter den Job verlieren. Wie der Technologiekonzern aus dem Osten Baden-Württembergs mitteilte, prüft man Anpassungen bei Organisationsstrukturen und Belegschaft im Rahmen einer strategischen Weiterentwicklung. »Im Rahmen der Anpassungen wird eine Reduzierung von bis zu 2.500 Stellen erwartet«, hieß es weiter. Deutschland nehme bei den Überlegungen eine Schlüsselrolle ein. Zwar verfüge der Standort über technologische Kompetenz und Innovationskraft, gleichzeitig gebe es strukturelle Probleme. Genannt wurden insbesondere hohe Energie- und Arbeitskosten, komplexe regulatorische Anforderungen und ein hoher bürokratischer Aufwand.
Bevor noch eine richtige Fertigung beginnen konnte, hat der Autobauer Porsche die Produktion seiner Tochter Cellforce Group in Kirchentellinsfurt schon wieder zugemacht. Gerade einmal drei Jahre nach der Grundsteinlegung werden 200 der 286 Beschäftigten gekündigt. Was mit den Fördergeldern von Bund und Land geschieht, die in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe gezahlt wurden, bleibt bisher unklar.
Angst bei den Menschen
Die Menschen in Baden-Württemberg haben Angst um ihren Job. Jeder Fünfte sorgt sich um seinen Arbeitsplatz, wie aus einer in Stuttgart veröffentlichten Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Unternehmer Baden-Württemberg hervorgeht. Männer fürchteten deutlich mehr um ihr Beschäftigungsverhältnis als Frauen, jüngere Erwerbstätige mehr als ältere.
Der Präsident der Unternehmer Baden-Württemberg, Thomas Bürkle, sagte, die Menschen im Land seien besorgt, und diese Besorgnis erschöpfe sich nicht in kurzfristigen Stimmungswerten. »Sie reicht tief in das Zukunftsvertrauen hinein. Wir müssen das ernst nehmen.« Der repräsentativen Umfrage zufolge sieht die Mehrheit der Bevölkerung im Südwesten die Lage der Industrie kritisch. 38 Prozent halten die Lage der Industrie im Bundesland für gut, 56 Prozent für schwierig, wie Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher mitteilte. (GEA)

