REUTLINGEN/KUSTERDINGEN. Der angekündigte Abbau von 1.100 Arbeitsplätzen bei Bosch in Reutlingen und Kusterdingen sorgt seit Monaten für Unruhe – am Montag nun für lauten Protest: Nach der Betriebsversammlung versammelten sich um die 1.000 Beschäftigte vor der Reutlinger Stadthalle und zogen in einem Demonstrationszug durch die Stadt. Viele trugen ihre Sorge offen im Gesicht. »Jeder hat die Hoffnung, es ändert sich noch was«, sagte eine Mitarbeiterin. Andere wollten sich gar nicht äußern – zu groß sei die Unsicherheit.
Am Demozug (organisiert von der IG Metall Reutlingen-Tübingen) beteiligten sich auch Delegationen aus anderen Bosch-Standorten, darunter Renningen, Beschäftigte von Elring Klinger und der Walter AG sowie Mitglieder der MLPD und die Linke-Bundestagsabgeordnete Anne Zerr.
»Wie eine Familie treten wir füreinander ein«, rief der Betriebsratsvorsitzende Thorsten Dietter in die Menge, die lautstark die Tübinger Straße entlang zum Bosch-Standort zog. Auf den Protestschildern war unter anderem zu lesen: »Zwei Privatjets, Tausende Entlassungen. Bosch fliegt, wir fallen« und »Kampf um jeden Arbeitsplatz für die Jugend«. Die Sprechchöre riefen: »Stoppt die Job-Killer!«, und vereinzelt wurden Bengalos abgebrannt. »Das ist kein Trauerzug, das ist ein Protestmarsch – für gute Perspektiven, sichere Arbeitsplätze und gegen die Streichungen«, stellte Dietter, begleitet von Applaus, klar.
Stellenabbau weltweit
Der geplante Stellenabbau ist Teil einer Sparrunde im Konzern. Bosch steht – wie die gesamte deutsche Autozulieferindustrie – unter massivem Druck. Schwindende Marktanteile und wachsender Wettbewerb, vor allem durch günstigere und schnellere Anbieter aus China, stellen die Sparte Mobility Electronics vor Herausforderungen.
Schon 2023 und 2024 kündigte Bosch an, weltweit mehr als 14.000 Jobs abbauen zu müssen. Ende 2024 beschäftigte der Konzern bereits rund 11.600 Menschen weniger (gesamt 417.900) als noch im Vorjahr. Die Maßnahmen, die nach Angaben des Unternehmens der Zukunftssicherung dienen, sollen bis 2030 abgeschlossen sein. An die bereits betroffenen Standorte, etwa Stuttgart-Feuerbach, Schwieberdingen oder Bühl, schlossen sich zuletzt auch Reutlingen und Kusterdingen an. Bosch will den Standort im Südwesten stärker auf die Halbleiterproduktion ausrichten – einen Bereich, in den der Konzern in den vergangenen Jahren Milliarden investiert hat.
Über die Hälfte der Streichungen sollen auf Kusterdingen entfallen
Nach Angaben der Arbeitnehmervertretung IG Metall seien von den insgesamt 1.100 gefährdeten Stellen rund 650 im Werk 2 in Kusterdingen betroffen, die restlichen Stellen entfallen auf den Standort Reutlingen. Auf welche Bereiche genau, konnten weder Betriebsratschef Thorsten Dietter noch Claudia Hülsken, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Reutlingen-Tübingen, sagen. Denn die Details werden noch diskutiert. Seitens Bosch war im Juli von Stellen in der Steuergerätefertigung – und entwicklung, sowie der Verwaltung die Rede.
Seit Ende 2024 ist zudem klar, dass die Fertigung für Lenkung und Radar ab 2026 beziehungsweise 2027 schrittweise eingestellt wird. Über die Zukunft weiterer Bereiche wie der Leistungselektronik werde derzeit noch verhandelt, so Hülsken.
Die Gewerkschaft kämpft dafür, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten, betriebsbedingte Kündigungen auch nach 2027 auszuschließen und die Ausbildung am Standort zu sichern. Junge Beschäftigte sollen gute Perspektiven bekommen, und notwendige Stellenreduzierungen sollen sozial verträglich gestaltet werden.
Tarifverhandlungen sind noch in vollem Gange
Seit September verhandeln IG Metall und Bosch deshalb über die Zukunft des Standorts. Elf Runden hat es bis dato gegeben, doch laut Dietter sei die Zahl von 1.100 gefährdeten Stellen noch immer »wie in Stein gemeißelt«. Der Arbeitgeber habe bislang erst einen Entwurf vorgelegt. Die Gewerkschaftsmitglieder zeigten sich einig: »Wir akzeptieren keine Alternativlosigkeit«, so Hülsken.
Was zuletzt vom Bereichsvorstand des Technologiekonzerns angekündigt wurde, wurde laut den IG Metallvertretern bereits umgesetzt: Die Reduzierung der 38- oder 40-Stunden-Verträge auf künftig 35 Wochenstunden für rund 2.100 Beschäftigte – verbunden mit bis zu 12,5 Prozent weniger Einkommen. Bosch sei diese Maßnahme durch tarifliche Sonderregelungen mit einer Drei-Monatsfrist möglich, erklärte die Chefin der IG Metall Reutlingen-Tübingen.
Übernahme der Azubis 2026 gesichert – Zukunft für 2027 noch offen
Der Protestmarsch brachte aber auch eine gute Nachricht ans Licht: Nach Aktionen der Jugend- und Auszubildendenvertretung konnte erreicht werden, »dass die Azubis, die 2026 auslernen, unbefristet übernommen werden«, so Hülsken. Für 2027 gebe es jedoch noch keine Zusage. Gleichzeitig plane Bosch – laut Betriebsratsmitglied Umut Köksal – die Zahl der bislang jährlich 80 Ausbildungsplätze nahezu zu halbieren. »Dann werden auch die Ausbilder halbiert«, schlussfolgerte Köksal. Aktuell gebe es am Standort Reutlingen rund 275 Azubis in insgesamt sieben Berufsgruppen.
Bosch betonte in einer Stellungnahme am Montag, man verstehe die Sorgen der Belegschaft: »Der erforderliche Stellenabbau fällt uns nicht leicht, ist zur Zukunftssicherung des Standorts Reutlingen jetzt aber dringend erforderlich«, hieß es in einer Pressemitteilung. Die Verhandlungen liefen »in konstruktiver Atmosphäre«. Das Ziel seitens Bosch sei es, »gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern sozialverträgliche Lösungen zu finden und die Umsetzung entsprechend zu gestalten«. Ob die Umsetzung letztlich mit Abfindungen oder Vorruheständen einhergeht, steht noch in den Sternen. Hierzu gebe es noch keine neuen Informationen.
Dietter fasste sich in seiner Hoffnung kurz: »Wir erwarten Zugeständnisse.« Im November und Dezember seien zwei bis drei Verhandlungstermine pro Woche angesetzt. Bosch wolle eine Einigung »vor Weihnachten« – die IG Metall hingegen setze auf »Qualität vor Geschwindigkeit.«
Trotz aller noch bestehenden Unsicherheiten zeigte sich der Betriebsratsvorsitzende optimistisch: »Wir glauben nicht, dass wir auf null Stellenstreichungen kommen werden. Aber wir glauben, dass wir die Zahl verringern können – und den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen nach 2027 sichern.« Der Protestzug habe gezeigt, wie viel Rückenwind die Arbeitnehmerseite habe. Die Unsicherheit bleibt – doch das Gefühl, gemeinsam etwas bewegen zu können, ebenfalls. (GEA)



