REUTLINGEN. Michael Bläsius, 62, ist seit mehr als 46 Jahren für die Sparkassen-Finanzgruppe tätig, davon über 42 Jahre für die Kreissparkasse Reutlingen. Er begann mit 16 als Lehrling, wurde mit 37 Vorstandsmitglied und stieg mit 50 zum Vorstandsvorsitzenden auf. Seit über zwei Jahrzehnten gehört er dem Vorstand der Kreissparkasse Reutlingen an, seit zwölf Jahren steht er an oberster Stelle. Ehe Bläsius nun zum Jahresende in den Ruhestand geht, zieht er im Gespräch mit dem GEA »ein uneingeschränkt positives Fazit« und sagt: »Mein Beruf hat mich voll erfüllt. Ich hatte immer das Glück, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle auf die richtigen Menschen zu treffen, die es mir ermöglicht haben, einen nächsten Schritt zu gehen.«
Bei einer Feier mit Repräsentanten aus der Region und der Sparkassen-Finanzgruppe hat Matthias Neth, Präsident des Sparkassenverbands Baden-Württemberg, Bläsius jüngst die Große Sparkassenmedaille verliehen. Landrat Ulrich Fiedler, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Kreissparkasse Reutlingen, lobte: »Michael Bläsius hat über Jahrzehnte hinweg verantwortungsvoll, verlässlich und vorausschauend gehandelt. Sein Einsatz und seine Führungsstärke haben die Kreissparkasse Reutlingen nachhaltig geprägt.«
Bei der betrieblichen Weihnachtsfeier hat sich Bläsius von der Belegschaft verabschiedet. Die Kreissparkasse Reutlingen steht für eine Bilanzsumme von 6,4 Milliarden Euro, führt über 163.000 Girokonten und hat 850 Mitarbeitende. Sie ist das größte Finanzinstitut mit Sitz im Landkreis Reutlingen.
Freiräume für Beschäftigte
Bläsius war sehr kollegial unterwegs, wie aus dem Institut zu vernehmen ist. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er dazu: »Durch die zunehmende Regulatorik ist das Bankgeschäft in den vergangenen 15 Jahren sehr komplex geworden.« Es würden viele Spezialisten benötigt. »Da kann ich doch nicht sagen, nur weil ich der Chef bin, weiß ich es besser.« Deshalb habe er gerne Freiräume gelassen, dass sich Beschäftigte entfalten konnten. »Es darf auch mal was in die Hecken gehen, aber man sollte dann daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen«, fügt er hinzu.
Finanzkrise, Null- und Negativzinsen, Digitalisierung, Corona-Pandemie und Wirtschaftskrise: Bläsius hatte die Kreissparkasse Reutlingen in herausfordernden Zeiten zu lenken. Er selbst sagt: »Schwierig empfand ich immer Situationen, wenn Entscheidungen persönliche Konsequenzen hatten.« Es sei ihm nie gleichgültig gewesen, wenn jemand seine Stelle verloren habe oder ein Betrieb Insolvenz anmelden musste.
Stark bewegt habe ihn auch der Beschluss im Jahr 2016, aufgrund des geänderten Kundenverhaltens in Richtung Online-Banking von damals 83 Zweigstellen 44 zu schließen. Aktuell hat die Kreissparkasse Reutlingen 34 Filialen. Bläsius merkt dazu an: »Sparkasse funktioniert nur, wenn es Anlaufstellen gibt. Die Digitalisierung der Geschäfte geht zwar weiter. Bei bestimmten Finanzthemen redet ein Mensch aber sicherlich auch künftig gerne an einem Tisch mit einem Menschen. Das ist unsere Stärke, die dürfen wir nicht aufgeben.«
Das neue Sparkassenhaus
Überhaupt habe er das Aufeinandertreffen von Menschen, »die Riesenbandbreite an Charakteren und Persönlichkeiten«, immer sehr spannend an seiner Arbeit gefunden. Besonders angenehm sei es gewesen, als Vorstandsvorsitzender Spendenschecks zu überreichen und beispielsweise Positives für Senioren, Jugendliche und innovative Handwerker zu verkünden.
In der Schlussphase seiner Amtszeit erlebte er die Fertigstellungen der neuen Regionaldirektion Metzingen im Jahr 2022 für 25 Millionen Euro und des neuen Sparkassenhauses im Reutlinger Büropark Orschel im Jahr 2024 für 50 Millionen Euro. Zum Neubau in Reutlingen sagt er: »Unsere alte Zentrale an der Tübinger Straße war zu klein, wir hatten 100 Arbeitsplätze in gemieteten Räumen. Ein An- und Umbau hätte zu viele Kompromisse erfordert.« Er hebt hervor, dass dies eine Gemeinschaftsentscheidung von Vorstand und Verwaltungsrat gewesen sei.
Bläsius wurde im Mai 1963 in Reutlingen geboren und ist am Rande des Gmindersdorfs aufgewachsen. Er verließ die Hermann-Hesse-Realschule mit mittlerer Reife und ist nach eigenem Bekunden »eher zufällig bei der Bank gelandet«. Seine Lehre zum Bankkaufmann dauerte von August 1979 bis Frühjahr 1982. Danach hat er in guter Erinnerung, als Jung-Banker Urlaubs- und Krankheitsvertretungen in manchen Ein-Mann-Zweigstellen gemacht zu haben: »Man hat damals – noch weitgehend ohne Informationstechnologie – mit Papierlisten gearbeitet, auf denen die Kontonummern, die Kontostände und die Verfügungsrahmen der Kunden standen.«
Die Zeit in Bad Mergentheim
Es folgten von 1983 an 15 Monate Bundeswehr in Meßstetten, in denen er den Lastwagenführerschein machen und den Kommandeur fahren durfte. Bei der Kreissparkasse ging es anschließend als Berater für Wohnbaufinanzierungen in der Filiale Eningen für ihn weiter. 1990/1991 besuchte er das Lehrinstitut für das kommunale Sparkassen- und Kreditwesen in Bonn, das er als diplomierter Sparkassenbetriebswirt abschloss. Dies war eine wichtige Voraussetzung für die Übernahme von Leitungsfunktionen.
Bläsius arbeitete danach in der Vermögensberatung und kümmerte sich um einkommens- und vermögensstarke Kunden und somit auch um Wertpapiergeschäfte. »Da hat mir mit mein damaliger Vorgesetzter Ernst Zaia viel beigebracht.« 1996 wurde Bläsius Leiter der Regionaldirektion Metzingen der Kreissparkasse Reutlingen – mit Zuständigkeit für das Kreditgeschäft mit Unternehmenskunden und hohen Investitionen: »Das war schon ein großer Schritt, aber ich hatte auch in Metzingen eine gute Mannschaft, die mir geholfen hat.«
Manche Studienfreunde aus seiner Bonner Zeit waren inzwischen im Vorstand einer Bank angekommen. Entsprechend bewarb sich auch Bläsius – mit dem Ergebnis, dass er von Mai 2000 an in den Vorstand der damaligen Kreissparkasse Bad Mergentheim, der kleinsten Sparkasse in Württemberg, berufen wurde. 2002 sammelte er die Erfahrung einer Fusion: Die Kreissparkassen in Bad Mergentheim und in Tauberbischofsheim schlossen sich zur Sparkasse Tauberfranken zusammen.
Rückkehr in die Heimat
Bei einer Tagung von Kreissparkassenvorständen bot der damalige Chef der Kreissparkasse Reutlingen, Eugen Schäufele, Bläsius ein Vorstandsamt und damit die Rückkehr nach Reutlingen an. »Zwei Jahre später wäre ich wahrscheinlich nicht mehr aus Bad Mergentheim weggegangen«, sagt Bläsius heute mit Verweis auf seine damals schulpflichtigen Kinder und dann wohl vertiefte Freundschaften. So aber folgte er dem Ruf aus der Heimat gerne, wurde im Juni 2004 Vorstandsmitglied, im August 2009 stellvertretender Vorstandsvorsitzender und von Januar 2014 an Schäufeles Nachfolger.
Seit 2017 herrscht Kontinuität im Drei-Personen-Vorstand der Kreisparkasse Reutlingen. Wie berichtet, übernimmt Bläsius‘ bisheriger Stellvertreter Joachim Deichmann, 59, zum 1. Januar 2026 den Vorstandsvorsitz. Vorstandsmitglied Martin Bosch, 55, wird stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Der Vorstand wird von drei auf zwei Mitglieder verkleinert.
Bläsius will vom neuen Jahr an seine Französisch-Kenntnisse aktivieren. Zudem hat er vor, auf seinem uralten Akkordeon zu spielen. Mit Rad fahren, Joggen und Gymnastik will er sich fit halten. Zusammen mit seiner Frau Monika möchte er mit seinem kleinen Wohnmobil auf Reisen gehen. Auch seine beiden in Berlin und München lebenden Töchter will er gelegentlich besuchen. (GEA)

