REUTLINGEN/KUSTERDINGEN. »Es ist eine Zeit für mutige Entscheidungen, bei denen man ins Risiko gehen muss«, stellt Christian Hartmannsgruber, 61, im Gespräch mit dem GEA vor dem Hintergrund der anhaltenden Wirtschaftskrise fest. Er ist seit vier Jahren Geschäftsführer der RET Reutlinger Elastomer Technologie GmbH. Im September hat er im Rahmen eines Management-Buy-Outs die Mehrheit an dem Unternehmen von der Münchner Beteiligungsgesellschaft Fidelium Partners übernommen – acht weitere Schlüsselpersonen im Betrieb sind nun ebenfalls Gesellschafter/innen von RET.
»Es geht mir um die Arbeitsplätze der Menschen hier«, sagt Hartmannsgruber. RET, bis 2021 eine Tochterfirma des Reutlinger Familienunternehmens Reiff, hat aktuell 105 Beschäftigte aus 26 Nationen und mit vier Religionen. Bei der Sanierung der Fabrik für die Herstellung von Gummiformteilen mit Sitz im Industriegebiet Reutlingen-West auf Gemarkung Kusterdingen (Landkreis Tübingen) sieht der Geschäftsführer bereits etliche Zwischenziele erreicht: »Die Hausaufgaben sind gemacht. Jetzt entscheidet der Markt – natürlich braucht RET wieder höhere Abrufvolumina der Bestandskunden und neue Kundenaufträge, um den eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen.«
Rückblick: RET stand einst für Reiff Elastomertechnik, war seit 1967 eine Sparte und seit 2001 eine Tochterfirma von Reiff, die 2006 ihren jetzigen Standort bezog. Anfang 2021 verkaufte Reiff die damalige RET GmbH an Fidelium. Das Unternehmen ist im Wesentlichen Lieferant von Automobilzulieferern, bietet Dichtungs- und Dämpfungssysteme zum Schutz vor Wärme, Korrosion und Vibrationen an. Das Spezial-Knowhow von RET besteht in der Beherrschung verschiedener Technologien zum Herstellen und Auftragen von elastomeren Dichtungen. Neben Automobilzulieferern gehören Maschinenbauer, Lebensmittelindustrie und Medizintechnik zu den etwa 150 Kunden von RET.
Trennung von verlustträchtigen Umsätzen
Das Unternehmen schrieb bei Übernahme durch Fidelium rote Zahlen. Hartmannsgruber, der bereits an der Spitze anderer Firmen gestanden hatte, wurde von Fidelium Ende 2021 als Geschäftsführer geholt. »Ich habe viel mit den Mitarbeitern in der Produktion gesprochen. Die Leute dort wissen viel – das muss man nutzen. Sie haben ein großes Interesse am Unternehmen«, erzählt er. In der Folge sei die Ausschuss-Produktion drastisch verringert worden. Zudem sei klar geworden, dass der Personalstand zu hoch sei. Die Belegschaft sei von 170 auf 105 geschrumpft, vor allem durch die Trennung von phasenweise 40 Leiharbeitern. Bei der seit dem Jahr 2017 bestehenden Tochterfirma von RET in Rumänien sei die Zahl der Mitarbeiter von 60 auf knapp 30 halbiert worden.
Die Analyse der Aufträge hat Hartmannsgruber zufolge ergeben, dass in etlichen Fällen unterm Strich draufgezahlt worden sei. »Ich habe mit den Kunden gesprochen. Danach ist es zu Preiserhöhungen gekommen oder wir haben uns von verlustträchtigen Umsätzen getrennt.«
Eine weitere große Belastung sei indes die Verschuldung des Unternehmens mit über 10 Millionen Euro gewesen. Im Benehmen mit Fidelium sei es somit auch darum gegangen, einen neuen Investor für RET zu finden. Es habe Kauflustige aus Industrie und Finanzbranche gegeben. »Diese möglichen Käufer waren jedoch nicht an einer langfristigen Standortsicherung interessiert, sondern eher am Gewinn von Kunden und Aufträgen nebst einer Verlagerung der Produktion«, berichtet der Geschäftsführer. Daher sei er vor der Frage gestanden: Management-Buy-Out oder Schließung?
Vollständig entschuldet
Aus Gesprächen mit den Beschäftigten (»Wir glauben an Sie«), mit dem Vermieter der Fabrik, der Fiedler-Gewerbeimmobilien-Gruppe, und mit Bosch als wichtigstem Kunden habe er abgeleitet, dass es »eine Daseinsberechtigung für RET« gebe. Hartmannsgruber hat dann gezielt mit acht Mitstreiter(inne)n die RET Beteiligungs-GmbH gegründet, um die RET Reutlinger Elastomer Technologie GmbH zu übernehmen und sie in eine eigenständige, stabile Zukunft zu führen.
Aufgrund entsprechender Verhandlungen mit Gläubigern sei RET nach dem Firmenverkauf »vollständig entschuldet und wirtschaftlich solide aufgestellt«, merkt Hartmannsgruber an. Alle Kernmitarbeiter seien gehalten worden. Wichtige Modernisierungsmaßnahmen seien eingeleitet, »um Qualität, Effizienz und Innovationskraft weiter zu erhöhen«. Als Beispiel nennt er die Investition in eine neue vollelektrische Spritzgießmaschine für 160.000 Euro.
Umsatz und Ebitda
Für das Jahr 2022 hat RET bei einem Umsatz von 25 Millionen Euro ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von minus 1,5 Millionen Euro ausgewiesen. Für 2023 steht bei einem Umsatz von 22,6 Millionen Euro ein Ebitda von 1,463 Millionen Euro zu Buche. Für 2024 ist noch kein Jahresabschluss veröffentlicht.
Hartmannsgruber nennt auf Nachfrage für das vergangene Jahr »nach bewusstem Verzicht auf manche Aufträge« einen Umsatz von 17,9 Millionen Euro und ein Ebitda von 100.000 Euro. Im laufenden Jahr habe RET bis Ende November einen Umsatz von 14,9 Millionen Euro und ein Ebitda von etwa 890.000 Euro erreicht. »Wir schwimmen uns langsam frei. Das liegt an besseren Preisen für unsere Produkte und an der Leistung des gesamten Teams«, sagt der Geschäftsführer. (GEA)

