Logo
Aktuell Arbeitsmarkt

Berufliche Ausbildung im Land unter Druck: Tausende Bewerber und unbesetzte Stellen gleichzeitig

Über 8.000 Bewerber suchen noch einen Platz, während fast 10.000 Stellen offen bleiben. Besonders Jugendliche ohne Schulabschluss, ausländische Bewerber und ältere Bewerber haben es schwerer, passende Ausbildungsplätze zu finden.

Viele Betriebe in Baden-Württemberg suchen weiter Nachwuchs – noch sind viele Ausbildungsplätze frei. Doch sprachliche und fachl
Viele Betriebe in Baden-Württemberg suchen weiter Nachwuchs – noch sind viele Ausbildungsplätze frei. Doch sprachliche und fachliche Defizite erschweren vielen Jugendlichen den Einstieg. Foto: Patrick Pleul
Viele Betriebe in Baden-Württemberg suchen weiter Nachwuchs – noch sind viele Ausbildungsplätze frei. Doch sprachliche und fachliche Defizite erschweren vielen Jugendlichen den Einstieg.
Foto: Patrick Pleul

STUTTGART. Die berufliche Ausbildung in Baden-Württemberg steht zunehmend unter Druck.
Auf einer Pressekonferenz mit Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, Vertretern der Bundesagentur für Arbeit, des Kultusministeriums, des Handwerks und des DGB wurde deutlich, dass sich die Lage am Ausbildungsmarkt im Berichtsjahr 2024/25 weiter verschärft hat.

Zum Stichtag 30. September waren über 8.000 Bewerber noch ohne Ausbildungsplatz – also weiterhin suchend. Betroffen sind vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit Hauptschulabschluss, ausländische junge Menschen sowie ältere Bewerber. Insgesamt wurden 53.781 Bewerber gemeldet. Rund 24.400 von ihnen konnten in eine Ausbildung vermittelt werden – das entspricht einem Anteil von 45 Prozent und liegt damit unter dem Vorjahreswert von 50 Prozent.

Von allen Bewerbern, die im Berichtsjahr bei den Agenturen für Arbeit gemeldet waren, haben etwa sieben Prozent keinen Ausbildungsplatz bekommen, aber trotzdem eine Arbeit aufgenommen. Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), Martina Musati, bedauert das: »So geht ein Teil des Fachkräftepotenzials verloren.« Knapp 20 Prozent der Bewerber entschieden sich wiederum für Schule, Studium oder ein Praktikum. Die übrigen verteilten sich auf Fördermaßnahmen, gemeinnützige Dienste oder ihr Verbleib ist nicht bekannt.

Weniger Stellen, mehr Bewerber

Auf der anderen Seite standen 73.669 gemeldete Ausbildungsstellen, darunter 71.398 betriebliche Ausbildungsstellen. Letztere werden direkt von Unternehmen angeboten – im Gegensatz zu schulischen Ausbildungsplätzen, die an Berufsschulen oder Akademien stattfinden. Aktuell sind noch gut 9.800 Ausbildungsstellen unbesetzt. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen ist im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent gesunken. Jedoch wurden im Berichtsjahr 2024/2025 auch weniger Berufsausbildungsstellen gemeldet (minus 4,8 Prozent). Gleichzeitig stieg die Zahl der Bewerber im Allgemeinen um 1,9 Prozent. Damit kommen nun 75 Bewerber auf 100 gemeldete Stellen – im Vorjahr waren es noch 70.

Die Tatsache, dass zum Ende des Berichtsjahres rund 8.000 junge Leute unversorgt und 9.800 Lehrstellen offengeblieben sind, zeigt deutlich, dass der Ausgleich am Ausbildungsmarkt schwieriger geworden ist. Seit Jahren wird dies zusätzlich dadurch erschwert, dass Angebot und Nachfrage regional, nach Berufsgruppen und nach Qualifikation der Bewerber stark unterschiedlich verteilt sind.

Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut erklärte: »Wir erleben nicht nur eine Welt im Wandel. Auch der Ausbildungsmarkt ist geprägt durch technischen Fortschritt und gesellschaftliche Veränderungen.« Sie macht deutlich: »Wir müssen Unternehmen ermutigen, weiter auszubilden und nicht nachzulassen.« Denn während das Handwerk noch leichte Zuwächse bei den Neuverträgen verzeichnet, meldet die Industrie Rückgänge. Kai Burmeister, Vorsitzender des DGB Landesbezirks Baden-Württemberg, warnte eindringlich: »Wenn wir heute nicht ausbilden, können wir 2035 keine starke Industrie haben.«

Mehr Bewerber mit Migrationshintergrund

73 Prozent der Bewerber im Berichtsjahr 2024/2025 sind deutsch, der Anteil ausländischer Bewerber ist um drei Prozentpunkte auf 27 Prozent gestiegen – ein Drittel davon im Fluchtmigrationskontext. BA-Chefin Martina Musati nannte zu diesem konkrete Zahlen: Von 4.723 ausländischen Bewerbern im Fluchtkontext konnten 34 Prozent eine Ausbildungsstelle ergattern – »ein Erfolgsfaktor«, wie sie betonte.

Musati wies zugleich auf sprachliche Defizite hin, die bei der Vermittlung von Ausbildungsstellen oftmals ein Problem darstellen: »Jugendliche, die mit 14 oder 15 Jahren eingereist sind, verlassen die Schule meist nicht mit ausreichenden Sprachkenntnissen. Wir müssen Unterricht anbieten, der es ermöglicht, dem Azubi-Schulinhalt zu folgen.« Auch Reiner Reichhold vom Handwerk bestätigte: »Kommunizieren geht schon, aber der theoretische Teil der Ausbildung ist oft die größere Hürde.«

Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.
Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Foto: Bernd Weißbrod
Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut.
Foto: Bernd Weißbrod

Sandra Boser, Staatssekretärin im baden-württembergischen Kultusministerium, erklärte, dass generell immer mehr Jugendliche die Mindeststandards in Mathematik und Deutsch nicht mehr erfüllen. »Die Förderung darf deshalb nicht nach der vierten Klasse enden«, so Boser. Deshalb setze das Land auf gezielte Programme, um Basiskompetenzen zu stärken – unter anderem auf das Sprachförderprogramm »SprachFit«, das Projekt »Starke Basis«, landesweites Lesetraining, sowie die Initiative »Bring dich ein« an Realschulen. Allesamt haben ein Ziel: Jugendliche schon in der Schule besser auf die Anforderungen der Berufsausbildung vorzubereiten.

Um die junge Generation, »die Zukunft unseres Landes«, wie Hoffmeister-Kraut betonte, besser zu erreichen, setze die Landesregierung zunehmend auf Soziale Medien. »Soziale Medien bieten große Chancen – wir erreichen Jugendliche da, wo sie sind: schnell, kreativ und authentisch«, so die Wirtschaftsministerin. Gleichzeitig warnte sie: »Exzessive Nutzung kann aber auch die Ausbildungsreife beeinträchtigen.«

Der Präsident des Handwerks Baden-Württemberg, Reiner Reichhold, hält im gleichen Zug vor allem faire Rahmenbedingungen für entscheidend, um junge Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen. Konkret sagte er: »Die Wirtschaft braucht moderne Arbeitsplätze, faire Vergütung und Vereinbarkeit von Ausbildung und Beruf.« Burmeister verwies zusätzlich auf die Wohnsituation von Auszubildenden, die vieles erschwere. Würde sich eine Lösung für mangelnde, bezahlbare Wohnangebote finden, könnten auch Bewerber aus anderen Bundesländern – etwa aus Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern – nach Baden-Württemberg kommen, um eine Ausbildung zu starten und so Lücken zu füllen. Der gemeinsame Appell an Eltern und Jugendliche laute letztlich: Chance nutzen – auch in der aktuellen Nachvermittlungszeit kann man noch einen Platz ergattern. (GEA)