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Bei Morgenstern Reutlingen: Vom Lehrling zum Chef

47 Jahre und fünf Monate in derselben Firma. Jetzt geht Erhard Wezel in den Ruhestand. Dem GEA erklärte er, was ihn immer bei Morgenstern gehalten hat.

Erhard Wezel  hat sich vorgenommen, seine Französisch-Kenntnisse zu verbessern und kulturelle Veranstaltungen zu besuchen.
Erhard Wezel hat sich vorgenommen, seine Französisch-Kenntnisse zu verbessern und kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Foto: Pieth
Erhard Wezel hat sich vorgenommen, seine Französisch-Kenntnisse zu verbessern und kulturelle Veranstaltungen zu besuchen.
Foto: Pieth

REUTLINGEN. 47 Jahre und fünf Monate war er beim Reutlinger Unternehmen Morgenstern angestellt. Er stieg vom Lehrling über die Stationen Handlungsbevollmächtigter und Prokurist bis in den Vorstand auf, dem er seit mehr als einem Vierteljahrhundert angehört. Er erlebte das Wachstum der Firma von 15 Beschäftigten im Jahr 1978 bis auf aktuell 310 Beschäftigte an elf Standorten in Deutschland und in der Schweiz mit. Doch nun endet bei der auf Druck- und Dokumentenmanagement spezialisierten Unternehmensgruppe eine Ära: Erhard Wezel geht zum Jahresende in den Ruhestand. Matthias Schmollinger, 48, bisheriger Serviceleiter und Prokurist bei Morgenstern, wird sein Nachfolger im Vorstand.

»Das Füreinander-Da-Sein, die Kollegialität, hat mich in dieser Firma immer begeistert«, sagt Wezel im Gespräch mit dem GEA und führt aus: »Du wirst gefordert, dir wird was zugetraut, du kannst dich beweisen. Wenn du Hilfe brauchst, bekommst du Hilfe. Deswegen bin ich so lange geblieben – und nicht, weil ich Vorstand werden wollte.«

Bei der Weihnachtsfeier hat ihn Robin Morgenstern, 48, Vorstandsvorsitzender der Morgenstern AG und Sohn des Firmengründers Bernhard Morgenstern, 81, sehr wertschätzend gewürdigt. In seiner Entgegnung hob Wezel mit einer Geschichte aus einer Vorweihnachtszeit vor vielen Jahren an das stets gute Betriebsklima bei Morgenstern hervor. Damals habe er für die Firma bei einer Spedition in Tamm bei Ludwigsburg zehn schwere Kopiergeräte abholen sollen. Dort angekommen, habe er zu hören bekommen: »Wir haben jetzt Weihnachtsfeier, wir haben keine Zeit, dir beim Einladen zu helfen.« Nach seiner Rückkehr seien, so Wezel weiter, auch seine Kollegen in Reutlingen bei der Weihnachtsfeier gesessen. Dort vernahm er: »Setz dich hin, trink ein Bier. Wir helfen dir nachher beim Ausladen.«

In Lonsingen aufgewachsen

Wezel wurde im Oktober 1961 in St. Johann-Lonsingen geboren und ist dort, mitten im Dorf, aufgewachsen. Er ging in die Lonsinger Grundschule und erlangte danach in der Realschule in Urach die mittlere Reife. Sein Vater war Metzger, seine Mutter betrieb eine kleine Landwirtschaft. Sein Bruder, seine Schwester und er mussten mitanpacken, etwa bei der Heu- und der Kartoffelernte. Da die Hauptstraße durch Lonsingen zu eng war, mussten das Haus der Wezels und die Kirche weichen. Die Familie baute an anderer Stelle ein neues Haus. »Damit war auch das Thema Landwirtschaft für mich erledigt, als ich 14 Jahre alt war«, erzählt Erhard Wezel.

Über die Berufsorientierung durch das Arbeitsamt sei es zu seiner Bewerbung für eine Ausbildung zum Bürokaufmann bei Morgenstern gekommen. Dieses Unternehmen besteht seit 1971 und stellte 1977 die erste Auszubildende ein. »1978 waren es drei, und einer davon war ich«, berichtet Wezel.

Er sei mit seiner Mutter mit dem Bus von Lonsingen nach Reutlingen zum Vorstellungsgespräch gefahren. »Eine schöne Schrift hat er nicht«, habe seine Mutter dabei Bernhard Morgenstern gebeichtet. Dieser habe darauf gesagt: »Das bekommen wir schon hin, Frau Wezel.« Bei der Heimfahrt habe seine Mutter bemerkt: »Das ist aber ein junger Chef, der Herr Morgenstern. Ob der das kann?« Ein paar Wochen später rief Morgenstern an und teilte mit: »Wir haben uns für Sie entschieden.«

Großes Vertrauen des Chefs

So begann Wezel mit noch 16 Jahren seine Lehre. Unter den Linden 15 war damals die Firmenanschrift von Morgenstern – in gemieteten Räumen der alten Strickwarenfabrik Enßle. Der Copyshop, ein Angebot für Privatkunden, sei seine erste Station gewesen, blickt Wezel zurück und stellt fest: »Das Wort hatte ich noch nie gehört. Es gab keinen Kopierer in Lonsingen.« Nach einer Schnelleinweisung war er einige Monate »der Ladenbetreiber«.

Es folgten Stationen in der zentralen Einsatzlenkung (Kundenbetreuung und Technikereinteilung), im Lager, in der Vertriebsassistenz und in der Buchhaltung – ergänzt durch einen Tag pro Woche in der kaufmännischen Berufsschule, der Theodor-Heuss-Schule. Am Ende der zweieinhalbjährigen Lehrzeit habe er damit geliebäugelt, das Abitur nachzuholen oder die Fachhochschulreife zu erlangen. »Dann kam aber der Herr Morgenstern und sagte: Sie bleiben aber bei uns!« Da im Kopierer-Geschäft damals Aufbruchstimmung geherrscht und ihm die Arbeit gefallen habe, sei er geblieben. Dabei habe er beim Chef eines durchgesetzt: »Aber den Müll muss ich jetzt nicht mehr runterbringen.«

Nach der Lehre waren Einkauf, Lager, Logistik und zentrale Einsatzplanung seine Schwerpunkte. Ein Schlüsselerlebnis für ihn war die Reaktion von Bernhard Morgenstern auf seinen Hinweis, dass man Material für 150.000 Mark bestellen sollte, und auf die Frage: »Wann können Sie das machen, Herr Morgenstern?« Denn Morgenstern habe gesagt: »Das machen Sie, Herr Wezel, Sie wissen das doch viel besser als ich.«

20 Firmenzukäufe begleitet

Damals sei er 19 Jahre alt gewesen und habe gedacht: »Der traut mir das zu, dass ich für eine für mich unvorstellbar hohe Summe Ware bestelle.« Die Mischung aus sehr guten Kollegen, aus einer boomenden Branche und dem Vertrauen des Firmenchefs sei es wohl, die ihn sein ganzes Berufsleben in diesen Betrieb gehalten habe. Ein großes Vorbild sei für ihn auch Wilhelm Rempfer aus Mössingen-Öschingen gewesen, langjähriger Prokurist, kaufmännischer Leiter und Ausbilder bei Morgenstern: »Der hat mir ganz viel beigebracht – auch von der Einstellung her.«

Das Unternehmen wuchs, zog im November 1982 ins eigene Gebäude im Industriegebiet Reutlingen-West um. 1999 wechselte Morgenstern in die Rechtsform der Aktiengesellschaft (AG). Geplant war ein Börsengang, um Kapital für das weitere Wachstum zu beschaffen – was aber später verworfen wurde. Wezel rückte in den Vorstand der nicht börsennotierten Morgenstern AG auf.

Er verantwortete im operativen Tagesgeschäft Einkauf, Service, Großhandel und Organisation. Dabei war er viel unterwegs, kannte alle wichtigen Personen und Unternehmen bei Lieferanten und Wettbewerbern. Entsprechend war bei der Inhaberfamilie seine Einschätzung bei den etwa 20 Zukäufen von Morgenstern in den vergangenen Jahren für die jeweilige Entscheidung gefragt. Er selbst sagt: »Es hat Spaß gemacht, gemeinsam gute Leistungen zu erbringen und erfolgreich zu sein.«

Mit dem Vorstandsvorsitzenden Robin Morgenstern hat der Vater zweier erwachsener Töchter vereinbart, künftig noch »fünf bis 15 Stunden pro Woche bestimmte Aufgaben zu erledigen«. Er habe sich jedoch vorgenommen, mehr für seine körperliche Fitness zu tun, sich ehrenamtlich zu engagieren, seine Französisch-Kenntnisse zu verbessern und zusammen mit seiner Frau Rotraud kulturelle Veranstaltungen zu besuchen. Der ehemalige Vorstopper des SV Lonsingen verfolgt zudem das Fußballgeschehen weiterhin aufmerksam. (GEA)