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Aktuell Prozess

Zwei Älbler entführen, quälen und erpressen Kumpel

Die beiden Angeklagten aus dem Raum Münsingen müssen sich vor dem Tübinger Landgericht wegen Menschenraubs und Erpressung verantworten. Hohe Haftstrafen drohen.

Kumpel entführt und gequält: Vor dem Tübinger Landgericht müssen sich seit Mittwoch zwei Männer aus dem Raum Münsingen wegen sch
Kumpel entführt und gequält: Vor dem Tübinger Landgericht müssen sich seit Mittwoch zwei Männer aus dem Raum Münsingen wegen schweren erpesserischen Menschenraubs verantworten. Foto: Frank Pieth
Kumpel entführt und gequält: Vor dem Tübinger Landgericht müssen sich seit Mittwoch zwei Männer aus dem Raum Münsingen wegen schweren erpesserischen Menschenraubs verantworten.
Foto: Frank Pieth

MÜNSINGEN. Es war eine, man kann es nicht anders sagen, sehr dumme Idee. Weil ein 20-Jähriger aus dem Raum Münsingen sauer war, dass ein Bekannter seinen Freund wegen einer Sachbeschädigung bei der Polizei »verpfiffen« hat, wollte er sich rächen. Mit einem Komplizen entführte er den vermeintlichen »Verräter«, schlug ihn, bedrohte ihn mit einer Soft-Air-Pistole, demütigte ihn und erpresste noch 700 Euro von dem jungen Mann. Seit Mittwoch muss sich der 20-Jährige vor der 3. Großen Jugendkammer des Tübinger Landgerichts unter anderem wegen schwerer räuberischer Erpressung verantworten.

Der Angeklagte gab sich am ersten Verhandlungstag sehr schweigsam. Er wollte zu den Vorwürfen nichts sagen. Sein Komplize, ein 24-Jähriger aus derselben Gegend, war dafür wesentlich redseliger. Er legte ein umfassendes Geständnis ab. Und er zeigte sich reumütig: »Ich bin enttäuscht von mir selber. Es war ein großer Fehler. Es tut mir leid.«

»Verrat« als Auslöser für die Entführung

Der 24-Jährige beschrieb sehr ausführlich, was an dem 14. Dezember 2024 passiert ist. Ausgangspunkt für das Geschehen war offenbar ein Vorfall an einer Bushaltestelle in einem kleinen Ort zwischen Laichingen und Münsingen. Eine Clique hatte sich dort aufgehalten. Einer der jungen Männer schlug auf eine Scheibe ein, die zu Bruch ging. Ein anderer aus der Gruppe schwärzte ihn später bei der Polizei an, was für den Schläger, wie es jetzt hieß, weitreichende und gitterbewährte Konsequenzen hatte.

Dem 20-jährigen Angeklagten, einem engen Freund des Scheiben-Zerstörers, gefiel das gar nicht. Er wollte dem »Verräter« eine Abreibung verpassen. Dafür nahm er seinen Kumpel als Verstärkung mit ins Boot. Warum er mitgemacht habe bei der ganzen Geschichte, fragte am Mittwoch Richter Dirk Hornikel den 24-Jährigen. Seine Antwort: »Ich bin zu gutmütig, das ist mein Problem. Ich kann nicht Nein sagen.« Außerdem sei er selbst nicht gut auf den Kumpel, der mal »ein Freund von mir war«, zu sprechen gewesen, weil er sich damals von ihm ausgenutzt gefühlt habe.

Soft-Air-Pistole an den Kopf gehalten

Der 24-Jährigen verabredete sich mit dem späteren Opfer, das keine Ahnung davon hatte, was ihn später erwarten sollte. Der Angeklagte fuhr zum vereinbarten Treffpunkt. Der 20-Jährige, der sich als Rächer aufspielen wollte, verließ vorher das Auto, damit das Opfer keinen Verdacht schöpfte.

Am Treffpunkt stieg der Mann ins Auto ein. Der 24-Jährige sagte seinem Bekannten, er solle sich hinten rechts auf die Rückbank setzen, was der auch tat. Auf dieser Seite war allerdings die Kindersicherung eingeschaltet, der Mann konnte deshalb die Tür von innen nicht öffnen. Der 24-Jährige drehte seinen Wagen, fuhr zurück zu der Stelle, wo der Komplize das Fahrzeug verlassen hatte. Der 20-Jährige öffnete die Tür und sprang sofort auf die Rückbank, schlug auf das Opfer ein und zog eine Soft-Air-Pistole, die er dem Mann an den Kopf hielt. So jedenfalls die detailreiche Schilderung des geständigen 24-Jährigen vor Gericht.

Opfer mit Seil ans Auto gebunden

Doch das Martyrium war für das Opfer noch nicht zu Ende. Der 20-Jährige hatte noch eine fiese Idee in petto. Er fesselte das Opfer mit Kabelbinder und stellte den Mann hinters Auto. Danach befestigte er ein Abschleppseil am Gürtel des Mannes und an der Anhängerkupplung. Der 24-Jährige, der noch am Steuer des Autos saß, fuhr los, zog den Mann dreißig Sekunden hinter sich her, »mit Tempo 15-20 km/h«, etwa 50 bis 100 Meter weit, wie der Angeklagte dem Gericht am Mittwoch berichtete.

Dies ging so lang, bis das Opfer zu Boden stürzte. Der 20-Jährige ging in dem Augenblick auf den wehrlosen und verletzten Mann zu und trat ihn noch mehrmals in den Bauch. Das Opfer sei sehr verängstigt gewesen, so die Schilderungen des Angeklagten. Und er selbst? Warum machte er dabei weiter mit? Er habe auch Angst gehabt, meinte der 24-Jährige, »ich konnte nicht klar denken. Ich war nicht darauf vorbereitet, dass so etwas passiert«.

Videos zeigen räuberische Erpressung

Die Tortur war aber für das Opfer immer noch nicht vorbei. Die beiden Angeklagten fuhren mit dem eingeschüchterten Mann nach Münsingen zu einer Bank. Dort musste er seine Bankkarte in einen Automaten schieben und 700 Euro abheben. Das Geld steckte der 20-Jährige ein. Von dem erpressten Abhebevorgang existieren mehrere Videos, die das Gericht am Mittwoch vorführte. Kurz nach der Gelderpressung ließen die Angeklagten das Opfer frei.

Klar, dass diese ganze Geschichte, die aus einer »Tatort«-Folge stammen könnte, nicht unentdeckt blieb. Das Opfer ging am nächsten Tag mit Mutter und Schwester zur Polizei und zeigte die Entführung und Erpressung an. Nicht viel später wurden die beiden Angeklagten verhaftet und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Nach der Anklageschrift ist das Geschehen ein schwerer erpresserischer Menschenraub, eine schwere räuberische Erpressung und ein Körperverletzungsdelikt gewesen. Dazu hat der 20-Jährige noch eine Waffe mit sich geführt, die er gar nicht hätte dabei haben dürfen. Dies alles könnte zu hohen Haftstrafen für die beiden Angeklagten führen. Der Prozess wird am 14. Juli unter anderem mit der Aussage des Opfers fortgesetzt. (GEA)

Im Gerichtssaal

Gericht: Dirk Hornikel, Kim Posselt. Schöffen: Dr. Tobias Neuman, Ulrike Ruf. Staatsanwaltschaft: Mona Medic, Edith Zug. Verteidigung: Michael Kolaczkowski, Alexander Hamburg, Julia Geprägs. Nebenklagevertreter: David Mühlberger. Jugendgerichtshilfe: Laura Glöckler.