Hausärzte: Sie werden nach wie vor die zentrale Rolle bei der medizinischen Versorgung spielen. »Achtzig bis neunzig Prozent der gesundheitlichen Probleme werden auf dieser Stufe bearbeitet«, betonte Dr. Christopher Hermann, der Vorstandsvorsitzende der AOK Baden-Württemberg, der die Hausärzte zukünftig noch mehr denn je als »Lotsen in einer Gesellschaft des langen Lebens« sieht. Hermann wandte sich pointiert gegen die Überbewertung fachärztlicher Spezialisierung: Neun von zehn Medizinern wollten lieber fürs linke Ohr oder den rechten dicken Zeh zuständig sein, statt sich an die »Königsdisziplin« Hausarzt zu wagen.
»Hausärzte sind Lotsen in einer Gesellschaft des langen Lebens«Als Versuch, schon bei der Medizinerausbildung gegenzusteuern, nannte der Reutlinger Landrat Thomas Reumann den an der Uni Tübingen jetzt besetzten Lehrstuhl für Allgemeinmedizin, der für die Ausbildung auch das neue Ärztehaus im Hohensteiner Ortsteil Bernloch nutzen wird: »Wir erhoffen uns davon einen gewissen Klebeeffekt.« Denn das ist das noch größere Problem bei der Ärzteversorgung: In den Städten gibt es viele, auf dem Land wenige davon.
Es werde nicht gelingen, jede von der Schließung bedrohte Hausarztpraxis wieder zu besetzen, betonte Reumann, der wie andere Referenten der Tagung keine »Patentlösungen« sieht, aber zumindest verschiedene hilfreiche Ansätze. Gemeinschaftspraxen ermöglichen den zumeist weiblichen Hausärzten, Familie und Beruf besser zu vereinen. Die Neuregelung der Notdienste hat die niedergelassenen Ärzte von einer unzumutbaren Zusatzbelastung befreit: Nach einer Sechzig-Stunden-Woche auch noch Notdienste leisten zu müssen, war für viele ein starkes Argument gegen diese berufliche Weichenstellung.
Anreize wie das Landarztprogramm des Sozialministeriums unterstützen außerdem die Ansiedlung von Allgemeinmedizinern im ländlichen Raum: 34 Förderanträge wurden seit Einführung des Programms im Sommer 2012 bewilligt, wie Jürgen Lämmle von Stuttgarter Sozialministerium betonte. Auch die Kommunen legen sich zum Teil kräftig ins Zeug, um Hausärzte anzuziehen.
Die Bemühungen der Gemeinden, für die umworbene Berufsgruppe einen attraktiven Rahmen zu schaffen, haben allerdings Grenzen, wie Bad Saulgaus Bürgermeisterin Doris Schröter sagte: »Ich kann schließlich nicht jedem das 3 000-Quadratmeter-Grundstück mit Pferdekoppel bieten.«
Krankenhäuser: Sie sind gerade im ländlichen Raum auch ein zentraler Wirtschaftsfaktor und wichtiger Arbeitgeber: krisenfest und standorttreu. Das betonte Landrat Thomas Reumann, der bei der Tagung als Vorstandsvorsitzender der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft sprach. Mit 10 500 Ausbildungsplätzen landesweit leisten die Krankenhäuser auch in der Fläche einen wichtigen Beitrag zur Zukunftssicherung: »Das ist genau das Fachpersonal, das dringend benötigt wird.« Ein weiterer Aspekt: Gerade die Krankenhäuser sind ein wichtiger Baustein dessen, was als Attraktivität des ländlichen Raums beschrieben wird – die Voraussetzung dafür, Fachkräfte (Hausärzte eingeschlossen) für eine Region zu begeistern.
Die Zahl der Krankenhausbetten in Baden-Württemberg habe sich von 63 000 auf 56 000 reduziert, berichtete Reumann. Bei einer immer kürzeren Verweildauer sind die Kliniken dazu gezwungen, »ihre Ressourcen sehr effizient einzusetzen«. Der Landrat zitierte aus einer Studie, nach der die Krankenhauskosten je Einwohner in Baden-Württemberg deutlich unter dem Bundesdurchschnitt liegen. Der Sprecher der Krankenhausgesellschaft sieht dabei jetzt das Limit erreicht. Die weiter steigenden Kosten müssten die Krankenhäuser erwirtschaften können, ohne dafür ständig mehr Patienten behandeln zu müssen: »Das wäre eine faire Finanzierung.«
»Ab 2020 droht bei den Krankenhäusern im Land die Unterversorgung«Auf den wirtschaftlichen Druck mit einem weiteren Abbau von Ressourcen und Betten zu reagieren, wäre für Thomas Reumann aber der völlig falsche Weg. In einer alternden Gesellschaft wird die Zahl der Behandlungsfälle künftig nämlich deutlich steigen. Bereits von 2020 an sei in Baden-Württemberg deshalb mit einer Unterversorgung zu rechnen, warnte der Landrat. Und im Jahr 2030 werden zwei Drittel der Krankenhausbetten von Patienten über sechzig Jahren belegt sein.
Pflege: Johannes Kessler vom Diakonischen Werk Württemberg zitierte in seinem Referat den Pflegereport der Bertelsmannstiftung. Danach wird bis 2030 im gesamten Land die Zahl der Pflegebedürftigen um 54 Prozent steigen. Für ihre Versorgung würden über 54 000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt. Allein im Kreis Reutlingen müssten nach der Studie in den nächsten fünfzehn Jahren fast 1 500 Vollzeitstellen in der Pflege neu geschaffen werden. »Das kann eigentlich kaum bewältigt werden«, meinte Kessler. Gleichzeitig steige in allen Bereichen der Pflege der ökonomische Druck. So sei etwa gerade bei den langen Wegstrecken im ländlichen Raum die ambulante Pflege unterfinanziert: »Wenn Sie zehn Minuten fahren, um eine mit wenigen Euro vergütete Insulinspritze zu geben, dann legen Sie ziemlich drauf.«
»Kommunen sind der Motor bei der Gestaltung der Pflegelandschaft«Eine Option für den ländlichen Raum könnten pflegebetreute Wohngemeinschaften sein, meinte Johannes Kessler. Für einen Träger lohne sich das aber bloß im Verbund mehrerer Einrichtungen. Wie vielfältig die Wege zu solchen Wohngemeinschaften sein können, erläuterte Waltraud Kannen von der Sozialstation Südlicher Breisgau anhand des Netzwerks Freiburger Modell. Ob Investor, Genossenschaft oder auch die Kommune als Bauherr: »Das funktioniert und ist auch finanzierbar.« Als Modellprojekt ist eine solche betreute Senioren-WG vor einigen Jahren auch in Bernloch verwirklicht worden.
Kommunen: Als »Motor bei der Gestaltung der Pflegelandschaft« sieht Ministerialdirektor Jürgen Lämmle vom Stuttgarter Sozialministerium die Kommunen. Ihre Rolle müsse bei der regionalen Pflegeplanung deutlich gestärkt werden. Weil zusammen mit den Aufgaben aber auch der finanzielle Spielraum wachsen müsse, sprach sich Lämmle dafür aus, dafür Geld aus den Pflegekassen auf die Städte und Gemeinden umzuschichten. Um planen zu können, ist zunächst eine Bestandsaufnahme nötig. Landrat Thomas Reumann empfahl deshalb einen »Demografie-Check« in den einzelnen Regionen.
Den Stoßseufzer der Bad Saulgauer Bürgermeisterin (»Was sollen die Kommunen denn noch alles leisten?«) griff Johannes Kessler auf: Die Kommunen werden handeln müssen. Einfach weil es sonst keiner tut. (GEA)

