MÜNSINGEN. Seit fast 100 Jahren war sie zugeschüttet und wäre beinahe völlig in Vergessenheit geraten – bis sie vor zwei Jahren an ihrem früheren Platz wiederhergestellt wurde: die Gruorner Hüle. Die Idee dazu hatte bereits Jahre vorher in den Reihen des ehrenamtlichen Naturschutzes immer wieder die Runde gemacht. Den konkreten Stein des Anstoßes lieferte schließlich ein Bauprojekt der Daimler Truck AG: Das Unternehmen, das die ehemalige Panzerringstraße auch als Teststrecke nutzt, baute am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes eine Akustikmessstrecke. Dafür war eine Ausgleichsmaßnahme nötig – die Zeit war reif, die Idee endlich in die Tat umzusetzen.
Anhand einer Karte von Gruorn aus dem Jahr 1938 wurde der ehemalige Standort der Hüle rekonstruiert. Ein Planungsbüro erarbeitete ein Konzept, bevor der Bagger vorsichtig begann, die Erde abzutragen. Wie immer auf dem Truppenübungsplatz begleitete ein Kampfmittelexperte die Arbeiten, gefährliche Blindgänger wurden in diesem Bereich aber nicht gefunden. Stattdessen kam jede Menge Unrat zutage: Die Hüle war ab den 1930er-Jahren schlicht als Müllhalde genutzt worden.
Einst mehr als Schulhaus und Kirche
Heute wirkt es ein wenig so, als läge die Hüle am Ortsrand, die Kirche und die Schule, die heute als Gasthaus und Museum genutzt wird, liegen ein paar Schritte entfernt. Ein paar wenige Häuserruinen, die die Natur in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter überwuchert und fast verschwinden lassen hat, erinnern noch daran, dass es einst viel mehr gab als Schulhaus und Kirche. Gruorn war ein stattliches Dorf und die renaturierte Hüle war nicht die einzige, sondern eine von insgesamt dreien, weiß Günter Künkele. Der ehrenamtliche Naturschützer kennt sich nicht nur auf dem Truppenübungsplatz und in dessen Geschichte, sondern auch in Flora und Fauna aus. Und ist entzückt über das, was sich in nur zwei Jahren in und um die Hüle entwickelt hat: »Sie zu renaturieren, ist das Beste, was man machen konnte – für die Natur, aber auch für Besucher«, ist er überzeugt.
»Die Hüle zu renaturieren, ist das Beste, was man machen konnte«
Wer sich Zeit nimmt, verweilt und beobachtet, merkt schnell: Die auf den ersten Blick unscheinbare Pfütze ist ein kleines Paradies. Auf und im Wasser sowie am Uferbereich haben sich Teichlinsen, Laichkraut, Bachehrenpreis, Schwertlilie und Binsen ausgebreitet. Für die Artenvielfalt sind in diesem Fall die Vögel zuständig. Sie sind die »Boten«, die in ihrem Gefieder oder an ihren Füßen Pflanzensamen aus anderen Gewässern mitbringen. Die Hüle ist für sie in mehrfacher Hinsicht ein anziehender Ort: Sie kommen zum Trinken, zum Baden und zum Jagen – ein ergiebiges Revier, in dem sich viele Insekten tummeln.
Wasser zieht Vögel an
Amsel, Drossel, Fink und Star? Und die ganze Vogelschar? Könnte man so sagen, denn die genannten Arten hat Künkele dort allesamt gesichtet. Auch Bachstelze, Rotschwänzchen und verschiedene Grasmücken-Arten haben die Gruorner Hüle auf der Karte. »Etliche brüten gar nicht hier, fliegen aber wegen des Wassers hier ein«, sagt Künkele.

Auch unter der Wasseroberfläche tobt das Leben. »Enten«, erklärt der Naturkenner, »bringen an ihren Füßen Laich aus anderen Gewässern wie beispielsweise der Donau mit.« Auf diese Weise siedeln sich verschiedene Amphibienarten hier an – zum Beispiel Berg- und Teichmolche, Erdkröte und Grasfrosch. Deren Nachkommen haben in anderen Hülenbewohnern allerdings ernstzunehmende Fressfeinde. Kaulquappen stehen auf dem Speiseplan der Libellenlarven ganz oben.
Haben sie das Wasser verlassen und sich in grazile Flugwesen verwandelt, sind sie wahre Augenweiden. Künkele hat in Gruorn etliche Arten beobachtet, Großlibellen wie die Plattbauchlibelle genauso wie die Falken-, Heide- oder Vierflecklibelle. Die Kleinlibellen – darunter die blau schillernden Azurjungfern – lassen sich durch ein Körpermerkmal von ihren größeren Verwandten unterscheiden: Während die Flügel der Großlibellen im Ruhezustand rechtwinklig vom Körper abstehen, legen die Kleinlibellen ihre Flügel an.
Wasser auf der Albhochfläche ist rar
Nicht nur ökologisch, sondern auch geologisch und historisch ist die Hüle ein echter Schatz. Das eine hängt mit dem anderen eng zusammen, wie Künkele erläutert. Denn Gruorn hat eine Besonderheit, die die Grundlage dafür ist, dass überhaupt Menschen dort zu siedeln begannen. Auf der Albhochfläche ist Wasser rar, die nächstgelegenen Fließgewässer Erms und Lauter sind ein gutes Stück entfernt. Wasser hatten die Gruorner trotzdem – dem Schwäbischen Vulkan sei Dank, der hier Basalttuff hinterlassen hat.
»Sie war Viehtränke, Löschteich, Spiel- und Eislaufplatz«
Dieser hat völlig andere Eigenschaften als das Kalkgestein, das das schwäbische Jura-Meer andernorts hinterlassen hat. »Im Volksmund wird der Basalttuff Wasserstein genannt«, erklärt Künkele. Der Name spricht Bände, das Oberflächenwasser versickert nicht – ganz anders als beim Kalk. Stattdessen staut es sich und tritt an verschiedenen Stellen wieder aus. So konnten sich die Gruorner autonom versorgen, weshalb sie 1895 den Anschluss an die Albwasserversorgung dankend ablehnten.
Die geologische Besonderheit hat neben vielen Vorteilen auch einen unschönen Nebeneffekt: Das nicht abfließende Wasser beeinträchtigte den Verwesungsprozess der auf dem Friedhof Bestatteten, »es entstanden sogenannte Wachsleichen«, weiß Künkele. Wurde der damit einhergehende Gestank gar zu schlimm, habe man die vom Friedhof umgebene Kirche vorm Sonntagsgottesdienst mit Wacholder ausgeräuchert.
Hüle wurde dringend gebraucht
»Die Hüle jedenfalls wurde dringend gebraucht«, verdeutlicht Künkele, »sie war Viehtränke, Löschwasserteich, Spiel- und Eislaufplatz für die Dorfjugend.« Sie hatte also auch eine soziale Funktion – wie übrigens auch ein weiterer Ort, der nicht nur mit Blick auf die Wasserversorgung unerlässlich war: das Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete Wasserhäusle vis à vis der Hüle. »Jeder Haushalt hatte ein Wasserkontingent, das er zu bestimmten Zeiten abholen durfte. Der Dorfbüttel hat das Häusle auf- und zugeschlossen«, erklärt Künkele. Für die Bewohner, vor allem die im Teenageralter, war das Brunnenhäusle ein willkommener Treffpunkt für den Austausch der neuesten Nachrichten und vielleicht auch mehr: Der »Lalles-platz«, wie er im Dorf hieß, war fürs Dating im 19. Jahrhundert wohl das, was Clubs und Internet-Plattformen heute sind. (GEA)



