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Wie der klimastarke Wald entsteht: Beispiel St. Johann

Regelmäßige Waldbegehungen im Staatsforst sorgen dafür, dass kranke Bäume entdeckt und so schnell wie möglich entfernt werden. Der Klimawandel setzt vor allem Fichten zu. Der GEA hat in St. Johann nachgefragt, wie es in der Region mit dem Wald weitergehen soll.

Ein Forstarbeiter hält mit der Motorsense und in Schutzkleidung den neu angepflanzten Eichen das Unkraut vom Leib.
Ein Forstarbeiter hält mit der Motorsense und in Schutzkleidung den neu angepflanzten Eichen das Unkraut vom Leib. Foto: Gabriele Böhm
Ein Forstarbeiter hält mit der Motorsense und in Schutzkleidung den neu angepflanzten Eichen das Unkraut vom Leib.
Foto: Gabriele Böhm

ST. JOHANN-LONSINGEN. Mit 24 Prozent der Waldfläche ist die staatliche Forst BW der größte Waldbesitzer in Baden-Württemberg. Schaut man auf die Übersichtskarte des Bereichs Mittlere Alb - von Rottenburg bis Münsingen und Lenningen bis Zwiefalten -, dann zeigt sich ein Flickenteppich an Waldarealen, die zu insgesamt zehn Staatswaldrevieren gehören. Revierleiter Jens Schweizer ist für 1.400 Hektar zuständig, aufgeteilt in den kleineren Waldbereich Erdschlipf südlich der Achalm oberhalb von Sondelfingen, rund um die Hohe Warte und den Rutschenfelsen sowie die Abteilung Schallentäle im sogenannten Lonsinger Buch. Hier dröhnen aktuell die Motorsensen.

Revierleiter Jens Schweizer zeigt eine Karte, die der Fichte keine gute Zukunft mehr prognostiziert.
Revierleiter Jens Schweizer zeigt eine Karte, die der Fichte keine gute Zukunft mehr prognostiziert: Alles rot bedeutet, es sieht schlecht aus für diese Baumart. Foto: Gabriele Böhm
Revierleiter Jens Schweizer zeigt eine Karte, die der Fichte keine gute Zukunft mehr prognostiziert: Alles rot bedeutet, es sieht schlecht aus für diese Baumart.
Foto: Gabriele Böhm

Mitarbeiter in Schutzanzügen sind damit beschäftigt, die neu angepflanzten Eichen, Elsbeeren, Feldahorne und Vogelkirschen von unerwünschter Konkurrenz freizuschneiden. Brombeeren, Gräser und sogenannte Schlingkräuter wie das Geißblatt müssen raus. Auch für Eschen-Schösslinge gibt es keine Gnade: Wegen des Pilzes, der seit rund zwei Jahrzehnten das Eschentriebsterben verursacht, wird dem Baum keine große Zukunft mehr prophezeit. »Wir bauen Eschen nach und nach ab und lassen nur vitale Einzelbäume stehen, die zwischen Laubbäumen vielleicht noch eine größere Überlebenschance haben«, so Schweizer.

Forstleute rechnen in langen Zeiträumen

In diesem Jahr habe man bei den Neuanpflanzungen auf die Eiche gesetzt. »Mit diesem Baum haben wir gute Erfahrungen. Auch wenn es Jahrzehnte dauert, bis ein Ertrag spürbar ist.« Waldbesitzer rechnen ohnehin in langen Zeiträumen.

Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) hat eine sogenannte Baumarteneignungskarte erstellt und den Waldbesitzern, also auch Forst BW, zur Verfügung gestellt. Die Karte zeigt vorausschauend bereits für die Phase von 2071 bis 2100 die geeigneten Baumarten im Entwurf des bestmöglichen sowie eines pessimistischeren Szenarios und berücksichtigt dabei die steigenden Durchschnittstemperaturen in Zeiten des Klimawandels.

Rote Karten für die Fichten

Das Votum des bestmöglichen Szenarios ist eindeutig: In der Skala von »geeignet« in der Farbe Dunkelgrün bis »ungeeignet« in Tiefrot wird der Eiche auf der Alb noch eine mögliche bis gute Zukunft bescheinigt. Etwas schlechter sieht es für die Buche aus, während bei den Fichten alles in Rot erstrahlt. »Die Spitzen der Bäume sind teilweise orange, die Nadeln fallen ab«, so der Förster. Das seien Auswirkungen des Borkenkäferbefalls. Durch den vielen Regen und die tieferen Temperaturen sei dieser bislang kein großes Thema gewesen. »Normalerweise hilft sich die Fichte selbst und wehrt sich gegen den Borkenkäfer, indem sie von innen Harz aus den Bohrlöchern drückt und sie so wieder verschließt.« Das klappe aber nur, wenn die Wurzeln genügend Wasser zur Verfügung hätten. Aufgrund des Klimawandels sei dies nicht immer der Fall.

Die Fichte sei nicht heimisch auf der Alb. Wegen ihres schnellen Wachstums und ihrer Qualitäten als Bauholz sei sie vor 200 bis 300 Jahren dort angepflanzt worden. Inzwischen ist sie nicht mehr der Baum der Zukunft. Regelmäßig kontrollieren die Mitarbeiter von Forst BW die Bestände auf Schäden und entfernen alle Fichten, die nicht mehr gesund sind. »Damit müssen wir uns beeilen, bevor in sechs bis acht Wochen der Borkenkäfer ausfliegt und sich weiter verbreitet«, erläutert Schweizer. Waldhygiene ist der Fachbegriff für das Vorgehen, mit dem das Risiko für den Wald reduziert werden soll. In den nächsten Tagen sollen die befallenen Fichten geschlagen werden, die glücklicherweise schon über 100 Jahre alt und wirtschaftlich lohnend sind. Die Douglasie, die sich sehr gut als Konstruktionsholz für Dachstühle oder Terrassen eignet, soll auf Dauer die Fichte ersetzen. Das Ziel, auf das der Forst hinarbeitet, sei ein klimabeständiger Mischwald.

Eichen und Douglasien als Zukunfts-Bäume

Im Lonsinger Buch hat der Sturm im August 2023 eine deutlich erkennbare Schneise geschlagen. Es wurde viel Schaden angerichtet, doch bietet sich nun, beispielsweise auf der rund einen Hektar großen Fläche im Gewand Spitalhau, auch die Chance für klimaresistente Neuanpflanzungen. Forst BW setzt hier vor allem auf Eichen, die in einem Abstand von nur 1,30 Meter nebeneinander und 2,50 Meter Reihenabstand gepflanzt wurden. »Das erzeugt Seitendruck«, erklärt der Revierleiter. »Dies bedeutet, dass keine starken Seitenäste gebildet werden und die Bäume in die Höhe wachsen.« Die ersten Bäume könnten in rund 30 Jahren geerntet werden, doch insgesamt geht man von einer Wuchszeit von 130 bis 160 Jahren aus. Bisher wurden im Lonsinger Buch im Jahr 2024 rund 8.000 Bäume neu gepflanzt, wobei dies gar nicht überall nötig ist. Im Schutz der Fichten wuchsen Buche, Bergahorn und Spitzahorn von selbst als Naturverjüngung heran.

Holz, erläutert Schweizer, binde CO2. »Wird es beispielsweise im Dachstuhl verbaut, bleibt es dort.« Werde das Holz durch Verrottung zerstört, entweiche das schädliche Gas in die Atmosphäre. »Schon deshalb ist es wichtig, klimaresistente Bäume anzubauen.« (GEA)