HECHINGEN/BURLADINGEN. Zwei Brüder sollen am 24. Juni im Burladinger Teilort Gauselfingen zunächst versucht haben, Bauarbeiter mit dem Auto zu überfahren, und als das misslang, sollen sie mit einem Wagenheber und einem Kfz-Feuerlöscher gezielt auf zwei der Arbeiter losgegangen sein. Die Anklage stützt sich auf die Zeugenaussagen, die kurz nach der Tat von der Polizei aufgenommen wurden. Nach drei Verhandlungstagen gibt es aber vier Beschreibungen des Tathergangs, die sich teils recht deutlich unterscheiden: die der Angeklagten, die der Arbeiter bei der Polizei, die der Arbeiter vor Gericht und die der Anwohner.
Am dritten Verhandlungstag wurden die Anwohner als Zeugen gehört. Ihre Aussagen decken sich im Wesentlichen mit der Anklageschrift. Als die Arbeiterkolonne dabei war, Glasfaserkabel zu verlegen, war dem ersten Zeugen »aggressives Fahrverhalten« im Baustellenbereich aufgefallen. Der rote Peugeot der beiden Angeklagten - einen Führerschein hat keiner der Brüder - sei mit geschätzt Tempo 40 auf die Baustelle »zugebrettert«, bis zur Vollbremsung kurz vor dem Graben. Die Arbeiter hätten den Fahrer mit Handzeichen aufgefordert, vorsichtiger zu fahren. Der Wagen habe aber ein Stück zurückgesetzt und sei dann mit Anlauf über die offene Baugrube geschanzt, »kaltblütig und skrupellos«, so der Zeuge. Die beiden Arbeiter hätten sich durch Sprünge »wie ein Fußballtorwart« in Sicherheit bringen müssen.
Den Wagen habe er schon öfter gesehen, er gehöre wohl zur Asylbewerberunterkunft ein Stück die Straße hoch. Rasant unterwegs sei das Fahrzeug immer gewesen, aber nie so aggressiv. Die Baugrube sei offen gewesen, eine Überfahrhilfe habe es nicht gegeben, da war sich der Mann sicher. Eine weitere Anwohnerin hatte zwar nicht gesehen, wie der Wagen überhaupt über die Baugrube gekommen war, sie hatte aber den Eindruck, dass Fahrer und Beifahrer die Arbeiter provozieren wollten. Ein weiterer Zeuge bestätigte, dass das rote Auto gezielt auf die Arbeiter zugerast sei.
Erinnerungslücken und Übersetzungsschwierigkeiten
So ähnlich hatten es auch die Bauarbeiter kurz nach der Tat der Polizei geschildert. Am zweiten Verhandlungstag, als die Arbeiter gehört worden waren, klang es allerdings etwas anders. Von Schanzen sprachen die Arbeiter nicht, sie erwähnten Traversen, die bei Bedarf über den Schacht gelegt würden, über die Stahlbrücken seien auch die Brüder gefahren. Richter Volker Schwarz freute das nicht: »Sagen Sie heute die Wahrheit oder haben Sie vor der Polizei wahrheitsgemäß ausgesagt?« Das fragte er sinngemäß mehrfach.
Am zweiten Verhandlungstag hatten die Arbeiter ihre abweichenden Aussagen vor Polizei und Gericht mit Erinnerungslücken und möglichen Übersetzungsfehlern erklärt. Die Polizei hatte einen Dolmetscher hinzugezogen. Der habe aber nach Einschätzung einer Polizeibeamtin, die ein zweites Mal gehört wurde, »gut funktioniert«, ihre Kollegen bestätigten das. Die Arbeiter kommen aus Rumänien, nur der Bauleiter spricht gut deutsch. Der Übersetzer sei ein Kollege von der Kripo gewesen, mit rumänischen Wurzeln, Verständigungsschwierigkeiten hatte auch ein weiterer Polizist nicht beobachtet.
Geschanzt oder gefahren
Die Attacke mit dem Auto ist ein Teil der Anklage wegen versuchten Mordes. Weiter ging es mit den Angriffen des Fahrers mit einem Wagenheber auf einen Arbeiter und dem des Beifahrers mit einem Feuerlöscher auf einen weiteren. Dass der Fahrer zum Kofferraum lief und, je nach Aussage, ein schwarzes Werkzeug oder konkreter einen Wagenheber herausgenommen und mit dem Teil gezielt auf den Kopf des Bauleiters einschlagen wollte, konnten alle Anwohner sehen. Der Capo konnte den Schlag abwehren, wurde dabei aber schwer an der Hand verletzt. Seinen Angreifer schickte er zu Boden, der hat sich dann fluchtartig gen Asylbewerberunterkunft entfernte.
Der Beifahrer folgte ihm auf dem Fuße. Was der aber genau gemacht hatte, wie der Angriff mit dem Feuerlöscher verlief, konnte keiner der Anwohner beobachten. Sie waren abgelenkt vom ersten Angriff oder das Auto hatte den zweiten verdeckt. Der Angegriffene konnte sich allerdings am zweiten Verhandlungstag gut erinnern, auch an den Feuerlöscher. Und er wurde selbst am Oberarm verletzt, konnte einige Tage nicht arbeiten.
Die Angeklagten hatten die Ereignisse des Tattags noch einmal anders dargestellt. Ja, sie seien zu schnell gewesen, aber nicht aggressiv. Die Bauarbeiter würden alle unter einer Decke stecken, der Bauleiter hätte sie zuerst angegriffen und den Zündschlüssel abgezogen. Also alles Notwehr.
Die Verhandlung wird am 9. Dezember fortgesetzt. Man darf gespannt sein, was Richter, Schöffen, Staatsanwalt und Verteidiger aus den unterschiedlichen Schilderungen für Schlüsse ziehen werden. (GEA)

