HEROLDSTATT-BREITHÜLEN. Fußballnationalspieler Maximilian Mittelstädt hat hier geheiratet und die Firma Boss aus Metzingen hat 2.500 Mitarbeiter zum Oktoberfest eingeladen. Im eigens dafür aufgestellten Riesenrad hat auch Stargast DJ Ötzi ein paar Runden gedreht. Das Remontedepot in Breithülen ist ein einmaliger Ort mit bewegter Geschichte. Vor 127 Jahren wurde es zur Ausbildung junger Militärpferde gebaut. Heute gehört das Ensemble mit seinen ehemaligen Stallungen und Kommandanten-Villa der Schuhfabrikanten-Familie Schmutz.
Joachim Lenk ist Hobby-Militärhistoriker, Reserve-Offizier, Journalist und Autor. In seinem jüngsten Buch »Pferde, Panzer, Pulver und Piloten« widmet er dem Remontedepot eines von insgesamt 14 Kapiteln, beschrieben werden zudem weitere militärische Einrichtungen am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen. Dazu gehören etwa Feldflugplätze, Außenfeuerstellungen und Munitionsdepots, den zeitlichen Bogen spannt Lenk von 1898 bis 2009. Erschienen ist es am 1. April 2023, exakt 125 Jahre nach der offiziellen Einweihung des Remontedepots. Inzwischen ist die erste Auflage vergriffen. Deshalb - und auch, weil die Geschichte des Ensembles noch längst nicht zu Ende ist, sondern ständig fortgeschrieben wird - gibt es nun eine zweite, aktualisierte Auflage.
Vorgestellt wurde sie im Remontedepot mit zwei besonderen Festrednern: Minister Peter Hauk, der das Vorwort zu Lenks Buch geschrieben hat, und Steffen Schmutz, Schuhfabrikant und Hausherr im Remontedepot. Auch Hauk habe bei der Bundeswehr gedient, stellte Autor Lenk die Verbindung her. Allerdings nicht in Münsingen, »das ist mir Gott sei Dank erspart geblieben«, scherzte Hauk. »Schwäbisch Sibirien«, wie das Münsinger Hardt in Bundeswehrkreisen genannt wurde, war bei Rekruten gefürchtet.
Aus dem Fähnrich von damals ist ein Minister geworden, Hauk ist für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg zuständig. »Ohne Peter Hauk und den damaligen Ministerpräsidenten Günther Oettinger wäre das Biosphärengebiet Schwäbische Alb 2008 wohl nicht ins Leben gerufen worden«, betonte Lenk. »Was anfangs politisch belächelt wurde, hat sich als gute Idee herausgestellt.«
Das Remontedepot liegt am Rande des ehemaligen Truppenübungsplatzes und damit im Herzen des Biosphärengebiets, das Hauk kurz und treffend charakterisiert: »Es ist ein Lebensraum mit rauem Charme und großen Chancen.« Seine Geschichte und seine Kulturlandschaft - »ebenso idyllisch wie abweisend« - machen es einzigartig. Hauk betrachtet es aber nicht nur als Landschaftsmuseum, sondern auch als modernen Lebensraum, in dem ein leistungsfähiger Mittelstand mit Innovation glänze.
Erfolgsgeschichte auf Teleshopping-Kanälen
Zu diesem Kreis zählt der Minister auch Steffen Schmutz, der seinen Familienbetrieb in vierter Generation führt. Was er einem Gast wie Hauk schenkt, liegt auf der Hand, der Minister hat jetzt ein paar Hausschuhe der Marke Vitaform. Eigentlich vertreibt Schmutz seine Ware über Teleshopping-Kanäle, zwei Mal pro Woche ist er im Studio in Düsseldorf. Stammsitz der Firma, die europaweit Produktionsstätten unterhält, ist in Feldstetten - einem Nachbardorf kaum größer als Breithülen. Das Remontedepot hat die Familie Schmutz 2011 gekauft. Die Bundeswehr hatte die Liegenschaft 2004 aufgegeben und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) mit dem Verkauf betraut.
»Die Gemeinde hatte das Vorkaufsrecht«, blickte Lenk zurück. Die Krux: Hätte die Gemeinde Heroldstatt nicht zugegriffen, wäre das Areal europaweit auf dem Immobilienmarkt angeboten worden. Die Kommune wollte die Liegenschaft zwar nicht - Schmutz aber schon. Also machte der damalige Bürgermeister Karl Ogger morgens den Deal - und verkaufte das Remontedepot noch am Mittag desselben Tages an den Unternehmer weiter.
Exklusives Eventgelände mit Whiskymanufaktur in der Nachbarschaft
Geplant habe er dort eigentlich ein großes Logistikzentrum, berichtet Steffen Schmutz. Gekommen ist es anders, Vitaform nutzt nur einen kleineren Teil des Ensembles, die meisten Gebäude und auch den Außenbereich hat Schmutz in den vergangenen Jahren in ein exklusives Event-Gelände verwandelt. Der ehemalige Seuchenstall und das Schulhaus sowie die Festscheune werden für Hochzeits-, Firmen- und Geburtstagsfeiern gut gebucht, rund 120 Feste hat Schmutz inzwischen pro Jahr im Kalender stehen. Sein neuestes Projekt ist inzwischen ebenfalls abgeschlossen: Die alte Villa auf dem Gelände, die seit vielen Jahren leer stand, bietet stilvolle Übernachtungsmöglichkeiten für Festgesellschaften inklusive Hochzeitssuite.
Auch die Gemeinde Heroldstatt profitiert davon: Sie hat einen schönen Ort, an dem auch standesamtliche Trauungen gefeiert werden dürfen, freut sich der heutige Bürgermeister Michael Weber. Dass Breithülen ein besonderer Ortsteil ist, steht jedenfalls außer Frage. Denn auch in nächster Nachbarschaft findet sich etwas, das weit über die Grenzen der kleinen Gemeinde hinaus bekannt ist: Die Whiskymanufaktur Finch, deren Gründer Hans-Gerhard Fink ebenfalls eine ehemalige militärische Liegenschaft gekauft und in etwas völlig anderes verwandelt hat. Aus der ehemaligen Raufutterscheune des Remontedepots wurde eine Destillerie samt Shop, und in den Bunkern des ehemaligen französischen Munitionsdepots dürfen die Alb-Whiskys ungestört in ihren Fässern reifen. (GEA)
Das Buch
Das Buch »Pferde, Panzer, Pulver und Piloten« (ISBN: 978-3-941453-40-1) hat 288 Seiten und über 600 Fotos, Postkarten und Abbildungen. Es kostet 49,90 Euro. Bestellmöglichkeiten gibt es beim Wiedemann Verlag (Telefon 07381 2090) und unter www.Breithuelen.de. Das Buch gibt es auch bei: Buchhandlung Finkeria Münsingen, Biosphärenzentrum Münsingen, BT 21 im Albgut (Altes Lager), Dorfladen Feldstetten, Bürgerbüro Rathaus Heroldstatt, bei der Ortsverwaltung Donnstetten sowie bei Finch Whisky in Breithülen. Das Remontedepot ist am Wochenende 5. bis 7. Dezember für Besucher geöffnet: Freitags und samstags ist von 16 bis 21 Uhr »Weihnachtszauber« mit verschiedenen Marktständen, am Sonntag von 15 bis 20 Uhr. (ma)


