ST. JOHANN-GÄCHINGEN. Wer entlang der L249 von Gächingen nach Gomadingen unterwegs ist, wird ihn rechter Hand bemerkt haben, den schroffen Felsrücken mit seinen auffälligen Wellenlinien oberhalb der Gächinger Lauter. Die Straße führt hier durch das »Zizelhauser Tal«, benannt nach einem verschwundenen Dorf. Wo könnte es gelegen haben und was weiß man darüber?
Moderne Karten verorten das ehemalige Dorf Zizelhausen auf dem Felsrücken und auch die örtliche Bevölkerung spricht davon. Hilde Wörner aus Gächingen erinnert sich, dass der Bergrücken bis zur Flurbereinigung in kleine Gartenparzellen mehrerer Eigentümer aufgeteilt war. »Mein Vater hatte dort ebenfalls ein Grundstück. Einmal zeigte er mir von der Straße aus eine bestimmte Stelle und sagte, dort sei der Brunnen von Zizelhausen«, berichtet sie. Er habe ausdrücklich von einem Brunnen und nicht von einer Quelle gesprochen. Hilde Wörner erzählt auch von der zugehörigen Sage. »So wie ich es kenne, stammte im Mittelalter eine der Mägde des Offenhauser Vogts aus Zizelhausen. Sie bekam mit, dass der Ort überfallen werden sollte und warnte ihre Leute. Diese gingen mit Sack und Pack nach Osten, nicht ohne Zizelhausen vorher in Brand zu stecken, um dem Feind nichts zu hinterlassen.« Möglicherweise hält sich in dieser Sage die Erinnerung an das im 30-jährigen Krieg schwer geschädigte Gomadingen.
Genaue Lage ist unbekannt
Vor rund 20 Jahren verfasste die Gächingerin Johanna Hägele ein Gedicht über die Dorfleute, ihre harte Arbeit auf kargem Boden und die vielen Abgaben, die Kloster Offenhausen verlangte. Christa Vöhringer-Glück, die zusammen mit ihrem Mann Emil Glück ein umfangreiches Werk über Offenhausen verfasste, konnte dies jedoch aus den historischen Unterlagen nicht bestätigen. Im Gegenteil habe das Kloster vielen Tagelöhnern die Möglichkeit zu Lohn und Brot geboten.
Dass Zizelhausen bis heute im Bewusstsein ist, liegt sicher auch an seinen fortlaufenden Erwähnungen in den Oberamts- und Kreisbeschreibungen. Was verraten die historischen Schriftquellen über Zizelhausen? Sehr wahrscheinlich ist es identisch mit dem um 1100 genannten »Uzilishusin«. Willibirg, Gemahlin des Landfried von Gönningen, schenkte Grundbesitz aus diesem Dorf an das Kloster Zwiefalten. 1318 ist ebenfalls von Gütern in Zizelhausen die Rede. Anna von Speth hatte sie von ihrem Vater als Mitgift für ihre Aufnahme ins Kloster Offenhausen erhalten. 1347 verkaufte oder verlieh Heinrich Speth von Steingebronn etlichen Besitz in Münsingen, Böttingen und Zizelhausen an die Grafen von Württemberg, behielt jedoch einen Leibeigenen in Zizelhausen. 1454 war das Dorf steuerpflichtig, 1461 besaß das Kloster Zwiefalten dort einen Hof.
Um die Mitte des 15. Jahrhunderts scheint der Ort verschwunden zu sein, jedoch bedarf es zur Klärung noch umfangreicherer Forschung, bis wann dort Häuser standen. 1554 wird Zizelhausen direkt als abgegangener Weiler bezeichnet, aus dem aber noch Steuern entrichtet werden mussten. Denn die Nachbarorte Gächingen und Lonsingen nutzten die dortigen Weiden.
Gibt es Hinweise, wo Zizelhausen gelegen haben könnte? Der Felsrücken würde sich wegen seiner geschützten Lage anbieten. Die Ost- und Südseite fallen schroff ab, die Westseite war durch das sumpfige Gelände des Degentals geschützt. Früher führte laut Zeitzeugen eine Brücke über diese Niederung, heute liegt dort ein Erddamm mit Röhren.
Häufig wurden Siedlungen an wichtigen Wegen angelegt. Auch dies ist auf dem Felsrücken gegeben. Für Hilde Wörner ist es selbstverständlich, dass man, wenn man von Gächingen nach Offenhausen wollte, den Weg über die Anhöhe nahm. Von der Landstraße aus bog man rechts auf einen heute asphaltierten Weg ab, der mit alten Steinpfeilern markiert ist. Von dort ging es hinauf und ins Degental wieder hinunter. Hier kreuzt der Wander- und Radweg durchs Degental. 1902 fand man im Kreuzungsbereich ein Grab aus der keltischen Latènezeit, wie auch überhaupt der ganze Bereich seit Jahrtausenden von Menschen besucht oder genutzt wurde.
»Als die Rohre zur Kläranlage St. Johann gelegt wurden, fanden sich im Graben Scherben seit der Jungsteinzeit«, erinnern sich die Heimatforscher Heinz und Klaus Besch. Vom Degental geht es durch den Wald hinauf Richtung Offenhausen. »Das ist das Offenhauser Steigle«, so Hilde Wörner. Sie selbst sei früher sogar noch mit dem Auto hinaufgefahren.
Scherben seit der Jungsteinzeit
Die Straße von Gächingen über Zizelhausen nach Offenhausen war, so Christa Vöhringer-Glück, früher Teil einer wichtigen Fernstraße. »Dies kann man in der `Charte von Schwaben´ von 1810 sehen«, berichtet sie.
Wasser war immer ein weiterer wichtiger Siedungsfaktor, vor allem im Karstgebiet der Alb. An der Südwestseite des Felsrückens tritt eine Quelle aus, die bis heute sauberes Wasser liefert und vom Dorf Zizelhausen genutzt worden sein kann. Die Quelle ist heute meist aktiv und bildet zusammen mit der Gächinger Lauter einen kleinen Teich.
Zizelhausen, das vermutlich mindestens von 1100 bis ins 15. Jahrhundert bestanden hat, müsste jedoch auch archäologische Spuren hinterlassen haben. Als im Jahr 2000 der Schafstall auf dem Felsrücken erbaut wurde, bargen Heinz und Klaus Besch zahlreiche Keramikscherben aus mehreren Jahrhunderten. Unterhalb des Schafstalls betätigen sich heute Maulwürfe als Archäologen und fördern regelmäßig ebenfalls Scherben vom 11./12. Jahrhundert bis in die Neuzeit zutage.
»Das Fundmaterial reicht jedoch bisher nicht aus, um eine frühere Siedlung auf dem Höhenrücken tatsächlich nachzuweisen«, so die Archäologinnen Dr. Dorothee Brenner und Iris Grunert vom Landesamt für Denkmalpflege in Tübingen. Sehr spannend sei jedoch ein rund sechs mal sechs Meter großes Quadrat, das per Luftbild im Gelände entdeckt wurde und das einen ehemaligen Hausgrundriss darstellen könnte. Siegbert Lamparter, heutiger Eigentümer des Areals, machte sich auf die Suche und fand an der bezeichneten Stelle tatsächlich eine Steinsetzung auf einem Plateau. Ob es sich dabei um ein Relikt von Zizelhausen handelt, muss jedoch, da wissenschaftliche Grabungen nur stattfinden, wenn das Areal durch Bodeneingriffe gefährdet ist, vorerst ein Rätsel bleiben. Bisher wahrt also das verschwundene Dorf sein Geheimnis. (GEA)

