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Urgeschichtliches Museum in Blaubeuren gibt Einblicke in das Leben der Ur-Älbler

Wenn Sie die Wahl hätten, wann würden Sie gerne gelebt haben? Heute, im Digitalzeitalter, in der romantischen Belle Époque oder im Wilden Westen? Denken Sie mal über die Altsteinzeit nach, hier auf der Alb. Das Urgeschichtliche Museum in Blaubeuren gibt faszinierende Einblicke in das Leben der Ur-Älbler und ist einen Besuch wert. Jagd, Handwerk, Kunst – die Altsteinzeitler waren talentierte Allrounder.

Foto: Gea
Foto: Gea

BLAUBEUREN. Am gehobenen Stammtisch wird gern mal die Frage diskutiert, in welcher Zeit man gerne gelebt hätte. Die rauen Typen wollen zurück in den Wilden Westen oder in die Ritterzeit, die Feinsinnigeren schätzen die Belle Époque oder das alte Griechenland. Man sollte den Blick aber weiter nach hinten richten, ganz weit, in die Steinzeit.

Das Urgeschichtliche Museum (Urmu) in Blaubeuren bietet einen Blick in das Leben in der Altsteinzeit. In der Region zwischen Ach und Lonetal auf der Schwäbischen Alb künden eine Vielzahl archäologischer Funde vom Treiben der Ur-Älbler. Viele davon sind weltweit einzigartig, so wurden hier die ältesten Kunstgegenstände und Musikinstrumente der Menschheitsgeschichte entdeckt.

»Was soll man mit vier Tonnen Mammutfleisch auf einmal anfangen?«

Wer sich auf die Zeitreise im Urmu einlässt, wird vielleicht neidisch auf unsere Vorfahren. Wahrscheinlich mussten unsere Uraltvorderen nur drei bis vier Tage in der Woche arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu decken, sagt Johannes Wiedmann, Archäologe am Urmu. Wobei das mit dem »Arbeiten« so eine Sache ist: Jagen, Fischen, Pilze und Beeren pflücken: Heute muss man einige Zeit an der Werkbank oder im Büro verbringen, um sich das leisten zu können.

Wie war also das Leben damals in der Altsteinzeit? Es war kalt, kein Wunder, es war ja schließlich Eiszeit. »Man muss es sich vorstellen wie im Norden Zentralasiens«, sagt Wiedmann, »lange kalte Winter, kurze heiße Sommer.« Der Wald, wo überhaupt vorhanden, sah anders aus. Den Buchen und Eichen war es noch zu kalt, es waren eher Hasel, Birken, Kiefern und in geschützten Tallagen Weiden und Erlen zu finden.

Die Ur-Älbler jagten und sammelten in drei Lebensräumen: In den Talauen fanden sie Wasser, Fische oder Krebstiere. In den noch kahlen Steilhängen tummelten sich Steinböcke, Gemsen und Murmeltiere, auf den Hochflächen der Alb weideten Mammuts, Wildpferde und Rentiere.

Foto: Gea
Foto: Gea

Von den imposanten Mammuts dürfte es aber nur eine oder zwei Herden auf der Alb gegeben haben. »Ein Mammut frisst 200 Kilogramm Gras und Kräuter am Tag, die waren ständig auf der Wanderschaft«, sagt Wiedmann. Als Beute waren sie selten, die Jagd nicht ungefährlich. »Und was will man mit vier Tonnen Fleisch auf einmal anfangen?«, fragt Wiedmann.

Um die man sich auch noch mit den Raubtieren schlagen musste, mit Wölfen, Höhlenhyänen oder Polarfüchsen, nicht zu vergessen den Höhlenlöwen mit einer Schulterhöhe von 1,50 Metern. Die Höhlenbären waren dagegen Vegetarier. Die meisten Funde im Hohle Fels sind Höhlenbärenknochen. »Die Bären waren immer in der Höhle, die Menschen nur ab und an«, sagte Archäologe Nicholas Conard bei der Präsentation des »Funds des Jahres« im Urmu: einem Teil einer Höhlenbären-Statuette aus Mammut-Elfenbein.

Denn das Elfenbein war damals wie heute begehrt, aus ihm wurden Schmuckstücke gefertigt wie der Löwenmensch, der im Hohlenstein-Stadel – nicht zu verwechseln mit dem Hohle Fels bei Schelklingen – im Lonetal gefunden wurde. Vom etwa 31 Zentimeter hohen Löwenmenschen wurden schon kleinere »Kopien« gefunden, ein Hinweis auf ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Alb-Sippen. Wesentlich zahlreicher sind Doppellochperlen aus Mammut-Elfenbein. Sie wurden in großer Zahl in allen Fundstellen auf der Alb, aber nur hier, entdeckt. »Vielleicht war es eine Art Abzeichen«, spekuliert Wiedmann, »wir gehören zusammen, ihr gehört nicht zu uns.« Spannend ist auch, dass die Altsteinzeitler nicht nur mächtige Kreaturen wie das Mammut oder Höhlenbären – oder den Löwenmenschen – festgehalten haben. Auch Fische und Vögel wurden verewigt.

»Wir gehören zusammen, ihr gehört nicht zu uns, sagen die Perlen«

Wahrscheinlich haben lange Zeit nur zwischen 1.000 und 2.000 Menschen im Südwesten gelebt, auf die Füße getreten ist man sich also nicht. »Höhlenmenschen« waren sie nicht, dass die meisten Eiszeitfunde aus Höhlen stammen, hat andere Gründe. »Es liegt zum einen an der Forschungsgeschichte«, ordnet Wiedmann ein. »Wir finden etwas in Höhlen, dann wird auch weiter in Höhlen gesucht.« Und in Höhlen lagern sich schützende Schichten ab, von einem Lager in der Tundra ist nach kurzer Zeit nichts mehr übrig. »Die sieben oder acht Grad in den Höhlen sind nur attraktiv, wenn es draußen minus 30 Grad hat«, sagt Wiedmann. Außerdem waren die Altsteinzeitler hoch mobil. Wenn sich das Wild in der Umgebung eines Lagers rar machte, die Blaubeeren gepflückt waren, zog die Sippe weiter, auf zum nächsten Campingplatz. Dort wurde, wie heute auch, gegrillt und gekocht. Neben Wildpferdhals vom Spieß stand Rentiereintopf auf dem Speiseplan, erhitzt in Fellkochtöpfen. Mit heißen Steinen aus der Feuerstelle bekommt man zwei Liter Wasser innerhalb von Minuten zum Kochen, danach simmert die Suppe noch lange vor sich hin.

Gerben erfordert Wissen und Geschick.
Gerben erfordert Wissen und Geschick. Foto: Privat
Gerben erfordert Wissen und Geschick.
Foto: Privat

Die Jagd war wohl auskömmlich, dazu kam der Ertrag der Sammeltätigkeit: »Wahrscheinlich haben sie mehr pflanzliche als tierische Nahrung zu sich genommen«. Die Vielzahl der Fundstücke spricht dafür, dass unsere Altvorderen Zeit für die Produktion von Luxusprodukten hatten und damit schon einen schwunghaften Tauschhandel betrieben. Es wurden Handelsobjekte vom Atlantik und aus dem Mittelmeerraum gefunden, aus dem Pariser und dem Steinheimer Becken. Auch »Dinge des täglichen Bedarfs« wurden über weite Entfernungen gehandelt, so kam Feuersteinrohmaterial aus Frankreich.

Ob Schmuckschnecken im Rucksack von der Riviera mitgebracht wurden oder ob über die Vorläufer von Marktplätzen in Stafetten wanderten, weiß man nicht. Ziemlich sicher dürfte sein, dass die Menschen sehr mobil waren und eine klare Vorstellung von ihrem weiteren Lebensraum hatten. »Sie hatten eine Landkarte im Kopf«, glaubt Wiedmann.

»Für eine Speerschleuder muss man Hebelwirkung verstanden haben«

Und nicht nur eine Karte. Ein Altsteinzeitler musste über viel Wissen verfügen, um überleben zu können. Über Tiere und Pflanzen, Jahreszeiten und Wetter. Über die Bearbeitung von Stein und Holz, von Häuten und Knochen, über Kommunikation oder Jagdstrategien. Internet oder »Gewusst wie«-Bücher gab es nicht, die grauen Zellen waren gefragt.

Messungen haben ergeben, dass menschliche Gehirne seit der letzten Eiszeit um mehr als zehn Prozent an Masse eingebüßt haben. Ob die Vorfahren mit mehr Hirnmasse schlauer waren als wir Sesselpupser, weiß man nicht. Technologisch waren sie auf jeden Fall weit. Einen Holzspeer bekommen schon Kindergartenkids hin, für eine Speerschleuder muss man dagegen schon Hebelwirkung verstanden haben, erläutert Wiedmann. Und so einfach Steinwerkzeuge wirken, die Herstellung erfordert Geschick und einen Blick für die Schichtung des Rohmaterials. Weil nicht jeder Brocken taugt, wurden sogar Steine aus den Alpen oder dem Altmühltal auf die Alb gebracht.

HÖHLEN IN DER REGION

Höhlen gibt es auf der Schwäbischen Alb reichlich, viele können besichtigt werden. Der GEA wird in loser Folge über einige der Zugänge zur Unterwelt berichten. Den Auftakt macht der Blick auf die Höhlenkultur der Altsteinzeit, Ausflugstipps zu begehbaren Höhlen schließen sich an. (GEA)

Alles in allem scheint das Leben vor 40.000 Jahren also ganz attraktiv gewesen zu sein. Jagen, fischen und sammeln in einer Vier-Tage-Woche, danach genug Zeit, sich handwerklich oder künstlerisch zu verwirklichen, vor der Höhle oder im Feldlager zu schlemmen und sich Geschichten auszudenken, die von Fabelwesen wie dem Löwenmenschen handelten: Das klingt nicht schlecht.  Die tägliche Schinderei ging erst in der Jungsteinzeit los, mit dem Wechsel zu Ackerbau und Viehzucht. Oder, wie es Yuval Harabi in »Eine kurze Geschichte der Menschheit« formuliert: mit der Domestizierung des Menschen durch den Weizen.

Ob der Stammtischler, der sich in die gute, ganz alte Zeit, zurückwünscht, damals hätte mithalten können, ist aber fraglich. In einer Ära ohne Fertigprodukte, ohne Super- und Baumärkte, ohne Modefachgeschäfte musste jeder Mensch ein echter Allrounder sein, Jäger und Handwerker, Designer und Schneider, ohne Bücher oder Internet ein wandelndes Lexikon. Wahrscheinlich würden wir heutigen im Hohle Fels ziemlich blöd aussehen. (GEA)

www.urmu.de