GAMMERTINGEN. Insgesamt 15 Windräder sollen auf Gammertinger Fläche entstehen. Die Sonnenbühler Sowitec wird die Rolle des Projektierers übernehmen, die Stadtwerke Tübingen (SWT) die fertigen Anlagen betreiben. Neun der Anlagen vom Typ Nordic N 175 mit einer Nabenhöhe von 179 Metern und einer Gesamthöhe von 262 Metern sollen sich bei Kettenacker drehen, sechs vom selben Typ oberhalb von Gammertingen. Jede Anlage hat eine Leistung von 6,8 Megawatt, in Summe 102 Megawatt.
Alle Anlagen werden auf Flächen der Stadt stehen - meist in Waldgebieten, zu einem kleineren Teil im Offenland oder auf Wiesenstreifen, das gehöre zu den Grundsätzen von Sowitec, so Geschäftsführer Gerd Hummel bei der Bürgerinformation in der gut gefüllten Mensa der Laucherttalschule. Pro Anlage wird eine Fläche von einem Hektar benötigt, erläuterte Marise Hummel vom Projektierer Sowitec. Davon je 0,3 Hektar dauerhaft, 0,7 Hektar werden während der Errichtung benötigt und dann zurückgebaut, dazu könnte noch die Fläche für ein Umspannwerk kommen. Die Pacht kommt so der Stadtkasse zugute, über die Höhe ist bisher nichts bekannt, das hat sich auch bei der Veranstaltung nicht geändert. Gammertingen habe ein gutes Angebot erhalten, die Pachtpreise für Windkraftstandorte seien am Fallen, sagte Hummel.
Die Stadt profitiere darüber hinaus von überdurchschnittlichen Erträgen, die auf die Pacht durchschlagen sollen. Ob das so ist, wird sich zeigen, wenn nach und nach Pachteinnahmen in den Haushaltsplanungen der Kommunen auftauchen. Konkreter wurde Julian Klett von den SWT bei der Beteiligung nach Paragraf 6 des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes. 0,2 Cent pro erzeugter Kilowattstunde dürfen die Betreiber an Kommunen ausschütten, die im Umkreis von 2.500 Metern um die Anlagen liegen. Auf voraussichtlich 30.000 Euro pro Jahr schätzt Klett die Summe. Die Nachbargemeinden werden also auch etwas davon haben, Gammertingen umgekehrt von einigen Anlagen knapp an der Gemeindegrenze.
Pacht und Ausschüttung über EEG
So weit, so finanziell gut. Trotzdem stößt der Ausbau der Windkraft in Gammertingen auf deutlichen Widerstand. Besonders der Verein Mensch und Natur Kettenacker macht die Bedenken, die vor allem, aber nicht nur, in den Albgemeinden bestehen, vernehmbar. Mensch und Natur war mit einem eigenen Infostand in der Schul-Aula vertreten, mit reichlich kritischem Informationsmaterial zum Thema Windkraft allgemein. Vor der Laucherttalschule hielt darüber hinaus das »Bündnis rettet die Alb« eine Mahnwache ab, mit Warnwesten und Plakaten.
Darum, ob Windkraft prinzipiell sinnvoll ist oder nicht, sollte es bei der Bürgerinformation aber nicht gehen, machte Bürgermeister Andreas Schmidt deutlich. Sondern um die Möglichkeiten, die die Stadt durch die Verpachtung eigener Flächen hat. Was Mensch und Natur nicht gnädig stimmte. »Rettet die Alb« hat zusammengetragen, wie viele Windräder sich bald in Sichtweite der Gammertinger Albgemeinden drehen könnten: neun in Kettenacker, sechs in Harthausen, neun in Trochtelfingen, 14 in Pfronstetten, vier bei Inneringen und ein Stück weiter weg fünf am Hohfleck in Sonnenbühl. »Egal, in welche Himmelsrichtung wir schauen, werden wir von Windkraftanlagen umzingelt sein«, heißt es im Aufruf zur Mahnwache.
Mensch und Natur stört sich besonders an der Überlastung Kettenackers beziehungsweise der Albgemeinde: Zu viele Windräder, zu geringe Abstände zu den Siedlungen, zu geringe Abstände zwischen den Anlagen selbst vor Ort. Dazu komme, dass hier die drei Regionalverbände Bodensee-Oberschwaben, Neckar-Alb und Donau-Iller zusammenstoßen. Außerdem kritisiert der Verein die Kommunikationspolitik der Verwaltung und des Gemeinderats. Bis zur Bürgerinformation sei über den Stand der Gespräche mit Sowitec und den SWT nichts bekannt geworden, die Verpachtung durch den Gemeinderat erfolgte nichtöffentlich. Der Verein hätte gern auch Einblick in den Entwurf der Pachtverträge, besonders mit Blick auf Risiken beim Rückbau, Sicherheit und Umweltschutz.
Inbetriebnahme 2028/29
Das Genehmigungsverfahren ist angelaufen, die Anlagen könnten 2028/29 in Betrieb gehen, schätzt Gerd Hummel. Wobei über die genaue Zahl der Windräder noch gesprochen werde. Hummel hofft, dass sich die Stimmung unter den Bürgern noch drehen wird. In Melchingen sei der Widerstand vor Projektbeginn ähnlich stark gewesen: 50 zu 50. Mittlerweile hätten die Melchinger ihren Frieden mit den Anlagen gemacht und schätzten die Vorteile für Umwelt und Gemeindekasse. Man wird sehen. Über die Visualisierungen, die Marise Hummel an die Wand projizierte, herrschte eher Entsetzen. (GEA)


