MÜNSINGEN. Gut Ding braucht Weile. Nachdem in der vergangenen Woche der von der »Bürgerinitiative Albklinik für den Erhalt der Notfallpraxis« organisierte Sturmlauf wegen drohender Gewitter verschoben werden musste, hat’s jetzt geklappt. Knapp 400 Menschen, die unterschiedlicher nicht sein konnten und im normalen Alltag wohl kaum das Bestreben hätten, gemeinsame Sache zu machen, vereinten sich auf der Tartanbahn im Wiesentalstadion. Mit am Start auch die Bundestagsabgeordnete Anne Zerr (Die Linke).
Ein zentrales Symbol der Veranstaltung war ein großer roter Hummer, der mit seinen kräftigen Zangen die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) verkörperte. Jene Institution, die Münsingen die Notfallversorgung an der Albklinik »abknipsen« will.
Abgeordnete Anne Zerr am Start
Doch die Menschen vor Ort ließen sich vom Hummer nicht abschrecken: Mit Aufklebern auf den Shirts, auf denen stand: »Dagegen laufen wir Sturm«, zogen sie ihre Runden auf dem 400 Meter langen Rundkurs. Wer nicht laufen konnte, saß im Schatten, wurden aber dennoch als wichtiger Teil vom Organisationsteam wahrgenommen,
Während die Demonstrierenden entgegen dem Uhrzeigersinn liefen, bewegte sich der Lobster in die andere Richtung und knipste, zugegeben immer mit einem Lächeln im Gesicht, symbolisch in die Menge. Nach etwa 30 Minuten Laufzeit kapitulierte das Schalentier mit seinen starken, kräftigen Werkzeugen und hob eine weiße Fahne mit einem roten Herz in den strahlend blauen Himmel. Ein starkes Bild, das Hoffnung ausdrücken sollte. Hoffnung darauf, dass die KVBW insbesondere ihre stellvertretende Vorsitzende Dr. Doris Reinhardt doch noch Herz zeigt für die Menschen auf der Albhochfläche.
Beim Gespräch mit den Teilnehmern zeigten sich viele besorgt. Gerade im Winter, so war zu hören, sei die Vorstellung, im Notfall bis nach Reutlingen oder Ehingen fahren zu müssen, für viele schlicht unzumutbar. Andere sehen schon jetzt eine Überlastung der Notfallambulanzen. Wieder andere sahen nach dem Wegfall der Geburtshilfe, der Instrumentensterilisation und des Labors, in der Schließung der Bereitschaftspraxis einen weiteren Schritt in Richtung Ende der Albklinik. Stichwort Salamitaktik.
Mit Ruhe und Entschlossenheit moderierte Dr. Eberhard Rapp, Sprecher der Bürgerinitiative, die Veranstaltung. Engagiert, mit einem klaren Appell: Sorgen und Nöte, sollten direkt an die KVBW herangetragen werden. Per Mail oder per Brief. Aber mit Nachdruck. Auch auf den Teilnehmerurkunden, die jeder am Ende bekam, wurde darauf hingewiesen. Abgerundet wurde der Abend durch eine Verlosung und viele Gespräche und Begegnungen. Eine friedliche, mit Fantasie bestückte Demonstration, ging zu Ende.
Die Botschaft war klar: Münsingen braucht seine Bereitschaftspraxis. Und es gibt viele Menschen, die bereit sind, dafür zu laufen und zu kämpfen. Ganz nach dem Motto: »Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.«
»Was versprecht ihr euch von der Aktion«, fragte ein Bürger. Die Macher der Initiative hoffen nach wie vor aufgrund der geographischen Besonderheit von Münsingen auf ein Einsehen seitens der KVBW und auf Unterstützung aus der Politik. Unter anderem auch auf einen positiven Ausgang der Klage, an der 13 Kommunen, darunter auch Münsingen beteiligt sind.
Klage vor dem Sozialgericht
Vor dem Sozialgericht wird aktuell geklärt, ob die Kassenärztliche Vereinigung mit ihrem Konzept nicht zu weit gegangen ist. Wann das Ergebnis der Klage vorliegt, konnte Hauptamtsleiterin Fadime Birinci auf unsere Nachfrage nicht beantworten. Nur so viel, dass die Anwälte an der Sache dran sind. (GEA)
BEREITSCHAFTSPRAXIS
Was genau ist eine Notfallpraxis? Und geht es um die Schließung der Notaufnahme in der Münsinger Albklinik? Klares Nein. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) will den in der Albklinik angesiedelten hausärztlichen Notdienst dort nicht weiterführen. Behandelt werden in einer Notfallpraxis keine lebensbedrohlichen Fälle wie Herzinfarkt oder schwere Unfallverletzungen, sondern Erkrankungen, für die normalerweise der Hausarzt zuständig ist, der aber am Wochenende seine Praxis geschlossen hat. Zur besseren Abgrenzung zum Rettungs- und Notdienst hat die KVBW die Notfallpraxen umbenannt: Aus Notfallpraxis wurde Bereitschaftspraxis. (GEA)

