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Stille Zeiten nach turbulenten Jahren

MÜNSINGEN-RIETHEIM. »Heute Ruhetag«. Ein solches Hinweisschild hat es im Rietheimer »Lamm« nie gegeben. Zugemacht haben die Gollers ihre Dorfwirtschaft das ganze Jahr über nicht, höchstens an Heilig Abend. Und auch da erst in den frühen Abendstunden, wenn im benachbarten Kirchlein bereits die Glocken läuteten und die vier Kinder ihre Eltern in der Wirtsstube bedrängt haben, wann denn auch zu ihnen endlich das Christkind mit den Geschenken kommt.

Den Rücken zum Kachelofen, sitzt die bald 85-jährige »Lamm«-Wirtin Gertrud Goller gern am Stammtisch bei ihren Gästen. Zu ihnen
Den Rücken zum Kachelofen, sitzt die bald 85-jährige »Lamm«-Wirtin Gertrud Goller gern am Stammtisch bei ihren Gästen. Zu ihnen gehören an diesem Abend Sohn Thomas und Tochter Frido, die den Ausschank übernimmt. GEA-FOTO: OELKUCH
Den Rücken zum Kachelofen, sitzt die bald 85-jährige »Lamm«-Wirtin Gertrud Goller gern am Stammtisch bei ihren Gästen. Zu ihnen gehören an diesem Abend Sohn Thomas und Tochter Frido, die den Ausschank übernimmt. GEA-FOTO: OELKUCH
Inzwischen gibt es mehr Ruhe- als Öffnungstage im »Lamm«, vier genau. Nur montags, donnerstags und freitags wartet Gertrud Goller noch auf die wenigen Gäste. Stammgäste, hauptsächlich aus dem Flecken, aber auch aus dem benachbarten Trailfingen oder Dottingen, wo es längst keine eigene Dorfwirtschaft mehr gibt.

Mit bald 85 Jahren ist Gertrud Goller nicht bloß eine der ältesten Wirtinnen, sondern auch eine, die seit 1956 nichts anderes kennt als immer wieder fremde Leute in ihrer Gaststube, in der vom Kachelofen bis zur Ausschanktheke und dem Radiogerät in Griffweite fast noch alles so ist wie früher.

Früher. Da war im »Lamm« nicht bloß bei den vielen, vielen Hochzeiten der Teufel los, bei denen das halbe Dorf droben im großen Saal mit Hirnsuppe und gemischtem Braten und abends noch Bratwürsten mit hausgemachtem Kartoffelsalat bewirtet werden wollte. Und wo hinterher getanzt wurde, bis sich buchstäblich die Balken gebogen haben über der Küche, aus der Gertrud Goller für Nachschub sorgte. Wenn’s sein musste noch bis Mitternacht und darüber hinaus.

Oft schon in der Früh, wenn der Schneepflug den Weg zur Arbeit noch nicht freigeräumt hatte, kamen die ersten Durstigen in die gut geheizte Gaststube, in der Friederike (Frido) und Thomas, die beiden Ältesten der vier Goller-Kinder, auf ihre Geschwister Michael und Annette achtgaben, bis Vater und Mutter vom Melken aus dem Stall zurückgekommen sind. Und abends, da wurde es meist spät, bis die letzten Rietheimer oder auch Auswärtigen heim in ihre Betten gingen. Ob Stammtische, Vereins-Sitzungen, politische Versammlungen oder Wahl-Veranstaltungen: Man traf sich im »Lamm«. Einmal warb hier sogar der später als Remstal-Rebell bekannte Vater des jetzigen Tübinger Oberbürgermeisters um Stimmen: Da war was los am Stammtisch der Älbler, als Helmut Palmer mal wieder kräftig vom Leder zog.

Gertrud Goller hat‘s wohl mitgekriegt, auch wenn ihr Reich mehr hinter der meist offen stehenden Küchentür lag, am großen Herd bei den vielen Töpfen, während Hans, ihr Mann, dem sie vor nunmehr 59 Jahren das Ja-Wort gegeben und damit gleichzeitig seine Wirtschaft geheiratet hat, drinnen kaum nachgekommen ist, die Getränke auszuschenken, die den Gästen von Gollers Kindern an die blank gewischten Tische serviert worden sind.

In einem echten Familienbetrieb mussten immer alle ran und war die Gaststube zugleich der Lebensraum für die ganze Familie: Hier haben die Kleinen gespielt und die Großen ihre Hausaufgaben gemacht, während am Stammtisch hitzige Diskussionen geführt und die neusten Nachrichten ausgetauscht wurden: »über dui ond de sell«.

Und dann die Sensation. Im »Lamm« wird eines der ersten Fernsehgeräte im Dorf aufgestellt, Hans Goller hat das Ungetüm 1958 von irgendwo her gemietet, damit die Rietheimer die Fußballweltmeisterschaft in seiner Gaststube nicht mehr bloß vor dem Radio erleben können – Public Viewing in Schwarz-Weiß mit Flimmereffekt, wovon man bei den Gollers bis heute schwärmt.

Alle mit guter Ausbildung

1976. Hans Goller stirbt. Jetzt steht seine erst 47-jährige Frau allein da als Witwe mit vier Kindern und dem »Lamm«, auf das die Familie mehr denn je angewiesen ist als Einkommensquelle. Und so beendet Frido, die Älteste, nach ihrem Germanistik- und Anglistikstudium erst noch eine Ausbildung als Köchin, bevor sich die jetzt 55-Jährige doch ganz für den Lehrerberuf entscheidet und nun seit Jahren als Oberstudienrätin an einer Friedrichshafener Schule unterrichtet. Auch ihren drei anderen Kindern ermöglicht Gertrud Goller eine gute Ausbildung: Von den Söhnen studiert der eine Maschinenbau, der andere Musik und Orgel. Und Annette, das Nesthäkchen, wie man Geigen baut. Konfirmationsfeiern, oft von drei Familien gleichzeitig, werden im »Lamm« ausgerichtet, und alle Goller-Kinder kommen tageweise wieder heim, um der in der Küche stehenden Mutter zu helfen. Wanderer haben die Rietheimer Gaststube entdeckt, in der auch zu Unzeiten keiner hungrig fortgeschickt wird. Und natürlich all die Skifahrer, die nicht bloß Kohldampf auf panierte Schnitzel oder dampfende Nudelsuppe mitbringen, sondern auch dicken Schnee an ihrer Schuhen: »Do hat mr nochher oft mit dr Kutterschaufel s’Wasser aus dr Stub’ räuma müsse«, erinnert sich Gertrud Goller, die heute oft nachts noch davon träumt, sie würde kochend in der Küche stehen, während in der Gaststube noch immer die Post abgeht.

Pflegekraft reibt Gläser blank

Dort aber ist es still geworden. Sehr still sogar. Denn mit 85 ist man nicht mehr die Jüngste. Und Gertrud Goller ist nicht nur auf ihre Kinder angewiesen, um das »Lamm« überhaupt noch stundenweise öffnen zu können. Sondern auch auf Ewelina oder Olla, ihre sich abwechselnden polnischen Pflegekräfte, die schon mal an der Theke stehen und die Gläser blank reiben, während Gertrud Goller am Kachelofen sitzt und sich freut über jeden, der kommt, um sich zu ihr an den Stammtisch zu setzen. (GEA)