Mit bald 85 Jahren ist Gertrud Goller nicht bloß eine der ältesten Wirtinnen, sondern auch eine, die seit 1956 nichts anderes kennt als immer wieder fremde Leute in ihrer Gaststube, in der vom Kachelofen bis zur Ausschanktheke und dem Radiogerät in Griffweite fast noch alles so ist wie früher.
Früher. Da war im »Lamm« nicht bloß bei den vielen, vielen Hochzeiten der Teufel los, bei denen das halbe Dorf droben im großen Saal mit Hirnsuppe und gemischtem Braten und abends noch Bratwürsten mit hausgemachtem Kartoffelsalat bewirtet werden wollte. Und wo hinterher getanzt wurde, bis sich buchstäblich die Balken gebogen haben über der Küche, aus der Gertrud Goller für Nachschub sorgte. Wenn’s sein musste noch bis Mitternacht und darüber hinaus.
Oft schon in der Früh, wenn der Schneepflug den Weg zur Arbeit noch nicht freigeräumt hatte, kamen die ersten Durstigen in die gut geheizte Gaststube, in der Friederike (Frido) und Thomas, die beiden Ältesten der vier Goller-Kinder, auf ihre Geschwister Michael und Annette achtgaben, bis Vater und Mutter vom Melken aus dem Stall zurückgekommen sind. Und abends, da wurde es meist spät, bis die letzten Rietheimer oder auch Auswärtigen heim in ihre Betten gingen. Ob Stammtische, Vereins-Sitzungen, politische Versammlungen oder Wahl-Veranstaltungen: Man traf sich im »Lamm«. Einmal warb hier sogar der später als Remstal-Rebell bekannte Vater des jetzigen Tübinger Oberbürgermeisters um Stimmen: Da war was los am Stammtisch der Älbler, als Helmut Palmer mal wieder kräftig vom Leder zog.
Gertrud Goller hat‘s wohl mitgekriegt, auch wenn ihr Reich mehr hinter der meist offen stehenden Küchentür lag, am großen Herd bei den vielen Töpfen, während Hans, ihr Mann, dem sie vor nunmehr 59 Jahren das Ja-Wort gegeben und damit gleichzeitig seine Wirtschaft geheiratet hat, drinnen kaum nachgekommen ist, die Getränke auszuschenken, die den Gästen von Gollers Kindern an die blank gewischten Tische serviert worden sind.
In einem echten Familienbetrieb mussten immer alle ran und war die Gaststube zugleich der Lebensraum für die ganze Familie: Hier haben die Kleinen gespielt und die Großen ihre Hausaufgaben gemacht, während am Stammtisch hitzige Diskussionen geführt und die neusten Nachrichten ausgetauscht wurden: »über dui ond de sell«.
Und dann die Sensation. Im »Lamm« wird eines der ersten Fernsehgeräte im Dorf aufgestellt, Hans Goller hat das Ungetüm 1958 von irgendwo her gemietet, damit die Rietheimer die Fußballweltmeisterschaft in seiner Gaststube nicht mehr bloß vor dem Radio erleben können – Public Viewing in Schwarz-Weiß mit Flimmereffekt, wovon man bei den Gollers bis heute schwärmt.

