MÜNSINGEN-DOTTINGEN. Wenn sich Jupp Warmsbach seinen roten Bischofsumhang überwirft, die rote Mitra aufsetzt und sein goldenes Buch der guten Taten und kleinen Verfehlungen unter den Arm klemmt, dann beginnen für den 82-Jährigen wieder ganz besondere Wochen im Jahr. Die Vorweihnachtszeit ist für ihn ebenso voller Magie wie für die Kinder, die er besucht. Seit einem halben Jahrhundert ist Warmsbach als Nikolaus unterwegs. Nicht als Weihnachtsmann, sondern als echter Bischof, mit Würde, mit Geschichte und mit Herz. Rund 15 Einsätze absolviert er jedes Jahr in der Zeit um den Nikolaustag. Vereine und Kindergärten bestellen ihn, Familien setzen sich erwartungsvoll ins Wohnzimmer und warten auf sein Erscheinen.
»Ich komme nicht mit der Rute und schimpfe auch nicht. Kinder wollen gelobt werden«
Jedes Mal, wenn er durch die Tür tritt, erlebt er dieselben Momente – und doch ist jeder davon in den vergangenen 50 Jahren einzigartig gewesen. »Ich brauche das«, sagt er und beschreibt, wie sehr ihn die glänzenden Kinderaugen bei seinem Anblick erfreuen. Einen Knecht Ruprecht hat dieser Nikolaus nicht an seiner Seite: »Ich komme nicht mit der Rute und schimpfe auch nicht. Kinder wollen gelobt werden.« Es gefällt ihm, wie die Kleinen gebannt dasitzen und zwischen Ehrfurcht und Neugier seinen langen weißen Bart mustern. Die ganz Mutigen kommen näher, die Schüchternen verstecken sich hinter ihren Eltern. »Manchmal werde ich gefragt, wo ich meine Rentiere gelassen habe. Diesen Kindern erzähle ich, dass ich sie weit draußen geparkt habe«, erzählt Warmsbach lachend.
Hin und wieder mischt sich auch etwas Sorge und Angst in den Blick der Kinder, weil sie fürchten, dass der Nikolaus etwas über sie weiß, was sie lieber verschweigen würden. Dann schlägt er sein großes Buch auf, in dem tatsächlich ein paar Zeilen über jedes Kind stehen – liebevoll notiert, niemals bloßstellend. Warmsbach weiß: Der Nikolaus ist ein guter Mann. Er ermahnt, aber verurteilt nicht. Aus langjähriger Erfahrung weiß er, dass manchmal schon ein mildes Augenzwinkern genügt, um die Spannung zu lösen. Meist hat er kleine Überraschungen und Geschenke dabei. Jedes ist für ihn eine Botschaft voller Wertschätzung, Aufmerksamkeit und ein Zeichen dafür, dass Gutes gesehen wird.
Es sind die vielen unterschiedlichen Begegnungen, die Jupp Warmsbach auch noch mit 82 Jahren antreiben, von Haus zu Haus zu ziehen. Inzwischen seien aus den Kindern, die er einst als Nikolaus besucht hat, Eltern geworden, deren Kinder er heute besucht. Er erinnert sich noch gut an die Anfänge, als er 1975 als Nikolaus für den Schwäbischen Albverein Dottingen zum ersten Mal in ein bei der katholischen Kirche geliehenes Gewand geschlüpft ist.
»Zehn Jahre später habe ich mir mein eigenes Gewand von einer Schneiderin nähen lassen.« Einmal war er sogar auf Krücken unterwegs, denn diese Nikolaus-Besuche einfach ausfallen lassen, kommt für ihn nicht infrage. »Solange meine Beine mich tragen und meine Stimme kräftig genug bleibt, mache ich weiter«. Denn ihm ist klar, dass für Kinder dadurch etwas Wirklichkeit wird, das sonst nur in Geschichten existiert.
"Solange meine Beine mich tragen und meine Stimme kräftig genug bleibt, mache ich weiter.""
Vielleicht, so räumt er ein, war die Tradition des Nikolaus-Besuchs vor einigen Jahrzehnten noch weiter verbreitet. Aber immer noch handele es sich dabei um etwas ganz Besonderes. Schließlich steht der Nikolaus für Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Kinder hören seine Geschichten und verstehen intuitiv, dass gutes Verhalten mit Anerkennung verbunden ist. Für viele von ihnen ist der Nikolausbesuch also auch heute noch ein Höhepunkt in der Adventszeit.
Sie erleben dabei eine Mischung aus Zauber, Anerkennung, Geborgenheit und gelebten Werten. Und das ist genau das, was Jupp Warmsbach weitermachen lässt. Er spürt die echte Freude, wenn er den Raum betritt – nicht wegen großer Geschenke, sondern weil Menschen, vor allem Kinder, durch ihn das Gefühl bekommen: Da hat jemand an mich gedacht. (GEA)

