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Raus aus der Sucht, rein ins Leben: Ein Münsinger erzählt

Jochen Hofhansel hat alles andere als einen geraden Lebenslauf. Die Kunst und der Glaube an Gott, aber auch an sich selbst haben ihm geholfen, die Alkoholsucht hinter sich zu lassen.

Jochen Hofhansel in seinem Reich: Der Kunsthandwerker arbeitet im Atelier des Living Museums Alb der Bruderhaus-Diakonie in Butt
Jochen Hofhansel in seinem Reich: Der Kunsthandwerker arbeitet im Atelier des Living Museums Alb der Bruderhaus-Diakonie in Buttenhausen. Foto: Marion Schrade
Jochen Hofhansel in seinem Reich: Der Kunsthandwerker arbeitet im Atelier des Living Museums Alb der Bruderhaus-Diakonie in Buttenhausen.
Foto: Marion Schrade

MÜNSINGEN. »Hier kann ich mich in unbändiger Freude richtig austoben«, sagt Jochen Hofhansel. Der Werkstattbereich des Living Museums Alb der Bruderhaus-Diakonie in Buttenhausen ist sein Reich. Dort hat er alles, was er braucht, um seiner Liebe zur Kunst und zum Handwerk Gestalt zu geben. Eine Werkbank. Werkzeuge. Holz, das er auf seinen Streifzügen im Lautertal findet oder geschenkt bekommt. Ausgehöhlte Buchenstämme. Ein Stück Eiche, das vom langen Liegen im Wasser fast schwarz geworden ist. Knorrige Weinreben und Efeuranken. Alte Balken, in die der Holzwurm sein Labyrinth genagt hat. Jochen Hofhansel bearbeitet es mit Hingabe, schleift und schmirgelt, ölt und streicht es, macht Narben zu etwas Sichtbarem und Schönen.

Seine Holz-Objekte haben klare, aufgeräumte Formen, die er mit minimalistischen Mitteln akzentuiert - rostiger Stacheldraht, Hufnägel, Kugeln aus den Kugellagern eines ausgemusterten Panzers. Materialien, die eine Geschichte haben, an denen die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat. Materialien, die auch als Sinnbilder für Jochen Hofhansels eigene Geschichte stehen können. Der 60-Jährige hat keinen Vorzeige-Lebenslauf, hinter ihm liegen schwere Zeiten. Geprägt von Unsicherheit und häufigen Arbeitsplatzwechseln, Suche und Sucht. Jahre, Jahrzehnte lang hat er versucht, das Chaos in seinem Kopf und seine depressiven Episoden mit Alkohol zu betäuben. Ein Teufelskreis, der früh, in der Jugend schon, begonnen hat. Immer wieder hat er versucht, ihn zu durchbrechen.

Rostige Ketten, Hufnägel, Kugeln: Jochen Hofhansel braucht wenig, um seine alten Hölzer in Objekte zu verwandeln.
Rostige Ketten, Hufnägel, Kugeln: Jochen Hofhansel braucht wenig, um seine alten Hölzer in Objekte zu verwandeln. Foto: Marion Schrade
Rostige Ketten, Hufnägel, Kugeln: Jochen Hofhansel braucht wenig, um seine alten Hölzer in Objekte zu verwandeln.
Foto: Marion Schrade

Gelernt hat er Fleischer, obwohl sein Traumberuf Koch gewesen wäre. Durchgezogen hat er die Ausbildung trotzdem. Vor allem auch, um die Eltern nicht zu enttäuschen. Als Metzgergeselle hat er nie gearbeitet, sein Geld verdient hat Jochen Hofhansel mal auf dem Bau, mal als Kurierfahrer. Getrunken wurde überall, oft und viel, in der Pause auf der Baustelle, nach Feierabend in der Kneipe. »Das ist halt so eine Szene, man kennt sich«, erzählt der Mann, der sich viele Jahre seines Lebens als Außenseiter gesehen hat. Konstanten gab es wenige, die Liebe zur Natur und den Tieren gehörten dazu. »Tiere sind die besten Heiler«, sagt er, »mit 27 hatte ich meinen ersten Hund.« Über der Werkbank hängt ein Foto. Paula. Die Jack-Russell-Hündin hat Jochen Hofhansel durch schwierige Jahre begleitet. Vor drei Jahren ist sie gestorben.

»Ich habe gemerkt, dass es mir mit jedem Sixpack noch schlechter geht«

Mit Mitte 20 lenkte Jochen Hofhansel sein Leben zeitweise in ruhigere Bahnen. Beziehung, Kind, Familie. Der Versuch, in Bayern auf dem Land ein bürgerliches Leben zu leben. Die Ehe ging in die Brüche, als Hofhansel 37 war. Zu seinem erwachsenen Sohn hat er ein gutes Verhältnis aufrechterhalten. »Ich musste immer was Verrücktes machen, gefährlich und wild musste es sein«, schildert er seine Lebenseinstellung in früheren Jahren. Typisch für die Borderline-Störung, die ihm diagnostiziert wurde. Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Charles Bukowski, sagt er, »war mein Vorbild - eigentlich ein Anti-Held«. Auch einer, der zu viel trinkt und das Grenzwertige, Schmerzhafte und Schmutzige, das auch Hofhansel empfindet, in derbe Worte fasst.

Gemeinschaftsausstellung im BT 24

Jochen Hofhansel hat seine kunsthandwerklichen Holzobjekte bereits in der Vergangenheit immer wieder ausgestellt und verkauft - im Living Museum Alb oder auf Märkten in der Region. Jetzt gehört er zum ersten Mal zu einer Gruppe von Künstlern, die gemeinsam im Kunsthaus BT 24 im Albgut, ehemals Altes Lager, in Münsingen-Auingen ausstellen. Von Sonntag, 30. November, bis Sonntag, 14. Dezember, gibt es dort unter dem Titel »Kunst unter 200« Unikate für unter 200 Euro zu sehen und zu kaufen. Neben Jochen Hofhansel stellen aus: Miriam Birker, Tina Böhm, Ingrid Gebhardt, Christian Gogollok, Gabriele Hasler, Barbara Haussmann, Elisabeth Kaiserauer, Romana Meissner, Christoph Menschel, Marlene Neumann, Ralf Scheffold, Traude Schrade, Christa Schuster-Salas, Karl Striebel und Friedhelm Wolfrat. Zur Vernissage am Sonntag, 30. November, 13 Uhr, gibt es Punsch, Waffeln und Musik vom Reutlinger Elektro-Performer und Keyboarder Andreas Konitzer. (ma)
www.raus-aufs-land.org
0173 7487066

Gibt es glückliche Trinker? Jochen Hofhansel war jedenfalls keiner, "der Alkohol war schon lange kein Genuss mehr, er macht den Kopf kaputt, ich stand mit dem Rücken zur Wand". Das Jahr 2018 wurde für ihn zum großen Wendepunkt. »Ich habe gemerkt, dass es mir mit jedem Sixpack noch schlechter geht«. 54 Jahre alt war er nun, hinter ihm lagen bereits zwei gescheiterte Versuche, auszusteigen. Mit Mitte 30 hat er die erste Langzeittherapie gemacht, "eineinhalb Jahre war ich clean". Jochen Hofhansel ging es gut, er hatte angefangen, Sport zu machen, und versucht, beruflich wieder Fuß zu fassen. Die Umschulung zum Großhandelskaufmann aber erwies sich als Fehler: Der Job passte nicht zu ihm, Jochen Hofhansel war frustriert statt motiviert. "Ich habe wieder getrunken und geraucht und alles erst recht gesteigert."

Da habe der soziale Abstieg erst so richtig angefangen: »Ich habe nirgends mehr einen Leuchtturm gesehen, ich habe mich wie ein Stück Treibholz gefühlt.« Und doch gab es einen Hoffnungsanker: »Ich habe durch eine Krankenschwester zum Glauben gefunden. Sie hat für mich gebetet.« Er schloss sich einer evangelischen Gemeinde an, »ich habe Kontakt gesucht, mich aber gleichzeitig schwergetan, aus mir raus zu gehen - weil ich mich für meine Lebensgeschichte geschämt habe«. Mit 40 unternahm er den zweiten »eher halbherzigen Versuch«, mit dem Trinken aufzuhören. Und scheiterte.

»Ich habe einen Großteil meines Lebens versemmelt. Aber es ist nie zu spät«

14 Jahre später passte dann zum ersten Mal alles. Er fand einen Therapieplatz im Fischer-Haus in Michelbach, an den ihn sein Hund begleiten durfte. Nach der Therapie zog er ins ambulant betreute Wohnen und arbeitete in einer Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie weiter an sich. »Ich habe Impulskontrolle und Selbstreflexion gelernt.« Früher, sagt er, sei er sich mit seiner aufbrausenden Art und dem Gefühl, von anderen dauernd angegriffen oder missverstanden zu werden, selbst im Weg gestanden.

Jetzt, mit 60 Jahren, sieht Jochen Hofhansel zum ersten Mal im Leben klar, was und wohin er will: Ein Leben, das er selbst bestimmt und nicht die Sucht. Vor rund fünf Jahren ist er nach Buttenhausen ins ambulant betreute Wohnen gezogen und hat im Atelier des Living Museums Alb begonnen zu malen. »Gott hat mir viele Türen im Leben geöffnet - eine ganz wichtige davon war diese«, ist Jochen Hofhansel überzeugt. Sein Lebenslauf ist alles andere als gerade. Aufgeben war trotzdem nie eine Option für ihn: »Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade.« Dieses Sprichwort passt zu seinem Leben, findet er.

Von seinen Spaziergängen im Lautertal mit Paula hat er das eine oder andere Stück Holz mitgebracht und darüber seine künstlerische Ausdrucksweise gefunden. Viele der Fundstücke, die er in Objekte verwandelt, sind mit Erinnerungen an Paula verbunden, die nun nicht mehr bei ihm ist. Noch ist die Zeit nicht ganz reif für einen neuen, eigenen Hund. Einen Pflegehund aufzunehmen, könnte er sich aber vorstellen.

Im Juni hat Jochen Hofhansel einen weiteren großen Schritt in sein neues Leben gemacht: Nach rund vier Jahren in Buttenhausen ist er in seine eigene Wohnung in einem anderen Münsinger Stadtteil umgezogen. Eisern hat er auf sein Auto gespart, um weiterhin ins Atelier nach Buttenhausen fahren zu können. Das soll es aber noch nicht gewesen sein. Jochen Hofhansel träumt von einer Wohngemeinschaft mit anderen, »bodenständigen Menschen, gerne mit christlichem Hintergrund«. Leben im Mehrgenerationenhaus, das wäre sein Ding.

Seine Geschichte erzählt er offen, um anderen, denen es vielleicht so geht wie es ihm früher ging, Mut zu machen, sich Hilfe zu holen und ehrlich zu sich selbst zu sein. »Ein Auf- und Umbruch lohnt sich«, das ist seine Botschaft. »Ich habe einen Großteil meines Lebens versemmelt. Es hat mal jemand zu mir gesagt: 'Du hast einen großen Umweg genommen zum Leben.' Das stimmt. Aber es ist nie zu spät. Das Leben ist wertvoll - viel zu wertvoll, um es wegzuschmeißen.« (GEA)