BURLADINGEN-MELCHINGEN. »Here comes the sun« sang der Mössinger Chor Molto Vocalis am Samstagabend um kurz nach 21 Uhr. Und was war über der Ruine Hohenmelchingen zu sehen? Unglaubliche, von der untergehenden Sonne angestrahlte Bäume und zartgefärbte Wolken, die vorüberzogen. Zu erwarten war das nicht. Im Gegenteil.
»Zwischen 18.30 und 19 Uhr saßen wir in unseren Autos, weil es dermaßen geschüttet hat«, sagte Chorleiter und Dirigent Ronald Hirrle kurz vor dem Konzert. Zwei Gewitter seien am Samstag über Melchingen niedergegangen, die Entscheidung, dennoch in der Ruine das geplante Konzert zu geben, sei erst kurz vor der Aufführung gefallen.
»Ich habe niemanden gezwungen«, betonte Hirrle schmunzelnd. Der Chor habe sich einstimmig für die Ruine und gegen die Festhalle Melchingen als Aufführungsort entschieden. Wenig verwunderlich, denn die Atmosphäre zwischen den uralten Mauern aus dem 12. Jahrhundert, mit dem freien Himmel über sich – wer wollte das eintauschen? Aber: Wie war das mit der Gefahr eines erneuten Gewitters? »Das Regenradar zeigte, dass da nichts mehr kommt«, so Hirrle.
Und das Glück war dem Chor hold: Schönstes Wetter um die Ruine herum, die Bühne und die Stühle vielfach von Nässe getrocknet, sang der Chor schließlich mit ein wenig Verspätung wie befreit und voller Inbrunst. Dirigent Hirrle gab alles, ging mit und aus sich heraus, er hüpfte und segelte manches Mal mit weit ausgebreiteten Armen förmlich auf den Klängen der Musik – gerade so, als wollte er zusammen mit den Fledermäusen über der Ruine eine Runde drehen.
Ausgesucht hatte sich der Chor bei diesem 22. Open-Air-Konzert acht Stücke der Beatles, gestartet sind die Sängerinnen und Sänger mit einem Trommelwirbel und »Liebe, Liebe, Liebe – All you need is love«. Ein bisschen mehr als einfach nur Liebe brauchte es an diesem Abend aber schon, nämlich, dass der Regen aufgehört hatte.
Der Aufwand für die Open-Air-Konzerte sei immer wieder enorm groß, hatte Ronald Hirrle betont. Von Donnerstag bis Samstag mussten zahlreiche ehrenamtliche Helferinnen und Helfer die Bühne aufbauen, Stühle schleppen, Technik und Beleuchtung installieren, für Bewirtung sorgen, den Weg zur Ruine ausschildern und noch viel mehr.
In den Konzertabend gestartet waren die Molto-Vocalisten aber zunächst mal mit einem Applaus für das Publikum. »Danke, dass Sie heute Abend gekommen sind«, so Hirrle. Selbstverständlich war das nicht, schließlich konnte niemand so genau wissen, ob das Konzert überhaupt stattfindet. Und wenn, dann in der Ruine? Oder doch in der Halle? Rund 160 Unverzagte hatten den Weg zum Hohenmelchingen dennoch gefunden – und erfreuten sich an einem vielfältigen musikalischen Abend in ganz besonderer Umgebung.
Im Programm hatten die Sängerinnen und Sänger zusammen mit der Band auch Stücke wie »We are the world« von Michael Jackson und Lionel Richie. Oder »I would do anything for love« von Meatloaf, »The wind beneath my wings« von Bette Middler oder »Leningrad« von Billy Joel.
Mit all den Liedern der Beatles begaben sich Chor und Zuhörer auf eine Reise in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Noch weiter zurück ging es gar mit dem »Magic Moment« und der Mahnung von Moderator Uwe Braun-Dietz: »Bitte schnallen Sie sich an, das Lied ist wie ein Flashback in die 50er-Jahre, als die Hormone Achterbahn fuhren.« Doch der Chor hatte sich an noch viel mehr gewagt, etwa an Adele und ihr Lied »Someone like you« oder an »The Power of Love« von Jennifer Rush.
Als Ronald Hirrle am Samstag gefragt wurde, ob das geplante Konzert am Sonntagabend ebenfalls stattfinden würde, zog der Chorleiter die Schultern ganz weit nach oben und blickte in den Himmel. »Die Wettervorhersage ist ja nicht besonders gut«, sagte der Chorleiter bedauernd – aber nicht ganz ohne Hoffnung. (GEA)



