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Aktuell Sommertour

Ministerin erkundet Biosphärengebiet in Wanderstiefeln

Umweltministerin Thekla Walker war zu Gast im Lautertal. Im Mittelpunkt ihres Interesses stand die Entwicklung des Biosphärengebiets Schwäbische Alb.

Umweltministerin Thekla Walker (links) ist begeistert von dem, was Schäfer und  Produzenten aus Alb-Wolle machen. Zu ihnen zählt
Umweltministerin Thekla Walker (links) ist begeistert von dem, was Schäfer und Produzenten aus Alb-Wolle machen. Zu ihnen zählt Veronika Kraiser (rechts), die den neuen Biosphären-Tweed vorstellte. Foto: Marion Schrade
Umweltministerin Thekla Walker (links) ist begeistert von dem, was Schäfer und Produzenten aus Alb-Wolle machen. Zu ihnen zählt Veronika Kraiser (rechts), die den neuen Biosphären-Tweed vorstellte.
Foto: Marion Schrade

MÜNSINGEN. »Das würde ich auch kaufen - und zur Modenschau kommen!« Der neue Tweed aus dem Biosphärengebiet, den die Gächinger Textilmanufaktur Flomax aus Albwolle herstellt, war nicht das einzige, das bei Thekla Walker helle Begeisterung weckte. Die Landesumweltministerin war im Rahmen ihrer Sommertour auf der Alb unterwegs, um mehr übers Leben und Arbeiten in der Modellregion zu erfahren - wie es sich für nachhaltigen Tourismus gehört, und tauschte Dienstlimousine gegen Wanderstiefel.

Begleitet von zahlreichen Akteuren, die mit der Politik und den Produkten des Biosphärengebiets zu tun haben, erkundete sie eins der Herzstücke der Region: Von Gundelfingen aus ging es auf einem der insgesamt 22 »hochgehberge«, den Premiumwanderwegen des Biosphärengebiets, auf Pfaden und Wiesenwegen zur Burg Derneck, übers Heiligental zur Ruine Hohengundelfingen und wieder hinunter ins Lautertal. Letzteres wurde, wie Münsingens Bürgermeister Mike Münzing in Erinnerung rief, nicht nur zur schönsten Flusslandschaft Deutschlands gekürt. Es spielte auch bei den ersten Überlegungen vor nunmehr fast 20 Jahren, die Alb zum Biosphärengebiet zu machen, eine Schlüsselrolle. »Es ging bei Weitem nicht nur um den ehemaligen Truppenübungsplatz«, stellte Münzing klar.

Erfolgsmodell mit Mehrwert für die Gemeinden

2008 wurde das Biosphärengebiet Schwäbische Alb als erstes Biosphärengebiet in Baden-Württemberg ausgewiesen. Die offizielle Anerkennung als Unesco-Biosphärenreservat folgte im Mai 2009. Gut 15 Jahre später steht es vor seiner ersten und ziemlich sicher einzigen Erweiterung - und die Tatsache, dass die Gemeinde praktisch Schlange stehen, um Teil davon zu sein, zeigt: »Das Biosphärengebiet ist ein Erfolgsmodell«, wie sich Regierungspräsident Klaus Tappeser ausdrückte. Der Grund für den Erfolg liegt für Mike Münzing auf der Hand: »Es wurde von unten nach oben entwickelt - von denen, die es betrifft, ohne übergestülptes Konzept.«

En passant oft auf ökologische Aspekte reduziert, ist das Biosphärengebiet nicht nur für den Münsinger Bürgermeister viel mehr, nämlich »eine der reichsten Kulturregionen Deutschlands, wenn nicht gar Europas, wo man auf Schritt und Tritt nachlesen kann, wie hier Erd- und Menschheitsgeschichte geschrieben wurde«. Man kann, muss aber nicht bis zu den Eiszeitfunden und Keltengräbern zurückgehen. Im Lautertal drängen sich die mittelalterlichen Burgen auf, die Kreisarchivar Dr. Marco Birn beim Zwischenstopp auf Burg Derneck in den Blick nahm. 1350 erbaut, ist das Gemäuer seit 1997 ein Albvereins-Wanderheim mit 41 Betten und Schenke im Hof.

Renaissance der Schäferei und ihrer Produkte

Bereits auf dem Weg von Gundelfingen, wo »Wittstaig«-Wirt Markus König einen Aperitif serviert hatte, zur Derneck erwartete die Gruppe ein Info-Stand - nicht ohne Grund mitten auf der Wacholderheide. Schafe pflegen diese besondere Kulturlandschaft nicht nur, sie liefern auch Fleisch und Wolle. Die Schäferei und Erzeugnisse wieder in den Fokus gerückt haben Fachleute von der Biosphärengebietsverwaltung und lokale Unternehmen gemeinsam mit den Schäfern. Dass Wolle nicht altbacken und kratzig, sondern en vogue, cool und angenehm zu tragen ist, vermittelte Veronika Kraiser überzeugend.

In ihrer Gächinger Textil-Manufaktur Flomax stellt sie mit rund 40 Mitarbeitern Kleidung aus Wolle unter dem Label »Albmerino« her, im Boot sind inzwischen so gut wie alle Schäfer im Biosphärengebiet: »Letztes Jahr haben wir 20 Tonnen Wolle auf die Reise geschickt«, verdeutlichte die Unternehmerin die Dimensionen. Kraisers neuestes Projekt dreht sich um die schwieriger zu verarbeitende Wolle brauner Schafe: Pünktlich zur Wintersaison soll der Biosphären-Tweed auf den Markt kommen. Wer weiß, vielleicht ist auch die Ministerin bald in einem daraus gefertigten Kleidungsstück zu sehen. Vom dunkelbraunen Stoffmuster mit Farbakzenten, die die Biosphärenfarben Grün und Orange aufgreifen, zeigte sie sich jedenfalls begeistert.

Töpfe und Dünger aus Restwolle

Was für Flomax und andere Textilunternehmen nicht verwertbar ist, wird nicht weggeworfen. Tobias Brammer, stellvertretender Leiter der Biosphärengebietsgeschäfsstelle, und Projektleiterin Lydia Steffan zeigten, was sich aus Wollresten machen lässt: Gärtner - im Profibereich genauso wie zu Hause - freuen sich über kompostierbare Pflanztöpfe und Düngepellets. »Find ich klasse«, kommentierte die Ministerin, die sich direkt nach den verfügbaren Liefermengen erkundigte und den Ball an die Kollegen des Bereichs »Vermögen und Bau« weiterspielen will: Warum nicht die Gärten staatlicher Schlösser und andere Liegenschaften mit Bio-Dünger aus Albwolle zum Grünen und Blühen bringen?

Nicht nur für den Kleiderschrank und den Garten, sondern auch für den Kühlschrank und den Esstisch hat das Biosphärengebiet viel zu bieten: Die Burgruine Hohengundelfingen bot den Rahmen für die Präsentation der Regio-Dachmarke »Albgemacht«, unter der Lebensmittel vertrieben werden. Ein weiteres Themenfeld, das bei der Erweiterung des Biosphärengebiets eine Schlüsselrolle spielt, ist der Wald: Kernzonen und ihre Bedeutung für Forstwirtschaft und Naturschutz standen auf der Etappe im idyllischen Heiligental im Mittelpunkt. (GEA)