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Letzte Saison: Kanu-Verleih im Lautertal hört auf

Das Wasser unterm Kiel wird immer weniger: Sinkende Pegelstände werden auch auf der Lauter zunehmend zum Problem. Um das Gewässer, seine Flora und Fauna zu schützen, kündigt das Landratsamt Reutlingen eine neue Verordnung an. Unter diesen Rahmenbedingungen stoße sein Kanuverleih an die Grenzen der wirtschaftlichen Machbarkeit, sagt Vincent Schmack.

Vincent Schmack ist der einzige Kanuverleiher im Lautertal. Zum Ende der Saison stellt er den Betrieb ein.
Vincent Schmack ist der einzige Kanuverleiher im Lautertal. Zum Ende der Saison stellt er den Betrieb ein. Foto: Schrade
Vincent Schmack ist der einzige Kanuverleiher im Lautertal. Zum Ende der Saison stellt er den Betrieb ein.
Foto: Schrade

MÜNSINGEN-BICHISHAUSEN. Ein paar Wochen noch, dann ist Schluss. Wenn die Kanusaison auf der Lauter im September zu Ende geht, wird Vincent Schmack seine Boote nicht einfach nur für ein paar Monate ins Winterquartier verlagern wie sonst immer. Er wird sie endgültig wegräumen, vielleicht sogar verkaufen. Der 28-Jährige sieht keine reelle Chance mehr, den Kanuverleih im Lautertal künftig wirtschaftlich weiterzuführen. Die Gründe dafür liegen im Naturschutz: Die Pegelstände des Flüsschens sind aus Sicht des Landratsamts Reutlingen so niedrig, dass Pflanzen und Tieren drohen, dauerhaft Schaden zu nehmen, wenn die Boote wie bisher auf der Lauter unterwegs sind.

Noch gibt es zwar kein ausdrückliches Verbot, die Behörde wird aber eine entsprechende Verordnung erarbeiten, berichtet Michael Heinz, Leiter der unteren Wasserschutzbehörde. Klar ist: Fürs Bootfahren auf der Lauter werden künftig deutlich strengere Restriktionen als bisher gelten. Sollte die neue Verordnung im kommenden Sommer in Kraft treten, stehen die Chancen für einen planbaren und wirtschaftlichen Weiterbetrieb des Kanuverleihs auf der Alb schlecht. Deshalb zieht die Familie Schmack schon jetzt die Reißleine, um ihren Betrieb keinem unnötigen Risiko auszusetzen. Denn auch wenn mit den Kanutouren Schluss ist: Die Gastronomie soll’s weiterhin geben, das idyllisch am Wasser gelegene Bootshaus am Ortsteingang von Bichishausen ist ein beliebtes Ziel für (Motor-)radfahrer, Wanderer und Sonntagsausflügler.

Wochenenden sind seit Jahren tabu

Schon jetzt bewegt sich der Kanu-Betrieb nicht im rechtsfreien Raum, es gibt klare Spielregeln. Seit 1988 ist eine Naturschutzverordnung in Kraft, die besagt: Auf der Lauter paddeln darf man von Juli bis September nur an Wochentagen, das Wochenende ist tabu. Von Mitte März bis Anfang Juli gilt ein komplettes Verbot. Im Winter darf man – theoretisch – fahren, aber das wollen die wenigsten. Außerdem ist Schmacks Betrieb dann geschlossen. Die Saison, rechnet Vincent Schmack vor, hat unterm Strich also gerade mal 60 Tage.

Zu den Restriktionen, die sich bisher nur auf den Zeitraum beziehen, in dem der Betrieb erlaubt ist, sollen nun weitere hinzukommen. Das hängt vor allem mit der zunehmenden Trockenheit zusammen, von der auch die Alb nicht verschont bleibt. Es fällt zu wenig Regen, außerdem ist das Bachbett im Laufe der Jahre breiter geworden –auch durch Renaturierungsmaßnahmen und den Verzicht auf Uferbefestigungen. Die Folge: Der Wasserstand der Lauter war und ist zeitweise so niedrig, dass die Kanus aufsetzen. »Deshalb ist die untere Naturschutzbehörde des Landratsamts im letzten Jahr mit uns in Kontakt getreten«, berichtet Vincent Schmack.

Das Bootshaus ist nicht nur Dreh- und Angelpunkt des Kanuverleihs, sondern auch ein idyllisch gelegener Biergarten an der Lauter
Das Bootshaus ist nicht nur Dreh- und Angelpunkt des Kanuverleihs, sondern auch ein idyllisch gelegener Biergarten an der Lauter, der bei Ausflüglern beliebt ist. Foto: Schrade
Das Bootshaus ist nicht nur Dreh- und Angelpunkt des Kanuverleihs, sondern auch ein idyllisch gelegener Biergarten an der Lauter, der bei Ausflüglern beliebt ist.
Foto: Schrade

Das bestätigt Amtsleiter Michael Heinz. Den Anstoß dazu hätten unter anderem auch sich mehrende Hinweise aus der Bevölkerung und von Anglern gegeben: »Sie berichteten von herausgerissenen Pflanzen, die im Wasser trieben, das Wasser selbst sei immer wieder trüb«, so Heinz. Der Grund dafür sind offenbar die Grundberührungen der Boote. Um diese zu vermeiden, werde eine Regelung zur Befahrung bei Niedrigwasser notwendig. Den rechtlichen Rahmen setzt, auch beim Naturschutz, die EU, umgesetzt wird er auf den darunter liegenden Ebenen. In diesem Fall: von den Landratsämtern. »Das Land macht uns dazu keine Vorgaben«, erklärt Heinz, jede Verordnung wird auf das jeweilige Gewässer individuell zugeschnitten. Referenzen gibt es gleichwohl, und zwar in nächster Nachbarschaft im Alb-Donau-Kreis. Für die Donau – auch dort hat Schmack bis vor wenigen Jahren selbst noch Kanutouren angeboten – gibt es bereits eine Pegelregelung, berichtet Heinz: »Sinkt der Wasserstand unter 56 Zentimeter, darf man nicht mehr Kanu fahren.«

Die Regelungen aus dem Alb-Donau-Kreis will man sich im Landratsamt Reutlingen grundsätzlich als Vorlage nehmen. Dafür spricht, wie Heinz erklärt, dass Donau und Lauter Tieren und Pflanzen vergleichbare Lebensräume bieten. »Es wäre schwer zu vermitteln, warum man bei niedrigen Wasserständen nicht mehr auf der Donau fahren darf, auf der Lauter aber schon.« Durch ein solches Pegellimit, sagt Vincent Schmack, »wäre unser Kanugeschäft nicht mehr plan- und durchführbar«. Die Entscheidung, aufzuhören, sei ihm und seiner Familie sehr schwergefallen. »Wir wissen, dass nicht nur für uns, sondern auch für viele langjährige Gäste die Kanutouren im Wilden Süden ein tolles Naherholungserlebnis für Alt und Jung waren.« Seine Arbeit, sagt er, habe er durchaus auch als pädagogischen Auftrag verstanden: »Ich durfte Kindern zeigen, wie schön die Natur vor der eigenen Haustür ist.«

Viele wollen ein letztes Mal fahren

"Es ist schwierig, Kanusport und Naturschutz unter einen Hut zu bringen", bedauert auch Michael Heinz, der selbst schon Bootstouren auf der Lauter unternommen hat und auch um die touristische Bedeutung des Kanuverleihs weiß. Bei allem Verständnis – sowohl für die Entscheidung der Familie als auch für die Belange des Naturschutzes - ist das Bedauern auf Seiten der Tourismus-Akteure in der Region groß: Die professionell organisierten Kanufahrten auf der Lauter gehörten zu den Highlights und Alleinstellungsmerkmalen des Alb-Tourismus. Hans-Peter Engelhart, Leiter der Touristik-Information in Münsingen, erinnert an die Anfänge vor 45 Jahren: "Die Kanutouren gehören zur touristischen DNA der gesamten Alb", sagt Engelhart. "Damals gab es sonst noch kaum was." Seitdem hat sich viel verändert, die Alb hat sich zum beliebten Tourismusziel entwickelt, die Gästezahlen steigen. Von 2009 bis 2022 haben sich allein in Münsingen die Übernachtungszahlen von 30.000 auf fast 100.000 mehr als verdreifacht", gibt Engelhart ein Beispiel.

Dass die Tage der Kanutouren gezählt sind, spricht sich offenbar so langsam herum: »Diese und letzte Woche gab es einen richtigen Ansturm«, sagt Vincent Schmack. »Viele rufen jetzt an und wollen unbedingt nochmal fahren.« Oft hört der junge Mann dann auch Geschichten über seinen Vater, an den sich viele gut erinnern. 45 Jahre sind eine lange Zeit. Vincent Schmack ist mit dem Bootsverleih aufgewachsen, er hat hier seine Kindheit verbracht - und jeden Sommer. Nach dem Abi ist er erst mal zwei Jahre hier geblieben, hat weiter im Familienbetrieb gearbeitet. Bis er doch noch weg wollte. Was anderes machen, studieren. BWL. Ausgerechnet. »Das war die absolute Schnapsidee«, sagt der 28-Jährige. Weil's einfach nicht zu ihm gepasst hat. Also hat er in Stuttgart eine Ausbildung zum Grafikdesigner gemacht. Das Künstlerische liegt ihm, auch eine eigene Ausstellung durfte er inzwischen schon gestalten.

Die Gastronomie im Bootshaus bleibt

Und trotzdem: Vincent Schmack ist nicht in der Stadt geblieben, sondern zurück ins Lautertal gekommen. »Es ist einfach schön, jeden Tag durchs ganze Tal zu kommen, den Leuten ein Erlebnis zu bereiten, über das sie sich freuen und mit ihnen zusammen gute Momente zu haben.« Sieben Mitarbeiter helfen ihm in der Hauptsaison, früher waren's oft Kumpels, heute sind es überwiegend Ferienjobber, Schüler und Studenten. Von der Kasse bis zur Anmeldung: »Ich mach' eigentlich alles außer Busfahren«, sagt er. Die Gäste vom Bootshaus zum Einstieg kutschieren und am Ausstieg wieder abholen, das tun und taten andere. Zwei Stammbusfahrer, einer aus Spanien, einer aus Brasilien, kamen jahrelang als Saisonkräfte nach Bichishausen, sie gehörten zur Familie. Woran er sich am liebsten erinnern wird, wenn der letzte Tag der letzten Saison vorüber sein wird? »Meine Mitarbeiter«, sagt er ohne zu zögern. Abends zusammensitzen, über den Tag reden und lachen, auch wenn's noch so anstrengend war.

Auch die Gäste und die Erlebnisse mit ihnen wird Vincent Schmack nicht vergessen. Der Einzugsbereich ging weit über Stuttgart hinaus. Der Kanutouristiker kann von Stadtkindern erzählen, die vom Boot aus zum ersten Mal eine Kuh gesehen haben. Von Achtklässlern, die patent genug waren, gekenterte Boote selbst wieder aufs Wasser zu bringen. Und von Akademikern, die in derselben Situation völlig hilflos zum Handy griffen und die Nummer vom Bootshaus wählten. Handys: Etliche von ihnen liegen am Grund der Lauter, weiß Vincent Schmack. Sie wurden genauso betrauert wie verlorene Eheringe, teure Uhren und Kameras - und trotzdem nie wieder gefunden.

Das Kassenhäuschen wird bald für immer geschlossen bleiben.
Das Kassenhäuschen wird bald für immer geschlossen bleiben. Foto: Schrade
Das Kassenhäuschen wird bald für immer geschlossen bleiben.
Foto: Schrade

Ab und an übernimmt Vincent Schmack schon jetzt künstlerische Auftragsarbeiten und verschönert beispielsweise Wände. Seine Arbeiten zeigt er unter dem Namen Vinzenz van Nonzenz auch auf Instagram. Daraus könnte man vielleicht noch was machen, wer weiß. Vincent Schmack will's auf sich zukommen lassen und erstmal weiterhin im Familienbetrieb arbeiten, den seine Mutter Gabriele leitet. Das Kassenhäuschen für die Kanus wird ab Oktober für immer geschlossen bleiben. Die Gastronomie im Bootshaus bleibt geöffnet, bis es Winter wird, dann macht sie Pause. Mit den ersten schönen Frühlingstagen wird das Bootshaus dann wieder zum Leben erwachen. Wahrscheinlich wird Vincent dann noch da sein - nicht mehr als Kanuverleiher, sondern als »Kellner und Küchenhilfe«. Dass die Zeit der Boote vorbei ist, »ist mega-schade und traurig«, gesteht er. Trotzdem: »Ich bin auf jeden Fall dankbar, dass ich das überhaupt erleben durfte. Ich habe gelernt, jeden Moment wertzuschätzen.« (GEA)