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Hohensteins Gesundheitsfachkraft fordert: Der Pflege mehr zutrauen

Barbara Boßler ist Community Health Nurse im Port-Gesundheitszentrum in Hohenstein. Sie kämpft dafür, dass das besondere Pflege-Berufsbild bekannter und mit mehr Befugnissen ausgestattet wird.

Die Community Health Nurses haben bei ihrer Fortbildungsreise in Finnland auch ein Familienzentrum besichtigt.
Die Community Health Nurses haben bei ihrer Fortbildungsreise in Finnland auch ein Familienzentrum besichtigt. Foto: Privat
Die Community Health Nurses haben bei ihrer Fortbildungsreise in Finnland auch ein Familienzentrum besichtigt.
Foto: Privat

HOHENSTEIN. "Der Ärztemangel ist nur vordergründig das Problem", sagt Barbara Boßler. "Denn durch den demografischen Wandel sind andere Bedarfe entstanden, die Ärzte ohnehin gar nicht mehr allein erfüllen können. Die Menschen werden älter, aber auch kränker - Multimorbidität lautet der Fachbegriff, wenn jemand gleichzeitig an mehreren chronischen Krankheiten leidet. Diese Fälle nehmen zu, sagt Barbara Boßler, die überzeugt ist: Für solche Patienten und ihre Angehörigen sind Arztpraxen und Krankenhäuser nicht immer die passende Anlaufstelle. Denn mit den richtigen Hilfestellungen könnten viele Menschen länger zuhause in ihrem gewohnten Umfeld bleiben.

Oft ließen sich Probleme auf anderen Ebenen und von anderen Fachkräften lösen, glaubt sie - vorausgesetzt, andere im Gesundheitswesen Berufstätige werden mit mehr Kompetenzen ausgestattet und an entsprechenden Schnittstellen eingesetzt. Barbara Boßler ist Community Health Nurse, zu Deutsch: kommunale Gesundheitsfachkraft. In diesem Namen steckt schon die Botschaft: Pflege und Fürsorge sind nicht nur ein medizinisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Thema.

Schwerpunkt auf der letzten Lebensphase

Das Berufsbild, das in anderen Ländern schon längst im Gesundheitssystem etabliert ist, ist in Deutschland noch in der Testphase. Barbara Boßler hat nach ihrer Ausbildung in der Pflege noch ein Fernstudium in Pflegewissenschaften draufgesattelt und arbeitet im Port-Gesundheitszentrum in Hohenstein. Sie hilft, wenn chronische Erkrankungen im Alter zur Belastung werden - nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch den pflegenden Angehörigen. Mit ihren Nachbarn im Gesundheitszentrum - vor allem der Hausarztpraxis - ist sie ebenso vernetzt wie mit anderen Einrichtungen und Beratungsstellen. Nicht nur den schwächer werdenden Körper und den damit steigenden Hilfebedarf nimmt Barbara Boßler in den Blick, sondern auch das, was darüber hinaus geht und doch eng damit verbunden ist: die psychische Verfassung, mentale Probleme, Einsamkeit, Demenz und Depression.

Ihre Stelle wird, wie auch das Port-Gesundheitszentrum, von der Robert-Bosch-Stiftung finanziert. Noch. Bis Ende 2026. Wie es danach weitergeht, ist offen. Die Kolleginnen im Land sind bislang rar gesät, fünf von ihnen hat Barbara Boßler nun auf einer Studienreise ins finnische Helsinki kennengelernt. Die Frauen haben unterschiedliche Ausbildungswege und Arbeitsschwerpunkte. Eine von ihnen ist bei einer Kommune beschäftigt, eine andere in einer Genossenschaft, die von Ärzten und Kommunen getragen wird.

Ergänzung, keine Doppelstrukturen

Die Arbeit an den Schnittstellen zwischen Medizin und Kommune soll Lücken schließen und Brücken bauen. Manchmal wird das falsch verstanden, bedauert Barbara Boßler: »Manche Kollegen in Praxen oder Beratungsstellen haben das Gefühl, man nehme ihnen Arbeit weg. Dabei wollen wir in erster Linie vermitteln und keine Doppelstrukturen schaffen.« Denn oft wissen weder Betroffene noch Angehörige überhaupt etwas von der Existenz bestimmter Einrichtungen oder Angebote - die kommunale Gesundheitsfachkraft kennt sie alle und kann die passenden empfehlen und vermitteln. In Kooperation mit ihren baden-württembergischen Kolleginnen will Barbara Boßler nun gemeinsame Projekte auf den Weg zu bringen.

»Als erstes wollen wir ein Konzept für präventive Hausbesuche ausarbeiten«, sagt sie. Die Idee: Menschen ab einem gewissen Alter - zum Beispiel ab 70, 75 Jahren - bekommen von ihrer Gemeinde automatisch ein Termin-Angebot mit der Community Health Nurse. Zuhause könnte dann ganz individuell besprochen werden, ob und welche Hilfen erwünscht sind. »Niederschwellig Menschen erreichen«, darum geht es Barbara Boßler, »beispielsweise bei einem Gesundheits-Brunch«. Andere Themen, wie zum Beispiel Sturzprophylaxe, könnte man mit örtlichen Vereinen gemeinsam angehen, meint sie.

Kompetenzen der Pflege stärken

Anderes liegt nicht in der Macht der Community Health Nurse - zumindest noch nicht. Barbara Boßler setzt Hoffnungen in die neue Regierung, die noch im August einen Gesetzesentwurf zur Stärkung der Pflegekompetenz anstrebt. Pflegefachkräfte sollen mehr Befugnisse haben, die Pflege als Profession soll gestärkt werden. »Ein erster Schritt dazu war die Generalisierung der Pflegeausbildung«, sagt sie. Statt der vorher getrennten Ausbildungen der Gesundheits- und Krankenpflege, Altenpflege und Kinderkrankenpflege gibt es nur noch ein Berufsbild, die Pflegefachfrau beziehungsweise den Pflegefachmann.

Auch eine »bundeseinheitliche Einführung eines Pflegeberufs auf Masterniveau einschließlich der Regelung seiner heilkundlichen Befugnisse« steht auf der Regierungs-Agenda, allerdings bisher ohne Zeitplan. »Das kann also noch dauern«, sagt Boßler, die sich vorstellen könnte, dass Pflegekräfte mit der Befugnissen künftig nicht nur präventiv, sondern auch kurativ bei chronischen Schmerzen, Diabetes oder Bluthochdruck Ärzte entlasten könnten. Diagnose und Verordnung von Medikamenten, glaubt sie, werde aber wohl auch künftig Arztkompetenz bleiben.

Die Studienreise nach Finnland war Teil des Projekts »Community Health Nursing« der Agnes-Karll-Gesellschaft für Gesundheitsbildung und Pflegeforschung. »Ziel war es zu sehen, wie Community Health Nurses dort arbeiten«, berichtet Barbara Boßler. »In Finnland ist diese besondere Pflege-Rolle schon viel weiter verbreitet, die Nurses arbeiten eng mit Ärzten, Sozialdiensten und anderen Fachleuten zusammen - direkt in den Wohnvierteln und Gesundheitszentren. So können sie die Menschen besser unterstützen«.

Gesundheitszentrum für Mütter und Kinder

Von den deutlich weniger kleinteiligen, sehr klaren Strukturen des finnischen Gesundheitssystems war Barbara Boßler ganz grundsätzlich beeindruckt. »Es gibt nur eine Krankenkasse, und während die elektronische Patientenakte bei uns noch in den Kinderschuhen steckt, haben dort alle auf alle Daten Zugriff.« Es gibt große Gesundheitszentren mit großen Einzugsgebieten: »Das Zentrum, das wir besucht haben, ist für 48.000 Einwohner zuständig - und es ist völlig klar: Alle gehen dort hin.« Die Community Health Nurses kümmern sich dort beispielsweise um die Patientenaufnahme und das »Eingangs-Assessment«, sie weisen den Patienten den Weg zu den passenden Ärzten und Gesundheitsangeboten.

Bemerkenswert fand die Hohensteiner Community Health Nurse auch das Familiengesundheitszentrum, das die Gruppe aus Deutschland ebenfalls besucht hat: Die Begleitung beginnt dort schon mit der Schwangerschaft und setzt sich bis ins Kindes- und Jugendalter fort. »Hebammen, Ärzte, Nurses, Sozialarbeiter und Vertreter des Jugendamts sind unter einem Dach«, schildert sie das Modell, das aus ihrer Sicht auch in Deutschland Schule machen könnte und in dem ihr Berufsstand einen festen Platz hat: »Wir könnten so viel bewegen - wir haben uns auf den Weg gemacht.« (GEA)

Barbara Boßler ist Community Health Nurse im Port-Gesundheitszentrum Hohenstein.
Barbara Boßler ist Community Health Nurse im Port-Gesundheitszentrum Hohenstein. Foto: Marion Schrade
Barbara Boßler ist Community Health Nurse im Port-Gesundheitszentrum Hohenstein.
Foto: Marion Schrade