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Hat das Verteidigungsministerium den Ex-Militärbahnhof bei Münsingen übersehen?

Der Verladebahnhof Oberheutal wurde 1972 für militärische Zwecke gebaut. Heute wird er zivil genutzt und steht nicht auf der Liste von Minister Pistorius, auf der Immobilien für die Bundeswehr reaktiviert werden sollen.

Unbefugten ist es verboten, das  Bahngelände zu betreten.
Unbefugten ist es verboten, das Bahngelände zu betreten. Foto: Joachim Lenk
Unbefugten ist es verboten, das Bahngelände zu betreten.
Foto: Joachim Lenk

MÜNSINGEN-OBERHEUTAL. Die Bundeswehr sorgt vor für den Ernstfall. Schon untersucht das Bundesverteidigungsministeriums ehemalige militärischen Liegenschaften, ob sie reaktiviert werden könnten. Im Gespräch sind zum Beispiel der ehemalige Standortübungsplatz Engstingen und der ausrangierte technische Bereich Gänsewag in Münsingen (der GEA berichtete). Bislang nicht auf der Liste von Verteidigungsminister Boris Pistorius steht der Verladebahnhof Oberheutal, der ebenfalls eine lange militärische Geschichte hat und nach wie vor voll funktionstüchtig ist.

Beinahe alle ehemaligen militärischen Liegenschaften auf der Albhochfläche sind nach dem Abzug der Bundeswehr an kommunale beziehungsweise private Investoren verkauft worden. Der einstige Verladebahnhof Oberheutal ist aber weiterhin im Eigentum des Bundes. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) hat ihn 2004 an die Erms-Neckar-Bahn Schieneninfrastruktur GmbH (RSBNA SI) verpachtet. Das Eisenbahninfrastrukturunternehmen spricht von einem »aktiven Bahngelände«, das an der Strecke der Schwäbischen Alb-Bahn (SAB) zwischen Münsingen und Mehrstetten liegt. Eine Haltestelle gibt es dort aber nicht.

Lagerstatt für Bahn-Material

Dafür ist der ehemalige Militärbahnhof inzwischen ein sogenannter Gütertarifpunkt. Alles ist noch vorhanden: Anlieferung, Rampen und Lagerplatz. Vor allem die Zwischenlagerareale, die einst für die Panzer und andere Militärfahrzeuge gebaut wurden, sind zum Beispiel für Holztransporte ideal.

»Wir begrüßen die Überlegungen, wieder mehr Güterverkehr auf die Schiene zu bringen. Aktuell prüfen wir Anfragen von Interessenten zur Verladung von Holz am Bahnhof Oberheutal«, sagt Harald Fechter, Geschäftsführer der RSBNA SI. Man stehe dazu in engem Austausch mit der zuständigen Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW). Der Bahnhof kann unter der Woche von Güterzügen angefahren werden.

Die derzeit in Oberheutal abgestellten Waggons gehören zum Großteil der SAB, sowohl der GmbH als auch dem Verein, einzelne Wagen sind im Eigentum der RSBNA SI. Außerdem liegen dort unzählig viele Bahnschwellen, tonnenweise Gleisschotter und mehrere Dutzend weiße Hektometersteine, die entlang der Strecke von Schelklingen (Alb-Donau-Kreis) bis Gammertingen (Landkreis Sigmaringen) immer wieder ausgetauscht werden müssen (der GEA berichtete).

Die älteren Bewohner Münsingens und Auingens erinnern sich noch gut daran: Wenn Soldaten zum Üben auf den Truppenübungsplatz anreisten, kamen sie in der Regel mit der Eisenbahn im Bahnhof Münsingen an. Von dort aus bretterten sie zu jeder Tages- und Nachtzeit mit ihren schweren Panzern und anderen Militärfahrzeugen durch die engen Straßen der Stadt.

Das änderte sich erst 1972, als die Militärs den neuen Verladebahnhof in Oberheutal in Betrieb nahmen. Von diesem Zeitpunkt an trafen die deutschen, französischen, kanadischen, amerikanischen und britischen Soldaten, bis auf ein paar Ausnahmen, nur noch in Oberheutal ein. Von dort aus fuhren sie über die Umgehungsstraße Richtung Schießplatz beziehungsweise Altes Lager.

Bis zu 160 Verladungen pro Jahr

Auch die in der Herzog-Albrecht-Kaserne stationierten Bataillone nutzten den Militärbahnhof. Von dort aus reisten sie bequem zu Manövern und Truppenübungsplatzaufenthalten in Deutschland, Frankreich und Spanien.

Bis zu 160 Verladungen im Jahr zählten die Fahrdienstleiter Ende der 1970er-Jahre. In Spitzenzeiten trafen bis zu vier an einem Tag ein, ist alten Zugmeldebüchern zu entnehmen. Manchmal mussten sich die Bahnbediensteten gleichzeitig um zwei Züge kümmern. Be- und Entladungen nachts und am frühen Morgen waren keine Seltenheit. Nach Auskunft der Bundeswehr hätten theoretisch zehn Züge innerhalb von 24 Stunden abgefertigt werden können.

Offiziell konnten in Oberheutal nur sogenannte Ganzzüge einfahren, die vom Verlade- zum Entladepunkt als Einheit ohne Zwischenhalte verkehrten. Einzeltransporte, wie zum Beispiel ein Panzer, der zur Inspektion musste, durften laut Anweisung nur im Münsinger Bahnhof verladen werden. Gegen diese Anweisung lief die Stadtverwaltung Sturm. Der damalige Bürgermeister Heinz Kälberer be-schwerte sich bei der Transportleitung in Stuttgart.

Das zeigte Wirkung. Die Beamten regelten die Angelegenheit auf dem kleinen Dienstweg rasch und unbürokratisch. Offiziell fuhren die Züge weiterhin von Schelklingen direkt nach Münsingen. So war es auch im Zugmeldebuch vermerkt. Aber nur ein paar Eingeweihte der Deutschen Bundesbahn wussten, dass Einzeltransporte in Windeseile in Oberheutal be- und entladen wurden. Mit Duldung von ganz oben.

Vor 21 Jahren gab es in Oberheutal die letzte Verladung eines Militärzugs. Die vierte Batterie des damaligen Panzerartilleriebataillons 295 reiste nach Münsingen, um auf dem Truppenübungsplatz den letzten scharfen Schuss mit einem Panzer abzufeuern. Kurz danach traten die Soldaten am 27. April 2004 ihren Heimweg nach Immendingen (Landkreis Tuttlingen) an.

Neue Nutzung nicht angedacht

Diese zwölfte Verladung in jenem Jahr war die letzte überhaupt, der Fahrdienstleiter schickte um 12.24 Uhr den letzten Militärgüterzug auf die Reise. Damit endete die 32-jährige militärische Geschichte des Verladebahnhofs Oberheutal, ein Jahr später die des Truppenübungsplatzes Münsingen.

Nachdem dieser Tage bekannt wurde, dass die Bundeswehr eventuell den technischen Bereich Gänsewag auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen wieder nutzen möchte (der GEA berichtete), schüttelt Bürgermeister Mike Münzing ungläubig den Kopf: »Es entzieht sich meiner Vorstellungskraft, was die Bundeswehr mit dem technischen Bereich anfangen möchte.« Er fragt sich, weshalb der Verladebahnhof Oberheutal nicht in der Verlosung sei. Die komplette Infrastruktur sei noch vorhanden, gibt er zu bedenken. (GEA)

EHEMALIGE MILITÄRISCHE LIEGENSCHAFTEN

Folgende ehemals militärisch genutzte Liegenschaften gibt es im Landkreis Reutlingen: die Eberhard-Finckh-Kaserne (heute Gewerbepark Haid) in Engstingen, die Munitionslager J und K (Eigentümer die Gemeinde Hohenstein beziehungsweise die Stadt Trochtelfingen, Bunker sind vermietet), in Münsingen die Herzog-Albrecht-Kaserne (heute Parksiedlung) und das Altes Lager (heute Albgut). Im Alb-Donau-Kreis wurden einst militärisch genutzt das am Rand des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen gelegene Remontedepot Breithülen (heute Event- und Tagungslocation), die Munitionsdepots Ingstetten und Breithülen (Eigentümer sind heute die Stadt Schelklingen, Bunker sind vermietet, beziehungsweise eine Whiskydestillerie) und das Gerätehauptdepot in Feldstetten (heute Automobilzulieferer). (lejo)