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Aktuell Entwicklung

Genauso bequem von »hinten rum«

MÜNSINGEN. Die schnellste Verbindung von Münsingens Stadtmitte bis hinein ins Zentrum der Landeshauptstadt führt über Metzingen: 28 Minuten braucht man laut Routenplaner mit dem Pkw bis zum Park-and-Ride-Platz in der Sieben-Kelternstadt, dann nochmals 44 Minuten mit dem Regionalzug – sofern alles gut läuft. Fünf Minuten mehr muss einkalkulieren, wer sich ab Bad Urach in den Zug setzt und in Metzingen umsteigt, wobei auch bei dieser Rechnung mögliche Staus und die Suche nach einem Parkplatz nicht berücksichtigt sind.

Lediglich 47 Minuten lang könnte bis Hauptbahnhof Stuttgart unterwegs sein, wer dazu die Gegenrichtung einschlägt und in Merklingen auf die Bahn umsteigt. In Merklingen? Da gibt es doch überhaupt keinen Bahnhof. Stimmt. Noch nicht. Aber vielleicht schon bald. Denn im Zusammenhang mit dem Neubau der S-21-Schnellbahntrasse zwischen Stuttgart und Ulm, der im Gegensatz zum Bau des umstrittenen Stuttgarter Tiefbahnhofes von vielen kaum wahrgenommenen wird, ist ein zusätzlicher Haltepunkt auf der Alb-Hochfläche ins Gespräch gekommen. Und der könnte bei Merklingen bereits in absehbarer Zeit Wirklichkeit sein.

Münzing signalisiert Unterstützung

Merklingen ist jetzt schon für viele Verkehrsteilnehmer aus dem Großraum Münsingen, Sonnenbühl, Engstingen sowie Römerstein die schnellstmöglich erreichbare Anschlussstelle an die Autobahn, die A 8. Insbesondere dann, wenn ihr Weg sie in Richtung Süden führt. In Zukunft könnte die knapp 2 000 Einwohner zählende Alb-Donau-Kreis-Gemeinde aber auch für Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs von Bedeutung werden. Dann nämlich, wenn hier auf der neuen Schnellbahntrasse auch Regionalzüge halten, mit denen in knapp einer halben Stunde Stuttgart und in nur wenigen Minuten Ulm bequem zu erreichen wären.

Utopie? Ganz und gar nicht, sind sich laut Bericht der Schwäbischen Zeitung, Ausgabe Laichingen, sechs Bürgermeister auf der Laichinger Alb einig, die sich darüber längst mit Experten der Deutschen Bahn sowie Verkehrsminister Winfried Hermann ausgetauscht haben. Ihr Fazit: Zwischen Laichingen, Ulm und Münsingen – einem Gebiet, das die Bahn bislang links liegen lasse – würden von der Haltestelle mehrere Tausend Menschen profitieren.

Im Kreistag des Alb-Donau-Kreises sind als Baukosten für den neuen Bahnhalt samt zweier Außenbahnsteigen, einem Überholgleis für ICE-Züge und für Park-and-Ride-Plätze rund 18 Millionen Euro genannt worden. Hinzu kämen laut Lokalblatt rund neun Millionen, die als Risikozuschlag zurückgelegt werden müssten.

Noch diskutieren die Alb-Donau-Kreis-Bürgermeister unter sich über diese lange unbeachtet gebliebene Perspektive, die die neue Schnellbahntrasse bietet. Doch gibt es einen, der die Entwicklung aufmerksam verfolgt und inhaltlich voll unterstützt: Münsingens Bürgermeister Mike Münzing.

Bedeutung auch für den Tourismus

Für die Biosphärengebiets-Gemeinschaft sei dies "eine riesige und einmalige Chance", spricht Münzing nicht nur als Chef des 14 000 Einwohner zählenden Mittelzentrums Münsingen, sondern auch als Vorsitzender des Vereins Schwäbischer Alb-Tourismus, SAT, der ebenfalls an einem deutlich besser funktionierenden ÖPNV interessiert ist. "Wir bekommen in der Hinsicht öfters Nachfragen, weiß Mike Münzing, der sich als klarer Befürworter eines Bahnhalts in Merklingen bekennt und – so weit dies möglich sei – den Initiatoren aus dem Nachbarlandkreis seine Unterstützung zusagt. Denn: So wichtig für die Münsinger Alb die schon lange diskutierte Regionalstadtbahn Neckar-Alb, also eine schnelle Verbindung in den Neckarraum über Reutlingen wäre, macht der Rathauschef keinen Hehl daraus, dass ihm ein Anschluss aus der Gegenrichtung genauso sympathisch wäre.

Die Alb als Vorort Stuttgarts

Münsingen, schon jetzt aufgrund der schönen Landschaft, seiner guten Infrastruktur und der noch bezahlbaren Baulandpreise für Eigenheime wie auch für Industrie- oder Gewerbeanlagen sehr gefragt, könnte durch eine bessere Erreichbarkeit via Bahn noch mehr in den Blickpunkt auch aus Richtung Ballungsraum Stuttgart oder Ulm geraten. Denn rein geografisch betrachtet liegt die Kleinstadt, um die herum sich das Biosphärengebiet Schwäbische Alb gebildet hat, ohnedies genau in der Mitte der beiden Metropolen, die für viele Alb-Bewohnern jetzt schon täglich das Ziel sind, weil sie dort zur Arbeit gehen.

Könnten sie sich in Münsingen einfach in den Zug setzen, und – wie dies Verkehrsplaner Bernd-Matthias Weckler von der Schwäbischen Alb-Bahn vorschwebt – direkt und ohne Umsteigen übers Schmiechtal bis Ulm durchfahrenen, oder den Park & Ride-Platz ansteuern und von Merklingen aus in die Schnellbahn nach Stuttgart einsteigen, dann, ja dann, könnte sich Münsingen überspitzt formuliert, als »Vorort« beider Metropolen fühlen. Und käme – ohne dass immer mehr Straßen aus- oder neu gebaut werden müssten – endlich aus ihrem oft beklagten Verkehrsschatten heraus. Die Entwicklungschancen, die sich dadurch für die Alb ergäben, wären plötzlich riesengroß. (GEA)