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Gegen die Plastik-Konkurrenz: Heute ist der Tag des natürlichen Weihnachtsbaums

Am 8. Dezember ist zum ersten Mal Tag des natürlichen Weihnachtsbaums. Was dahinter steckt, erklärt Jürgen Goller, der in St. Johann eine Christbaumkultur hat.

Familie Goller hat seit Jahrzehnten eine Christbaumkultur in St. Johann. Dort kann man auch Bäume selber schlagen.
Familie Goller hat seit Jahrzehnten eine Christbaumkultur in St. Johann. Dort kann man auch Bäume selber schlagen. Foto: Privat
Familie Goller hat seit Jahrzehnten eine Christbaumkultur in St. Johann. Dort kann man auch Bäume selber schlagen.
Foto: Privat

ST. JOHANN. Rund 200.000 Nadeln hat ein Weihnachtsbaum. Zusammen ergeben sie eine Fläche von 15 Quadratmetern. Das ist ganz schön viel. Und duftet ganz schön gut - vorausgesetzt, es handelt sich um echte Bäume mit echten Nadeln. Das ist allerdings keine Selbstverständlichkeit mehr, wie Jürgen Goller erzählt. Denn Tanne und Fichte haben in den vergangenen Jahren ordentlich Konkurrenz bekommen: Sie stammt meistens aus Asien und ist aus Plastik.

Seit mehr als drei Jahrzehnten zieht Goller Christbäume auf seiner Kultur in St. Johann groß. Im Nebenerwerb, wie die meisten seiner rund 200 Kollegen, die sich im Christbaumverband Baden-Württemberg miteinander vernetzt haben. Der Verband wiederum hat sich dem Verein Natürlicher Weihnachtsbaum angeschlossen, der den 8. Dezember zum Tag des natürlichen Weihnachtsbaums auserkoren hat. Damit wollen die Erzeuger auf sich und auf die Vorteile ihrer Naturpodukte aufmerksam machen. Es gehe um Nachhaltigkeit, aber auch darum, »die vielleicht schönste Tradition zum Fest« zu bewahren.

Die Plastikbäume, sagt Goller, sehen manchmal sogar erstaunlich gut aus. Dennoch: Anstatt ätherischer Aromen dünsten sie im schlimmsten Fall Schadstoffe aus, meint er. Außerdem haben sie eine schlechte CO2-Bilanz, schreibt der Verein Natürlicher Weihnachtsbaum auf seiner Homepage und führt entsprechende Studien an. Der natürliche Baum sei dagegen nahezu klimaneutral. Während einer Wachstumszeit von etwa zehn Jahren binde er rund 18 Kilogramm CO2. Nach dem Fest kann er vollständig recycelt oder als Brennholz verwendet werden. »Künstliche Bäume hingegen verursachen bereits durch energieintensive Produktion und lange Transportwege ein Vielfaches an Emissionen«, schreibt der Verband, der den CO2-Ausstoß eines Plastikbaums auf 42 Kilogramm beziffert.

Deutschland ist Weihnachtsbaumland

Das Original hingegen steht aus Sicht des Verbands »für regionale Wirtschaftskreisläufe, familiengeführte Betriebe und eine festliche Atmosphäre«. Deutschland ist nach Angaben des Verbands immer noch ein echtes Weihnachtsbaumland: »In Europa produziert Deutschland die meisten Weihnachtsbäume, gefolgt von Dänemark und Frankreich.« Mit einer Anbaufläche von 12.500 Hektar ist das Sauerland das wichtigste Anbaugebiet in Europa, 30 bis 40 Prozent der deutschen Bäume werden dort angebaut.

Etwa zehn Prozent entfallen auf Baden-Württemberg, wobei rund die Hälfte der Bäume, die in badischen und württembergischen Wohnzimmern stehen, auch im Ländle ihre Wurzeln hatten, so Goller. Die Wege sind also kurz - und das Interesse der Menschen für die Herkunft »ihres« Baums ist durchaus da. Das weiß er aus Erfahrung. Anfang der 1990er-Jahre hat er zum ersten Mal Bäume aus seinem Privatwald an einem Stand in Reutlingen verkauft. »Immer wieder haben die Leute gefragt, wo der Baum gewachsen ist. Da habe ich mir gedacht: Ich lasse sie einfach herkommen und zeige es ihnen.« Seitdem kann man bei Familie Goller in der Christbaumkolonie kurz hinter Würtingen in Richtung Gestütshof selbst auf Baum-Suche gehen - und das Wunsch-Exemplar auch selbst schlagen oder besser sägen, wenn es gefunden ist.

Der Plastikbaum hat den Naturbaum fast eingeholt.
Der Plastikbaum hat den Naturbaum fast eingeholt. Foto: Verband Natürlicher Weihnachtsbaum e.V.
Der Plastikbaum hat den Naturbaum fast eingeholt.
Foto: Verband Natürlicher Weihnachtsbaum e.V.

Goller war einer der ersten, der dieses Konzept umsetzte, inzwischen gibt es auch andere Anbieter auf der Alb, zum Beispiel Martin Länges »Albtanne« in Hengen. Man kennt und schätzt sich, betont Goller, schließlich verfolgt man im Kampf gegen die Plastik-Konkurrenz dieselben Ziele. Christbaumkulturen sind wertvolle Lebensräume, auf Länges Grundstück in Hengen haben Studierende sogar eine entsprechende Untersuchung dazu gemacht. Viele Vogelarten finden hier Brutmöglichkeiten und ein Nahrungsangebot - auch, weil sich Insekten, Eidechsen und Schnecken hier ebenfalls ganz wohl fühlen und auf so manchem Vogel-Speiseplan stehen.

Die Nordmanntanne sieht gut aus und stupft nicht

Bäume zum selber Schlagen kommen an, rund 80 Prozent seiner Kunden wollen ihren Traum-Baum selbst fällen, sagt Goller. Für die übrigen 20 Prozent hält er immer ein frisches Sortiment bereit. Eine Säge kann man leihen, viele bringen aber auch ihre eigene mit, klein, handlich und mit Akku, »das Blatt geht butterweich durch den Stamm«. Vor allem für Familien mit Kindern ist der Baumkauf schon ein Fest vor dem Fest. »Manchmal hat's aber auch schon Zoff gegeben, wenn jede und jeder einen anderen Baum will«, lacht Goller.

Trends gab und gibt es auch unabhängig vom Plastikbaum. Die Nordmanntanne ist seit einigen Jahren der Platzhirsch unter den Weihnachtsbäumen, mit rund 80 Prozent ist sie auch auf Gollers Plantage die Spitzenreiterin auf der Beliebtheitsskala. Warum, ist klar: »Sie haben weiche Nadeln und halten lange.« Früher, sagt Goller, »habe ich zu 80 Prozent Rotfichten verkauft«. Inzwischen braucht er kaum mehr heimische Fichten, die beim Schmücken halt auch ordentlich stupfen. Und auch die Kiefer lassen die Leute lieber im Wald als im Wohnzimmer. Trotzdem bietet Goller auf seiner 2,5 Hektar großen Plantage auch andere Sorten an, Colorado- und Korktannen zum Beispiel.

Pflegetipp

Damit der Baum lange frisch und grün bleibt und seine Nadeln nicht vorzeitig verliert, braucht er vor allem Wasser. Damit er möglichst viel davon aufnehmen kann, sollte man vor allem bei Bäumen, deren Ernte schon einige Zeit zurückliegt, das Stammende noch einmal anschneiden und um ein, zwei Zentimeter kürzen, rät Jürgen Goller. Warum? Die Bäume versuchen, Schnittstellen selbst zu heilen und zu schließen. Über eine frische Schnittfläche können sie wieder mehr Wasser aufnehmen - ähnlich wie bei Schnittblumen. Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, sollte man allerdings darauf verzichten, das untere Ende »anzuspitzen« und abzuschälen. Das verringert den Wassertransport. Also lieber gleich einen größeren Christbaumständer wählen, in den der natürliche Stamm passt. (ma)

Zu haben sind sie in allen Größen, abgerechnet wird nach Zentimetern. Das Gardemaß für einen Weihnachtsbaum liegt bei 1,50 bis 1,75 Metern, die Riesen in Gollers Kultur dürfen sechs, sieben Meter hoch wachsen. Die fällt Goller selbst und liefert sie an Kunden aus. Dazu zählen Hochschulen und Firmen, aber auch Altersheime. Noch eine Veränderung hat der Experte in den vergangenen Jahren beobachtet: »Die Leute holen sich den Baum immer früher ins Wohnzimmer«, sagt er. Früher konnte man in St. Johann ab dem dritten Adventssamstag Bäume schlagen und kaufen, inzwischen ist schon ab dem zweiten Adventssamstag geöffnet - immer ab etwa 10 Uhr bis es dunkel wird. (GEA)