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GEA-Redakteurin als Hästrägerin beim Umzug in Großengstingen

Rein ins Häs, zu Umzügen und Tanzwettbewerben fahren: Das ist für Hunderttausende Menschen dieser Tage das Schönste, was sie sich vorstellen können und nehmen dafür extra einen Teil des Jahresurlaubs. Neben allem Spaß und Amüsement: Fasnet ist auch eine sehr ernste Sache. Ohne Normen und Strukturen geht da nichts. Wie es sich anfühlt, als Hästräger Teil dessen zu sein, hat GEA-Redakteurin Cordula Fischer mit der Narrenzunft Steinhilben erlebt.

Die Verwandlung ist gelungen: Unter Maske und Häs der Schwarzhülahutzel steckt GEA-Redakteurin Cordula Fischer, die für einen Ta
Die Verwandlung ist gelungen: Unter Maske und Häs der Schwarzhülahutzel steckt GEA-Redakteurin Cordula Fischer, die für einen Tag eine Hästrägerin wird. Foto: Steffen Schanz
Die Verwandlung ist gelungen: Unter Maske und Häs der Schwarzhülahutzel steckt GEA-Redakteurin Cordula Fischer, die für einen Tag eine Hästrägerin wird.
Foto: Steffen Schanz

ENGSTINGEN/TROCHTELFINGEN. Mein soziales Umfeld für diesen einen Tag ist die Gruppe der Schwarzhülahutzel aus Steinhilben. Ich verwandel mich in eine von ihnen, trage eine rupfenartige Bluse, einen Rock und Schürze, standardisiert, normiert, zigfach konfektioniert. Individualität gibt es hier nicht. Oder doch?

Eine unter vielen: Unterm Häs ist jeder gleich. Die Narrenzunft Steinhilben stellt sich zum Massen-Gruppen-Foto auf, bevor sie a
Eine unter vielen: Unterm Häs ist jeder gleich. Die Narrenzunft Steinhilben stellt sich zum Massen-Gruppen-Foto auf, bevor sie auf den Großengstinger Fasnetsumzug startet. Foto: STEFFEN SCHANZ
Eine unter vielen: Unterm Häs ist jeder gleich. Die Narrenzunft Steinhilben stellt sich zum Massen-Gruppen-Foto auf, bevor sie auf den Großengstinger Fasnetsumzug startet.
Foto: STEFFEN SCHANZ

Die Fasnet: Gelebt wird die Uniformität des Unkonformen, Unangepassten. Aber: »Unter Maske und Häs sind alle gleich«, sagt Zunftmeister Marc Hazotte. Und genau das sei das Schöne an der Fasnet. Hier spielen gesellschaftliche Stellung, Beruf, Herkunft, Alter, Geschlecht keine Rolle.

Die Anonymität der Akteure gibt Sicherheit. Man genieße es außerdem, einmal in eine andere Rolle zu schlüpfen, den Sorgen in einer immer komplexer werdenden Welt und dem Alltag zu entfliehen, das Miteinander zu erleben und Brauchtum zu pflegen, beschreibt er mir den Sinn hinter dem Treiben der Steinhilbener Narrenzunft und anderer schwäbisch-alemannischer Fasnetsgruppen. »Da simmer dabei«, denke ich, die – wenn schon – eher vom rheinischen Karneval sozialisiert ist, »das will ich am eigenen Leib erfahren. Jede Jeck is anders«, wie der Kölner sagt. Der Fasnets-Neuling wagt also das Experiment und taucht als Hästräger beim Umzug in Großengstingen ein in diese für ihn fremde Welt.

Das Briefing: Nach der Aufhebung der sozialen Ordnungsstrukturen am Schmotzigen Doschdig nähert sich die Fasnet ihrem Höhepunkt. Der Ausbruch aus sozialen Normen und zementierten Strukturen des Alltags, die Inszenierung der Anarchie sind wohl die eine Seite des Treibens auf Straßen und in Sälen. Grenzenlose Narretei ist dabei aber fehl am Platz. Nonkonformes Verhalten ist unerwünscht und wird sogar geahndet. Normierung und Auferlegen strenger Regularien, Einhalten von Satzungen, Ehrenkodexen, Organisationsstrukturen und festgelegter Choreografien sind in einer Zunft an der Tagesordnung und Spiegelbild der gesellschaftlichen Überregulierung und Klassifizierung.

Noch etwas skeptisch beäugt GEA-Redakteurin Cordula Fischer die Maske, die sie gleich zum ersten Mal tragen wird.
Noch etwas skeptisch beäugt GEA-Redakteurin Cordula Fischer die Maske, die sie gleich zum ersten Mal tragen wird. Foto: Steffen Schanz
Noch etwas skeptisch beäugt GEA-Redakteurin Cordula Fischer die Maske, die sie gleich zum ersten Mal tragen wird.
Foto: Steffen Schanz

Chaotische Zustände gilt es zu vermeiden, es gibt nichts Ernsteres als die Fasnet, und die muss eben das befolgen, was sie eigentlich karikiert. Zivilisierte Späße sind immerhin erlaubt, die Liste der Verbote ist indes länger: Es ist in Großengstingen und vielen anderen Orten nicht erlaubt, Konfetti und Stroh zu streuen – sonst droht die finanzielle Beteiligung an der Straßenreinigung. Weitere Auflagen: keine Saustifte, keine Rauchpatronen, Verbot von Pyrotechnik und brandweinhaltigen Getränken. Verordnete Fröhlichkeit und geordnete Narrenfreiheit eben.

Anne Wittner (links) hilft dem Hästräger-Neuling beim Anziehen. Der "Liebestöter gehört zum Häs der Schwarzhülahutzel.
Anne Wittner (rechts) hilft dem Hästräger-Neuling beim Anziehen. Der "Liebestöter gehört zum Häs der Schwarzhülahutzel. Foto: Steffen Schanz
Anne Wittner (rechts) hilft dem Hästräger-Neuling beim Anziehen. Der "Liebestöter gehört zum Häs der Schwarzhülahutzel.
Foto: Steffen Schanz

Die Figur: Die Schwarzhülahutzel trieb am Dorfrand von Steinhilben ihr Unwesen. Erzählungen über diese Person wurden benutzt, um Kindern Ehrfurcht oder gar Angst einzujagen. Es heißt, unter den Steinen in der Schwarzhüla liege die Geburtsstätte von neugeborenen Kindern und Kälbern. Kinder seien oft danach suchen gegangen, immer in der Furcht, eine Hutzel könnte hervorkommen.

Die Verwandlung geht weiter. Die geringelten Wollstulpen gehören zum Häs.
Die Verwandlung geht weiter. Die geringelten Wollstulpen gehören zum Häs. Foto: Steffen Schanz
Die Verwandlung geht weiter. Die geringelten Wollstulpen gehören zum Häs.
Foto: Steffen Schanz

Sie trägt eine rupfenartige Bluse, Unterhose, geringelte Stulpen, Rock und Schürze. Entstanden ist die Figur 1985. Die Holzmaske mit den Zöpfen und Kopftuch schaut mal grimmig oder mal freundlich. In der Narrenzunft Steinhilben gibt es rund 150 Schwarzhülahutzeln, sagt Gruppenchef Mathias Zeiler – und am Samstag mit mir eine mehr beim Großengstinger Fasnetsumzug.

Fast fertig: Zum kompletten Häs fehlen noch Schürze und Maske.
Fast fertig: Zum kompletten Häs fehlen noch Schürze und Maske. Foto: Steffen Schanz
Fast fertig: Zum kompletten Häs fehlen noch Schürze und Maske.
Foto: Steffen Schanz

Mein Häs leiht mir Marc Hazotte, es ist bereits 30 Jahre alt, begleitet seinen Träger ein Leben lang. Man muss einiges investieren, allein die Maske kostet mehrere Hundert Euro. Tragen darf so ein Häs – um Himmels willen sage niemals Kostüm – eigentlich nur ein Zunft-Mitglied. Eines zu werden, bedarf es in Steinhilben nicht viel und keiner langen Aufnahmerituale, sagt der Zunftmeister. Einzige Voraussetzung: Man muss in Trochtelfingen wohnen. Na gut, einmal in der fünften Jahreszeit lassen die Narren auch mal Fünfe gerade sein und erlauben ausnahmsweise das einmalige Experiment. »Bei uns bist du in guten Händen«, sagt Hazotte und reagiert damit fürsorglich auf die sich bei mir emporschleichende Unsicherheit und Aufregung vor meinem Einsatz.

Zunftmeister Marc Hazotte erklärt, wie man die Maske aufsetzt.
Zunftmeister Marc Hazotte erklärt, wie man die Maske aufsetzt. Foto: Steffen Schanz
Zunftmeister Marc Hazotte erklärt, wie man die Maske aufsetzt.
Foto: Steffen Schanz

Die Verwandlung: Morgens um 9 Uhr beginnt in Steinhilben ein konspiratives Treffen im Farren-stall, meine Initiation. Die Gardemädchen Sarah Burkhart, Elisa Jaschewski und Anne Wittner, alle drei schon im historischen, 50 Jahre alten Dress der damals ersten Tänzerinnen gekleidet, assistieren mir beim Anlegen von Häs und Maske. Das geht reibungslos und in wenigen Minuten verwandelt sich die Redakteurin in eine Hutzel. Die sich erst an die eingeschränkte Sicht und das doch ordentliche Gewicht auf dem Kopf gewöhnen muss. Und wieder gegen die Nervosität ankämpft. Denn jetzt wird es ernst.

Eingekleidet ist die neue Schwarzhülahutzel und macht sich noch schnell ein paar Notizen für ihren Artikel, bevor es zum Zunftme
Eingekleidet ist die neue Schwarzhülahutzel und macht sich noch schnell ein paar Notizen für ihren Artikel, bevor es zum Zunftmeisterempfang nach Engstingen geht. Foto: Steffen Schanz
Eingekleidet ist die neue Schwarzhülahutzel und macht sich noch schnell ein paar Notizen für ihren Artikel, bevor es zum Zunftmeisterempfang nach Engstingen geht.
Foto: Steffen Schanz

Der Zunftmeisterempfang: »Die Narrensprüche muss man kennen. Es gibt nichts Schlimmeres als da zu patzen«, erklärt Marc Hazotte beim Zunftmeisterempfang, bei dem die Narrenchefs der teilnehmenden Gruppen und Politprominenz den Umzugstag einläuten. »Zieh dich warm an«, lautete Hazottes Rat ein paar Tage zuvor. Skiunterwäsche, Rollkragenpullover, Sweatshirt, Leggins, zwei Paar Wollsocken: Im nicht nur von der Stimmung aufgeheizten Feuerwehrgerätehaus rächt sich nun die mehrschichtige Unterbekleidung, derer man sich nicht entledigen kann. Aussitzen, Ausschwitzen.

Es gibt gereimte Ansprachen der Großengstinger Zunft, der Vereinigung Freier oberschwäbischer Narrenzünfte, geladener Zunftmeister, der Lokal-, Landes- und Bundespolitiker. Geschenke, Ehrungen, Erbsensuppe, Getränke, Musik der Lomba-Kabell.

Heiße Sache: Beim Zunftmeisterempfang kocht die Stimmung.
Heiße Sache: Beim Zunftmeisterempfang kocht die Stimmung. Foto: Steffen Schanz
Heiße Sache: Beim Zunftmeisterempfang kocht die Stimmung.
Foto: Steffen Schanz

Fasnet ist vielfältig, frei und bunt, meint Engstingens Bürgermeister Mario Storz. Und so feiern sie sie hier und in wenigen Minuten auf den Großengstinger Straßen, die bis zum Abend in der Hand von 85 Zünften und Vereinen und Tausender Schaulustiger sind.

Der Umzug: Um 13.31 Uhr gilt’s. Was ist zu tun? »Das wirst du schon sehen. Mach einfach, was wir machen und hab Spaß«, sagt Mathias Zeiler. Das Angebot, Teil einer mehrstöckigen Menschen-Pyramide zu sein, lehne ich ab. Das muss man gut trainieren, damit das akrobatische Kunststück nicht im Desaster endet. Ich stopfe jede Menge Bonbons in meine Schürze.

Praktisch, die Handschuhe: Falls Hästräger oder Zuschauer den Narrenruf der Zunft vergessen sollten, dienen sie als Spickzettel.
Praktisch, die Handschuhe: Falls Hästräger oder Zuschauer den Narrenruf der Zunft vergessen sollten, dienen sie als Spickzettel. Foto: STeffen Schanz
Praktisch, die Handschuhe: Falls Hästräger oder Zuschauer den Narrenruf der Zunft vergessen sollten, dienen sie als Spickzettel.
Foto: STeffen Schanz

Die Maske sitzt. Ich stolpere los, kleine Crashs mit anderen Hästrägern kann ich nicht vermeiden. Wohl aber lege ich mit jedem Schritt auf der Umzugsstrecke mein Alltags-Ich und Zurückhaltung ab, verteile Schleck, wuschel Zuschauern durch die Haare, necke Kinder, schreie laut »Schlippr Schlappr« und erhalte die vielstimmige Antwort »Hüla Schlappr«. Den Spickzettel auf meinen Handschuhen benötige ich nicht. Die Anonymität durch die Maskierung befreit. Es funktioniert, ich bin Hästrägerin, ich bin mittendrin, eine von vielen, ich feier es.

Kleine Crahs lassen sich bei der eingeschränkten Sicht nicht vermeiden. Aber alle Schwarzhülahutzeln halten zusammen und helfen
Kleine Crahs lassen sich bei der eingeschränkten Sicht nicht vermeiden. Aber alle Schwarzhülahutzeln halten zusammen und helfen sich. Auch der GEA-REdakteurin (links), die zum ersten Mal ein Häs trägt. Foto: Steffen Schanz
Kleine Crahs lassen sich bei der eingeschränkten Sicht nicht vermeiden. Aber alle Schwarzhülahutzeln halten zusammen und helfen sich. Auch der GEA-REdakteurin (links), die zum ersten Mal ein Häs trägt.
Foto: Steffen Schanz

Das Gefühl: Erschöpft aber glücklich, voll Adrenalin demaskieren sich die Steinhilbener Narren und ich nach dem Umzug. Alle mit einem breiten Grinsen im Gesicht. »Wie war’s?«, fragen Hazotte, Zeiler und meine Hutzel-Kolleginnen und -Kollegen. Durchatmen, die Sonne strahlt, ich auch. Braucht’s da noch Worte? »Tolle Erfahrung, danke, ich verstehe euch.«

Akrobatische Kunststücke wie Pyramiden überlässt man besser den richtigen Profis.
Akrobatische Kunststücke wie Pyramiden überlässt man besser den richtigen Profis. Foto: Steffen Schanz
Akrobatische Kunststücke wie Pyramiden überlässt man besser den richtigen Profis.
Foto: Steffen Schanz

Das Ende: Etwa elf Termine hat die Narrenzunft Steinhilben seit dem Häsabstauben am 6. Januar absolviert. Dazu kommen bis Aschermittwoch noch die eigenen Veranstaltungen, Bürgerbälle, Narrenwecken und -speisung, Kinderfasnet, Narrenbaumversteigerung, Organisation des Umzugs im eigenen Ort. Ein straffes Programm, um das herum viel Arbeit ansteht. »Es dreht sich ab dem Schmotzigen sechs Tage alles nur um Fasnet«, sagt Marc Hazotte. Viele Hästräger verwenden einen Teil des Jahresurlaubs für die närrische Zeit. Betriebe bleiben geschlossen, Schulen zu. Das geht nur mit großem Enthusiasmus und der Überzeugung, ein ideelles Gut und wertvolles Brauchtum erhalten zu wollen. Ehrenzunftmeister Karl Heinzelmann erzählt, dass er sogar mal ein Jobangebot abgelehnt habe, weil ihm der Chef keine freien Tage während der Fasnet gewähren wollte.

Schlippr Schlappr Hüla Schlappr: Geht doch. Mit der Zeit legt man als Hästräger das Alltags-Ich ab und wird mutiger.
Schlippr Schlappr Hüla Schlappr: Geht doch. Mit der Zeit legt man als Hästräger das Alltags-Ich ab und wird mutiger. Foto: Steffen Schanz
Schlippr Schlappr Hüla Schlappr: Geht doch. Mit der Zeit legt man als Hästräger das Alltags-Ich ab und wird mutiger.
Foto: Steffen Schanz

Die Steinhilbener Narrenzunft ist seit 2018 von der Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Die Fasnet stiftet hier Identität, bietet Lebensfreude. Sie verbindet Menschen und bindet sie an ihren Heimatort. Der bisherige Karnevals- und Fasnetsverweigerer, also ich, wird zwar in Zukunft auch kein Narr, aber versteht, welchen Reiz es hat, anders als die anderen und doch unter Gleichen zu sein und wenige Tage im Jahr Narrenfreiheit zu genießen. »Dann sind alle Wehwehchen vergessen«, sagt Karl Heinzelmann. Alle gehen auf in ihrer Leidenschaft, voller Ernst, mit großer Freude. Wohl wissend, dass der Ausnahmezustand nur wenige Tage währt, an denen die Menschen eine sonst oft unterdrückte Fähigkeit zur Selbstironie kultivieren. Die Außerkraftsetzung des Alltags und die Leichtigkeit des Seins ohne Sorgen und Nöte entschädigt für alle Mühen.

Der Umzug ist vorbei, die Maske kann abgenommen werden? Wie es wohl war?
Der Umzug ist vorbei, die Maske kann abgenommen werden? Wie es wohl war? Foto: Steffen Schanz
Der Umzug ist vorbei, die Maske kann abgenommen werden? Wie es wohl war?
Foto: Steffen Schanz

»Dem echten Narren bangt nur vor dem Aschermittwoch«, habe ich irgendwo gelesen. Marc »Black Teddy« Brunner, Mitglied der Narrenzunft Die Feuerteufel vom Albtrauf, drückt’s so aus: »Der Wechsel auf den Mittwoch ist krass. Dein Leben ist plötzlich ein völlig anderes. Du willst zu deinem Häs greifen, aber der Alltag hat dich wieder im Griff.« Da nach der Fasnet aber vor der Fasnet ist, muss einem Hästräger nicht bang sein. Und vielleicht hat die Narrenzunft Steinhilben im kommenden Jahr einen Küchlesnarr mehr? Die mündliche Bewerbung ist abgegeben … »Schlippr Schlappr Hüla Schlappr.« (GEA)