Zu diesem Zeitpunkt hat das Konzert von »Granny’s Nightmare« seinen Höhepunkt erreicht. Die Jungs um Ulla Rall laufen nach einer Aufwärmphase fast synchron zur Kettensäge warm und erfüllen den Wunsch der Kundschaft, die im Internet eine Setliste postuliert hat. »Hier kommt Alex« von den Toten Hosen, »Fürstenfeld« von STS und »Let It Rock« von Motörhead: Diese Songs haben sich im Voting durchgesetzt und werden zum Abschluss der GEA-Serie »Dörfer der Zukunft – Zukunft der Dörfer« von der Band »Granny’s Nightmare« gespielt. Gespielt ist zu wenig: In bester Punkqualität rotzig zelebriert, als stünde Johnny Rotten am Mikrofon.
»Granny’s Nightmare« kommen aus Dottingen, Anhausen und Gomadingen und tragen Jeansjacken mit der Aufschrift: »turbojugend« – ein Fanal für die skandinavische Punkband »Turbonegro«, ein weltweiter Zusammenschluss von Fans mit »Chaptern« in Rockermanier. Erst am vergangenen Wochenende hat das Chapter »Turbojugend Gomadingen« mit »Granny’s Nightmare« im Dottinger Jugendclub eine Turbonegro-Party abgezogen und ist noch nicht ganz abgekühlt von der überhitzten Nacht. Der Motor tickt noch.
Dorfjugend am Warmlaufen
Zunächst leicht verhalten startet der Abend mit einem Kurz-Interview von GEA-Redakteur Kaya Egenberger zum Thema Dorf, warum man hier wohnt und ob man sich hier wohlfühlt. Ungläubiges Staunen über die journalistische Praxis des Profis, doch immer wieder nach dem Selbstverständlichen zu fragen. Natürlich fühle man sich hier wohl, es gebe auf der Dorfstraße keine Staus und die Leute seien nett. Es fehle auf dem Dorf an nichts! Basta.Auch nicht an musikalischer Tradition. In zweiter Reihe verfolgen die Mütter und Väter das Geschehen mehr oder weniger unauffällig und wissen von alten Rockzeiten zu berichten, als die Jungs und das Mädchen auf der Bühne noch keine Töne von sich gaben. Manche der Oldies sind selbst noch musikalisch aktiv und spielen die gleichen Stücke wie die Jugend, nur eben anders: »Fortunate Son« von Creedence Clearwater Revival klingt wie von einem anderen Stern. »Granny’s Nightmare« haben eine Punkversion auf Lager.
Mit »Westerland« von den Ärzten und »Blitzkrieg« von den Ramones steigt die Stimmung, die Körperbewegungen gehen Richtung Pogo. Und dann erscheint auch wieder der Mann mit der Sonnenbrille: Die Kettensäge hat er weggelegt, stattdessen hält er eine Whiskey-Flasche in der Hand. Warum? Wegen »Thank God for Jack Daniels« von den Sex Slaves.
Inzwischen ist es halb zwölf, die Dorfjugend am Warmlaufen und die Elternschaft brav nach Hause gegangen. »Uns hat’s gefallen«, sagt Gitarrist Stefan Grüner. Für ihn war es ungewohnt, in einer Disco aufzutreten. Umso mehr sei man am Gelingen des Projekts interessiert gewesen. Und dass Kettensägen zum Einsatz kommen, gehöre eben zum Programm. Als fester Teil der Show sägen sie nichts außer Luft und verursachen keinerlei Flurschaden. (GEA)

