GAMMERTINGEN/TROCHTELFINGEN. Wir leben in einer Zeit der Umbrüche und Veränderungen. Dies gilt für die große und kleine Welt, dies gilt auch für die Kirche. Im neuen Jahr ist die seit 2015 bestehende Seelsorgeeinheit Gammertingen-Trochtelfingen aufgrund einer Strukturreform in der Erzdiözese Freiburg Geschichte. Pünktlich zu dieser Veränderung – und einige Monate vor dem Pfarrer der Seelsorgeeinheit Wolfgang Drescher – verlässt Pastoralreferent Matthias Kopp nach 32 Jahren offiziell die lokale Kirchenbühne und geht in den Ruhestand. Mit ihm geht einer, der die Pfarrgemeinden der Seelsorgeeinheit maßgeblich menschlich und theologisch geprägt hat.
Matthias Kopp wurde 1959 in Horb geboren, wuchs in Haigerloch auf und machte sein Abitur in Hechingen. Er leistete Zivildienst als Rettungssanitäter und studierte dann in Tübingen Theologie. Schon früh zeigte er Interesse an der Kirche, war schon mit 20 Jahren Pfarrgemeinderat in seiner Heimatstadt. Der Weg, sich in den Dienst von Mutter Kirche zu stellen, war für ihn damit vorgezeichnet. Seine Ausbildung und seine erste Stelle als Pastoralreferent führten Kopp nach Wiesloch, von da ging es, dem Beruf seiner Frau geschuldet, nach Sigmaringendorf, wo Kopp zunächst ein Jahr lang Hausmann und Vater war, bevor er 1993 die Stelle als Pastoralreferent in Gammertingen und Neufra antrat.
Laie als Notlösung
Als Matthias Kopp unter dem damaligen Pfarrer Werner Tröndle nach Gammertingen kam, wurde der gerade auch zum Pfarrer von Feldhausen, Kettenacker und Neufra bestellt. Aus damaliger Sicht zu viel für einen Pfarrer, deshalb bekam Neufra einen Pastoralreferenten als Gemeindeleitung. Denn, so sagte es damals das Kirchenrecht, »in Notsituationen kann ein Laie die Gemeindeleitung übernehmen«. So entstand als Pilotprojekt das »Neufraer Modell«, später gab es diese Gemeindeleitung durch Laien ganze elfmal in der Erzdiözese Freiburg.
Inzwischen ist das Neufraer Modell aber Geschichte. Doch Kopp war und blieb in Neufra das Gesicht der Kirche: Seelsorger, Hausmeister, Freund und Vorsitzender der Vereine. Noch immer lebt er im Pfarrhaus in Neufra, die drei Kinder sind schon lang aus dem Haus. Vom Neu-fraer Pfarrhaus aus war er jahrelang zu
ständig für die Jugendarbeit in der Seelsorgeeinheit – für Kommunion, Firmung, Ministranten.
Seit 2015 war Kopp schwerpunktmäßig für Trochtelfingen da. In den regelmäßigen Gottesdiensten, zusammen mit dem evangelischen Amtskollegen Pfarrer Ekkehart Roßbach, wurde deutlich, wie wichtig Kopp die Ökumene ist und war. Die lag ihm immer am Herzen, in den vergangenen Jahren aber ganz besonders. Denn in Roßbach fand er einen Gleichgesinnten, mit dem er nicht nur den Freiluftgottesdienst an Heiligabend oder in der Osternacht in Trochtelfingen feierte, nein, die beiden feierten – ein echtes Kuriosum – auch Fronleichnam, das katholischte aller Kirchenfeste, gemeinsam.
Ein kritischer Theologe
Fromm und kirchenkritisch, bei Matthias Kopp passt das prima zusammen. Obwohl ein Mann der Kirche, der liturgische Traditionen liebt, fromm, tiefgläubig und gottvertrauend, ist Kopp alles andere als ein angepasster Theologe. Stets kritisch im hier und jetzt könnte man ihn fast ein »enfant terrible« in der katholischen Kirche nennen, mit seinem extravaganten modischen Outfit einen »bunten Hund« unter den Theologen. Manche Gläubige haben ihn dafür geliebt, die anderen fühlten sich provoziert.
Mit seinen Gottesdiensten und tiefgründig theologischen und zugleich menschlichen Ansprachen, in denen – situationsabhängig – auch der Humor nicht zu kurz kam, schaffte Kopp es, auch Menschen anzusprechen, die mit der Kirche nichts am Hut hatten. Den Beerdigungsdienst in der Seelsorgeeinheit hat Matthias Kopp grundlegend geprägt, er beerdigte Muslime und aus der Kirche Ausgetretene angemessen, segnete Paare, die sonst nicht gesegnet worden wären. Nie war es für ihn eine Frage, sich für die »kirchlichen Außenseiter« einzusetzen.
Für die Kirche vor Ort war Kopp also ein echter Gewinn, eine Ergänzung und ein guter Ausgleich zu Pfarrer Drescher, der ihn stets machen ließ, obwohl er es selber nicht gemacht hätte, weil es theologisch brenzlig war. Was der Pfarrer sich aufgrund seines Priesterseins nicht leisten konnte und wollte, machte der Pasti. Der war und ist Seelsorger aus Leidenschaft, besuchte alte, einsame und kranke Menschen, begleitete Sterbende. Hier sei auch sein Engagement in der Asylarbeit genannt. Seit Beginn des Ukrainekriegs lud er jeden Monat zum Friedensgebet, das, so sagt Kopp, »zelebriert wird, solange bis Frieden ist«.
Ein »progressives Korrektiv«
Für Pfarrer Drescher, der im Sommer 2026 in den Ruhestand gehen wird, würde mit Kopp denn auch »das progressive Korrektiv« fehlen, der, so sagt es Drescher, »Revoluzzer« an seiner Seite. Der Konjunktiv »würde« deshalb, weil Anfang Dezember offiziell wurde, dass Kopp seinen Dienst in der neuen Pfarrei Herz Jesu Sigmaringen nicht ganz aufgeben wird. Er wird mit 25 Prozent von der Diözese beschäftigt und in der neuen Pfarrei, speziell im Gebiet des Knotenpunkts Gammertingen, im Beerdigungsdienst, im Wortgottesdienst in der Ökumene und der Altenarbeit wirken. Darüber freuen sich auch die Kolleginnen im Pfarrhaus, die Kopp als stets gutgelaunte Frohnatur und als erfahrenen »Macher« schätzen. (GEA)

