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Freiheit innerhalb klarer Strukturen: Das Montessori-Kinderhaus in Bleichstetten

»Hilf mir, es selbst zu tun«: Nach dieser Devise werden Kinder im privat getragenen Montessori-Kinderhaus in Bleichstetten betreut und gefördert.

Klare Strukturen: In den offenen Regalen liegen Aufgaben, unter denen die Kinder frei wählen dürfen.
Klare Strukturen: In den offenen Regalen liegen Aufgaben, unter denen die Kinder frei wählen dürfen. Foto: Marion Schrade
Klare Strukturen: In den offenen Regalen liegen Aufgaben, unter denen die Kinder frei wählen dürfen.
Foto: Marion Schrade

ST. JOHANN. »Auf den Anfang kommt es an.« Davon war Maria Montessori überzeugt. Die 1870 geborene italienische Ärztin, Philosophin und Reformpädagogin wurde in einer Zeit, in der Erziehung und Bildung mit Rollenklischees und Hierarchien, Zwang, Druck und wenig Freiheiten verbunden war, zur Visionärin: Sie hat eine Pädagogik begründet, die von der These ausgeht, dass Menschen in den ersten Lebensjahren so viel und so schnell lernen wie nie wieder. Und zwar dann, wenn sie es freiwillig tun und ihnen Erwachsene nicht als Autorität, als Lehrer oder Erzieher, sondern als Begleiter und Beobachter zur Seite stehen.

Montessoris Konzept ist zeitlos, vielleicht sogar aktueller denn je, findet Katja Bossler. Sie leitet das Kinderhaus in Bleichstetten, das in privater Trägerschaft steht. Simon Reichenecker ist Unternehmer, er führt den Reifengroßhandel RSU in St. Johann, und ist selbst Vater. Seine Frau, Sandrine Helms, ist Grundschullehrerin. Beide sind große Montessori-Fans - und haben, weil es eine entsprechende Einrichtung auf der Alb bisher nicht gab, selbst ein Kinderhaus gegründet. Im Jahr 2024 haben sie eine ehemalige Strickerei in Bleichstetten gemietet und eingerichtet, Mitarbeiterinnen gesucht und gefunden.

Hinter dem Projekt stecken viel Überzeugung und Idealismus: Die Einrichtung taucht nicht im Bedarfsplan der Gemeinde St. Johann auf, sie finanziert sich über Elternbeiträge und Spenden, sagt Reichenecker. Platz ist für maximal 22 Kinder, ideal ist aber eine Gruppengröße von etwa zwölf, findet Reichenecker. Aktuell besuchen elf Jungen und Mädchen das Kinderhaus, sie kommen aus St. Johann, aber auch aus verschiedenen Nachbarorten auf der Albhochfläche, im Erms- und im Echaztal. Die jüngsten sind drei, die ältesten sechs Jahre alt, aufgenommen werden können Kinder aber schon ab zwei Jahren.

Katja Bossler leitet die Einrichtung. Sie hat nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin Kindheitspädagogik studiert. Aktuell besucht sie gemeinsam mit Sandrine Helms Lehrgänge an der pädagogischen Hochschule Reutlingen, die nach 18 Monaten zum Erwerb des Montessori-Diploms befähigen. Mit Maribel Rosario hat sie eine Kollegin mit langjähriger Montessori-Erfahrung an ihrer Seite.

Mittwoch ist der Tag der Tiere

Im Haus geht es lebendig zu, aber es ist nicht laut. »Wertschätzung und Respekt« gehört zu den Grundregeln des Umgangs miteinander, erklärt Katja Bossler. Laut durch den Raum zu rufen oder zu rennen widerspricht diesen Prinzipien. Wer etwas möchte, geht zum anderen und fragt - ob es nun ein Kind oder ein Erwachsener ist. Auch sonst gibt es ein paar Leitplanken, die für ruhige, klare Strukturen und Ordnung sorgen. Nicht nur der Tagesablauf folgt in seinen Grundzügen einem gleichbleibenden Schema mit Frühstück, Morgenkreis und Freiarbeit, auch die Woche ist strukturiert.

Dienstags beispielsweise wird gekocht, mittwochs stehen Tiere im Mittelpunkt: Es gibt eine Kooperation mit dem Reitverein Würtingen, aber auch Meerschweinchen, Hundewelpen oder Küken waren schon zu Gast im Kinderhaus. Am Donnerstag ist Sporttag, dann machen die Erzieherinnen Angebote im großen Turnraum, der in der ehemaligen Garage eingerichtet wurde. Mitmachen ist kein Zwang, sondern freiwillig. Neben Geräte-Klassikern wie Turnkästen, Seilen, Bällen und Matten gibt es eine Boulderwand. Und auch ein Garten gehört zum Haus, den die »Montis« gerne nutzen: nicht nur zum Spielen, sondern auch, um in einem Beet eigenes Gemüse anzubauen. Nach der Ernte wird es in der Küche verarbeitet.

Auch Aufräumen und Putzen gehört dazu. Deshalb gibt es die passenden Utensilien in passender Größe und Erreichbarkeit für Kinder
Auch Aufräumen und Putzen gehört dazu. Deshalb gibt es die passenden Utensilien in passender Größe und Erreichbarkeit für Kinder. Foto: Marion Schrade
Auch Aufräumen und Putzen gehört dazu. Deshalb gibt es die passenden Utensilien in passender Größe und Erreichbarkeit für Kinder.
Foto: Marion Schrade

Ansonsten aber erlauben es Konzept und Personalschlüssel, dass die Kinder innerhalb dieses Rahmens viele Wahlfreiheiten haben. Das fängt beim Frühstück an. Es ist auf niedrigen Möbeln aufgebaut - auf Kinderhöhe, damit sich jeder selbst bedienen kann. Und zwar dann, wenn er oder sie Hunger hat. »Jedes Kind darf entscheiden, wann und was es frühstücken möchte und mit wem«, erklärt Katja Bossler und zitiert einen Leitsatz der Montessori-Pädagogik: »Hilf mir, es selbst zu tun. Zeig mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun.« Dazu gehört auch, den Platz nach dem Frühstück wieder aufzuräumen und sauber zu machen, entsprechende Utensilien in Griffweite der Kinder liegen bereit. Jemandem einen Stuhl anbieten, den Tisch abwischen, die Blumen gießen oder die Schuhe binden: Darauf, dass Kinder Tätigkeiten des täglichen Lebens früh lernen, legen Katja Bossler und ihr Team großen Wert.

Dass Freiheit eben nicht Chaos bedeutet, zeigt sich in der Freiarbeit. Im großen, hellen Hauptraum des Hauses gibt es viele offene Regale, in denen kleine Tabletts liegen. Darauf sind Gegenstände für Aufgaben bereit gelegt, klar und übersichtlich. Ein Kernelement der Montessori-Pädagogik ist die vorbereitete Umgebung, in der Kinder spezielle Lernmaterialien Kinder vorfinden. Womit sie sich beschäftigen wollen, entscheiden sie selbst. Das können Aufgaben sein, die die Motorik schulen, aber auch Übungen mit Buchstaben, Zahlen oder Perlen, die für erste Begegnungen mit der Mathematik in der Montessori-Welt typisch sind.

Kein Gleichschritt-Programm, sondern individuelles Lernen

Fast alle Montessori-Kinder können lesen und schreiben, wenn sie in die Schule kommen. »Es ist aber nicht unser Anspruch, dass es jeder können muss«, betont Katja Bossler. Maria Montessori ging davon aus, dass jedes Kind früher oder später Interesse an Zahlen und Buchstaben hat - die Aufgabe des Erwachsenen besteht darin, dieses Interesse rechtzeitig zu bemerken und zu unterstützen. Jeder soll in seinem eigenen Rhythmus, in seinem eigenen Tempo lernen und seine Stärken ausleben. »Es gibt kein Gleichschritt-Programm«, betont Sandrine Helms: »Die Montessori-Pädagogik setzt bewusst den Schwerpunkt auf frühe Selbstständigkeit, innere Motivation und ein individuelles Lernen, in dem jeder seine Stärken ausleben kann.«

Kinder sind kleine Forscher, die ihre Welt selbst entdecken wollen. Davon war Maria Montessori überzeugt. Im Atelier- und Werkbereich darf mit verschiedenen Materialien und Werkzeugen experimentiert werden. Alles ist echt, das gilt beispielsweise auch für Dinge aus Glas, betont Sandrine Helms - dass auch mal was kaputt geht, gehört zum Lernprozess dazu. Ein weiterer Raum ist so eingerichtet, wie man es auch aus klassischen Kindergärten kennt: Es gibt eine Bau- und eine Puppenecke, einen Rückzugsraum, Sachen zum Verkleiden und Theaterspielen. Wo was hin soll, was noch fehlt oder was verändert werden könnte, wird in einer Kinderkonferenz besprochen.

Die Montessori-Pädagogik traut den Kindern viel zu, sie geht davon aus, dass sie von Natur aus lernfreudig und kompetent sind. »Wir schaffen eine Umgebung, die dieses natürliche Lerninteresse unterstützt und kein Kind ausbremst«, erläutert Sandrine Helms ihr Konzept. »Statt fertige Lösungen zu geben, ermutigen wir die Kinder, eigene Wege zu finden. Das macht sie selbstständig, konzentriert und selbstbewusst - Kompetenzen, die sie ihr ganzes Leben begleiten.« (GEA)