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Fleischvermarktung: Was der Verbraucher für die Region tun kann

Im Münsinger Biosphärenzentrum wird über die Möglichkeiten der regionalen Fleischvermarktung und den Erhalt der Schlachtstätten in der Region diskutiert und die Möglichkeit der Vernetzung geschaffen.

Rund 40 Frauen und Männer informierten sich über Möglichkeiten, regionale Schlachstätten zu erhalten und damit auch die Wertschö
Rund 40 Frauen und Männer informierten sich über Möglichkeiten, regionale Schlachstätten zu erhalten und damit auch die Wertschöpfungskette Foto: Kirsten Oechsner
Rund 40 Frauen und Männer informierten sich über Möglichkeiten, regionale Schlachstätten zu erhalten und damit auch die Wertschöpfungskette
Foto: Kirsten Oechsner

MÜNSINGEN. Viele Menschen möchten gerne regionales Fleisch essen, doch dafür bedarf es klein-strukturierter Schlachtstätten und vor allem engagierter Mitmacher. Zu denen zählen Praktiker wie Landwirte und Fleischverarbeiter, aber auch Mitarbeiter aus Verwaltungen und nicht zuletzt die Verbraucher: Sie alle hatten die Möglichkeit, von Fachleuten viele Informationen zu erhalten und sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und in großer Runde über die ein oder andere Idee zur regionalen Fleischproduktion und -vermarktung zu diskutieren. Rund 40 Interessierte waren der Einladung ins Biosphärenzentrum nach Münsingen gefolgt, am Ende war eines klar: Es gibt keine passgenaue Lösung, sondern viele Wege zum Ziel. Und das heißt, dass die regionale Wertschöpfung zu stärken und damit auch die Direktvermarktung.

»Wie kann es weitergehen?«, das sei die zentrale Frage, sagte Rainer Striebel von der Biosphären-Geschäftsstelle. Die Strukturen in den Landkreisen Reutlingen und Alb-Donau seien mit 35 EU-zugelassenen Schlachtstätten in Metzgereien, bei Schäfern oder in einer anderen Form sogar noch gut aufgestellt. Doch die wenigsten würden für Dritte schlachten. Die Gründe unter anderem: Personalmangel und fehlende Kühlkapazitäten. Gegen ersteres sei man machtlos, beim zweiten jedoch nicht, meinte Striebel und verwies auf Förderprogramme. Das Ziel sollte klar sein: »Diese Strukturen müssen erhalten und weiterverfolgt werden.« Denn: »Nur so bleibt Rinder- und Schafhaltung möglich.«

Ohne Schlachtstätten keine Direktvermarktung

Um die regionale Wertschöpfungskette zu erhalten, sei es auch notwendig, die Verbraucher noch mehr für das Thema zu sensibilisieren und Öffentlichkeitsarbeit zu leisten – auch auf den Höfen mit ihren Läden oder bei Veranstaltungen. Die Bereitschaft, regionales Fleisch essen zu wollen, sei zwar insgesamt groß – aber die Praxis sehe anders aus: Das Produkt sei teurer als Massenware. Und, was laut Striebel auch nicht zu unterschätzen sei: »Keiner möchte einen Schlachtbetrieb vor der Haustüre haben.«

Trotz einiger Schwierigkeiten sehe er in der Existenz von regionalen Schlachtstätten ein Modell der Zukunft, machte Professor Dr. Lukas Kiefer von der Hochschule Nürtingen-Geislingen deutlich: »Ohne Schlachtstätten vor Ort wird die Direktvermarktung nicht überleben.« Das schaffe mehr Vertrauen bei den Verbrauchern, der Stressfaktor sei für die Tiere geringer und damit das Tierwohl größer. Ein Thema sei dabei auch die mobile Schlachtung: »Ökonomisch ist sie eine Herausforderung«, so der Fachmann. »Aber gerade dort, wo kein Schlachthof mehr in der Nähe ist, kann es die ideale Lösung sein.«

Auf Barrikaden gegangen

Wie das funktionieren kann, zeigten in der Pause die Vorstände der bäuerlichen Schlachtgemeinschaft Westerheim. Als der Westerheimer Gemeinderat das Schlachthaus vor Ort schließen wollte, seien die Landwirte auf die Barrikaden gegangen. Das Gremium signalisierte, über eine Verpachtung nachdenken zu wollen, wenn ein zukunftsfähiges Konzept vorgelegt werde. Das taten einige Landwirte denn auch, im April 2024 wurde der Verein gegründet und Ende des Jahres dann der Betrieb aufgenommen. Seit sechs Wochen ist zudem auch die in Teilen mobile Schlachtung mit ins Konzept integriert.

Da ein Metzger ausgefallen war, konnte laut Vize-Vorsitzenden Daniel Armbruster drei Monate nicht geschlachtet werden und damit sprach er mit dem Personalmangel ein weiteres Problem an. Es reiche nicht aus, wenn sich Landwirte engagieren und unternehmerisch handeln, unterstrich Rainer Striebel: »Wir müssen auch dringend das Berufsfeld der Metzger bewerben.« Und das der amtlichen Tierärzte ebenfalls, wie Dr. Thomas Bruckenmaier vom Landratsamt Reutlingen erklärte. Die müssen bei jeder Schlachtung, auch einer Teilmobilen vor Ort das Tier in Augenschein nehmen und nach der Schlachtung die Fleischbeschauung durchführen: »Ich sehe im Moment keine nächste Generation an Tierärzten für diese Aufgabe«, beschrieb der Leiter des Kreisveterinäramtes und des Lebensmittelüberwachungsamtes die derzeitige Situation. »Wir müssen froh sein an dem, was wir haben.«

In Eigenverantwortung gehen

Man müsse laut Lukas Kiefer in die Eigenverantwortung gehen und sehen, was in der Region umsetzbar sei. Möglich seien viele Wege, unter anderem der der Gründung einer Genossenschaft oder eines Vereins. »Wenn man etwas macht, muss man auch darüber reden«. Man müsse dem Verbraucher immer wieder eines verdeutlichen: »Ihr macht mit Messer und Gabel etwas Gutes für die Region.« Über den Weg, den er gegangen ist, berichtete Lukas Wintermantel vom gleichnamigen Biohof in Hüfingen: Bei ihm ist alles unter einem Dach und in seiner Hand von der Zucht bis zur Vermarktung. (GEA)