TROCHTELFINGEN-STEINHILBEN. »Wir waren 1972 die erste Damen-Fußball-Mannschaft des TSV Steinhilben«, erzählen Marianne Moser, Irene Pfenning und Maria Kuhn-Müller, wie die Steinhilber Narrenzunft zu ihrer Tanzgarde kam. »Nach dem Training sind wir nach Meidelstetten und haben dort Schabernack getrieben«, erinnern sie sich schmunzelnd an ihre Jugendaktivitäten. Und was Steinhilbern Spaß macht, schafft’s leichter in die Fasnet – so auch besagtes »Nachtraining«.
Was aus Jux und Tollerei begann, feiert heuer 50-jähriges Bestehen und ist aus der Steinhilber Narrenzunft nicht mehr wegzudenken. Erstmals gibt’s für die Garde einen eigenen Jubiläumsabend. Weit über 150 aktive und ehemalige Gardetänzerinnen zwischen acht und knapp 70 Jahren werden am Abend des Rosenmontags in der Augstberghalle in einer Revue in Originalkostümen Ausschnitte aus ihren Tänzen präsentieren. Eine Ausstellung dazu garantiert viele »Woisch-no«.
Neben den drei Frauen, die im Pressegespräch Historien und Histörchen aus der Gardegeschichte preisgeben, gehörten zur sprichwörtlich »ersten Garde« auch Christa Zimmermann, Hilde Butscher, Erika Manz und Ilse Eisele sowie Renate Heidecker, Martha Bächtle und Gerlinde Fischer. »Wir sind dabei« – das war für alle klar, als die Zunft um einen Jubiläumsbeitrag gebeten hat.
Ob Fußball oder Garde – was in den 1970er-Jahren in der Region belächelt bis verspottet, zumindest nicht ernst genommen und anerkannt wurde, haben die Steinhilber Frauen mit weiblicher Chuzpe durchgesetzt. Sie trotzten nicht nur der mangelnden Akzeptanz, sondern auch den Unbillen der Witterung, denn eine Sporthalle gab es ebenso wenig wie Trainerinnen. »Aber wir haben sogar mal die Bezirksmeisterschaften gewonnen«, darauf sind die Kickerinnen von einst heute noch stolz. Sie waren auf der Höhe des Zeitgeists – der Emanzipation, des Minirocks und der Gleichberechtigung. So kurz wie damals sind die Säume der Tanzröckchen heute nicht mehr, was früher Rüschen blitzen ließ, endet heute eine Handbreit überm Knie.
In der damaligen Kindergartenleiterin Maria Himming fanden die umtriebigen jungen Frauen für fünf Jahre eine begeisterte Mentorin und Trainerin. »Eine Tafel Schokolade, in Rippchen gebrochen, brachte Maria zu jedem Training mit«, Marianne Moser schmeckt noch heute den süßen Schmelz.
Die Trauer, dass Maria Himming das Jubiläum nicht miterleben kann, ist spürbar, war sie doch die erste Unterstützerin der jungen Garde – praktisch wie moralisch.
Denn auch bei den Frauen im Dorf waren damals die Tänzerinnen auf der Fasnet nicht uneingeschränkt gern gesehen. Sie mussten schon akzeptieren, dass ihre Männer, der weiblichen Kinetik wegen, besonders gern zu den Damen-Fußballspielen gingen, und nun auch noch Gardetanz! Als eine von ihnen geiferte: »Was wellat ihr oreife Zwetschga mit verheiratete Männer« (was wollt ihr »grünes Gemüse« …), war Irene Himming so schlagfertig, derjenigen ein Päckchen tiefgefrorenes Steinobst zu überreichen.
»Was wellat ihr oreife Zwetschga mit verheiratete Männer«
A propos Courage: im damaligen, aus der Historie des 16. Jahrhunderts karnevalistisch geprägten (und bis heute) rein männlichen Elferrat (seit 1977 Zunftrat), war es undenkbar, dass eine Frau beim Bürgerball im Kronensaal im Präsidium sitzt. Ein einstiger Bürgerball-Präsident hielt Wort: »Wenn eine Frau aufs Präsidium steigt, bin ich weg.« Maria Kuhn-Müller nahm die Herausforderung an. Stoisch habe er an diesem Abend sein Amt versehen – und ging schweigend.
»Entweder alle oder keiner.« Ein Machtwort von Zunftmeister Marc Hazotte war auch noch im 21. Jahrhundert gegenüber der traditionell ausgerichteten Vereinigung freier oberschwäbischer Narrenzünfte nötig, damit die Garden als Bestandteil der Steinhilber Narrenzunft anerkannt wurden. Karnevalistische Elemente sind für die Hüter der reinen Lehre der schwäbisch-alemannischen Fasnet glatter Stilbruch.
Die Entwicklung der Garde in Steinhilben ist ein Paradebeispiel erfolgreicher, generationenübergreifender Vereinsjugendarbeit. Immer fanden sich Trainerinnen für die – häufig fast zu vielen – Mädchen, die ab der dritten Klasse in der Minigarde beginnen dürfen. Auf Maria Himming folgten Liane Schmid, Doris Wittner, Priska Gekeler, Karin Hohloch und Ramona Hillen, Sandra Zeiler und Verena Knupfer. Seit 2004 trainiert Tanja Walter die Aktivgarde, Priska Gekeler die Minis und Melanie Hölz die Juniorengarde. Über die Jahre heimsten sie mehrere Erfolge bei Garde- und Showtanz-Wettbewerben in der Region ein.
»Wir waren bekannt als ›der scharfe Jahrgang‹«, Cornelia Locher, Ramona Hillen und Karin Hohloch erinnern sich gern an ihre Gardezeit, zwei Kostümgenerationen nach der ersten. Einen Schnaps habe es schon gebraucht, um jetzt wieder im lila Häs auf einen Umzug zu gehen. »Es war, als wären wir erst gestern auseinandergegangen«, beschreiben sie ihr Wiedersehen.
Pragmatisch, wie die »erste Garde« zu ihrer Gründungszeit war, sind die Frauen noch heute, auch in der Frage der Tanzgarderobe fürs Jubiläum: »Wir haben uns für eines unserer Showtanzkostüme entschieden«, schmunzeln sie, »die waren im Fundus und passen noch.« (GEA)
JUBILÄUMS-REVUE
Die Veranstaltung zum 50-jährigen Bestehen der Tanzgarde der Narrenzunft Steinhilben steigt am Rosenmontag, 12. Februar, in der Augstberghalle Steinhilben. Hallenöffnung ist um 18 Uhr, dann ist schon die Ausstellung »50 Jahre Garde« im Foyer zu sehen, um 19 Uhr beginnt die Jubiläums-Revue. Die Halle ist bewirtschaftet. (häs)

