Hans Blankenhorn kannte Eduard Niethammer schon zu Kinderzeiten. Als Bub zusammen mit dem Vater häufig im Häuschen am Waldrand zu Gast, hat Blankenhorn noch Erinnerungen an die Entstehungsgeschichte vieler Bilder. Den alten Gächinger Bauern mit seinem Fuhrwerk auf der Obstwiese hat Niethammer kurz aus seinem Fenster heraus beobachtet - »ein paar Tage später war das Bild fertig«. Überhaupt: Mit Skizzenbuch und Fotoapparat sei der Maler niemals auf Motivsuche gegangen; er sammelte immer alles im Kopf.
Im Kopf hatte der 1922 geborene Gächinger auch viele schreckliche Bilder, die er niemals losgeworden ist. Traumatische Erlebnisse im Russland-Feldzug haben ihn vielleicht nicht zum Menschenfeind, aber zum Skeptiker gemacht: Der Moderne mit all ihren sogenannten Errungenschaften wandte Eduard Niethammer für den Rest seines Lebens konsequent den Rücken. »Traktoren gab's für ihn nicht«, berichtet Blankenhorn. Nicht einmal ein Fahrrad hat der Künstler besessen. Wenn er einkaufen musste, was auf der kleinen Selbstversorger-Hofstelle im Tiefental nicht angebaut werden konnte, dann ist er geritten - »mit großen Satteltaschen links und rechts«. Pferde waren für Niethammer aber nicht nur Fortbewegungsmittel. Sie sind Begleiter des Menschen, bei der Arbeit, in der Freizeit, auch im Krieg.
Immer wieder gemalt, immer wieder gezeichnet: Pferde im Gespann, unter dem Sattel, als übermütiges Fohlen, mit wenigen meisterhaften Pinselstrichen zum Leben erweckt. Die aufwühlendsten Tuschezeichnungen Niethammers zeigen Pferde als Opfer. Und der Flüchtlingstreck aus Ostpreußen übers Haff ist nicht nur ein Zug erschöpfter Frauen und Kinder: Es ist ein Exodus der Pferde, müde, mit hervorstehenden Rippen und eingesunkenen Flanken.
Schöne Geschöpfe
Ganze Serien des Niethammerschen Werks sind den Pferden als Individuen, als Persönlichkeiten gewidmet. Marbacher Hengste und Stuten hat er porträtiert, manchmal vor Gestütsgebäuden und Ställen, manchmal vor samtig-farbigem Hintergrund - ein schöner Rahmen für schöne Geschöpfe.Naturstudien, Landschaftsbilder, Bauern bei der Arbeit (ohne Traktor), Federzeichnungen, für die Niethammer den Gänsekiel selbst zurechtschnitt: Dass so viele und so verschiedenartige Bilder des Künstlers gezeigt werden können, ist der Tatsache geschuldet, dass der Gächinger kaum je ein Bild verkaufte, und wenn, dann nur an Leute, die er kannte und mochte. Sein gesammelter Nachlass ging in den Besitz seiner Tochter über, die heute in Ungarn lebt und die Arbeiten zur Verfügung stellte. »Wir haben einen Transporter gemietet und sind hingefahren«, berichtet Martin Rath.
Welche Schätze er zurückbringen würde, hat er damals nicht geahnt. Ebenso wenig, dass er vor der Entdeckung einer Künstlerpersönlichkeit stand, die für den Sammler und Liebhaber von Malerei über die Schwäbische Alb vieles in den Schatten stellt. Dem 2001 gestorbenen Eduard Niethammer im Albmaler-Museum jetzt zu einer umfassenden Werkschau und größerer Beachtung verhelfen zu können - das ist für Martin Rath wie für Hans Blankenhorn eine Freude. (GEA)

