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Engstinger mischen den Radzubehörmarkt auf

Die Engstinger Brüder Achim und Gerd Christner tüfteln sich mit Albschell und Radanker in die »Höhle der Löwen«.

Die Albgeschwister Achim und Gerd Christner mit Radanker und Albschell.
Die Albgeschwister Achim und Gerd Christner mit Radanker und Albschell. Foto: Steffen Wurster
Die Albgeschwister Achim und Gerd Christner mit Radanker und Albschell.
Foto: Steffen Wurster

ENGSTINGEN. Ohne Albschell und Radanker sollte kein Radfahrer sich mehr auf den Weg machen, finden zumindest die Brüder Achim und Gerd Christner aus Engstingen. Die beiden haben selten viel Sitzfleisch, und wer sie kennt, merkt schnell: Wenn eine Idee auftaucht, wird sie nicht lange diskutiert, sondern umgesetzt – technisch durchdacht und kaufmännisch solide.

Begonnen hat alles mit der Idee, etwas Regionales zu machen – Produkte von der Alb, echt und handgemacht. Doch schnell wurde klar: Alb-Pullover oder Marmelade lohnen sich im kleinen Maßstab nicht, und eine große Vermarktung hätte Lagerhallen und Logistik erfordert. »Das hätte nicht zu uns gepasst«, sagt Gerd. Das Tüfteln, das Kreative – das wäre auf der Strecke geblieben. »Gerd ist der kreative Kopf«, erklärt der Marketing-Fuchs Achim »aber sobald etwas in Serie geht, verliert er das Interesse.« Also musste etwas Eigenes her, etwas, das wirklich »albgemacht« ist.

Am Anfang stand die Albschell

Am Anfang stand die Albschell. Die Idee brachte der Gerd aus der Schweiz mit, dort stieß er auf die Swiss-Trail-Bell, eine kleine Kuhglocke für den Fahrradlenker. Alb-Trail-Bell hätte die Engstinger Variante auch heißen können, Albschell gefiel den Brüdern aber besser. Passt auch besser zu den Zutaten. »Alles kommt aus der Region«, versichert Gerd, »die Zulieferer sind nicht mehr als 60 Kilometer entfernt, wir wollen Betriebe aus der Nähe einspannen«. Die Glocke ist kein Gimmick, sondern solide Handwerkskunst – eben eine echte Schaf- oder Ziegenglocke vom Fachmann gefertigt. Der Klöppel: ein Hufnagel. Wer die Schell hört, sucht erst mal nach einer Schaf- oder Ziegenherde.

Das Schweizer Original wurde von den Brüdern verbessert. »Ein paar Dinge haben uns gestört«, sagt Gerd, »und wir wussten: Das können wir besser.« Produziert wird in Engstingen und Bodelshausen – in Gerds Werkstatt und Achims Garage. Der Vertrieb läuft online, die Nachfrage wächst stetig. Was kann die Schell? Sie warnt Spaziergänger oder Hund und Katz' durch ein stetes, wohlklingendes Gebimmel. Wer lautlos auf die Pirsch gehen will, kann den Hufnagel mit einem Magneten am Albbändel lahmlegen. In der Regel wird die Schell aber positiv bewertet, weniger aggressiv als eine Radglocke, freundlicher als lautes Rufen, alb-locker halt. Sie zaubert ein Lächeln aufs Gesicht, meint Achim, auch dann, wenn im Lautertal am sonnigen Sonntag mehr Verkehr als auf der A8 herrscht. »Was kommt denn da?«, fragen sich die Leute, lachen und gehen auf die Seite. Die Schell gibt's - oder gab's - auch von Gerd handbemalt, »aber dann war gar nichts mehr verdient«, lacht der kreative Kopf.

Auftritt in der »Höhle der Löwen«

Nach der freundlichen Albschell kam das praktische Pendant: der Radanker. Denn moderne Fahrräder werden immer teurer, leichter und empfindlicher. »Die legt keiner gern auf den Boden«, weiß Gerd. Ein klassischer Ständer passt aber auch nicht ans edle Rad.

Handbemalte Albschellen, ganz rechts hängt ein Radanker dran.
Handbemalte Albschellen, ganz rechts hängt ein Radanker dran. Foto: Steffen Wurster
Handbemalte Albschellen, ganz rechts hängt ein Radanker dran.
Foto: Steffen Wurster

Der Radanker ist die Lösung: nur 60 Gramm leicht, elegant, rucksacktauglich oder am Sattel zu befestigen. Ein aufrollbares Seil, das sich wie ein Staubsaugerkabel automatisch spannt, hält das Rad sicher zwischen Baum, Laternenmast oder – mit dem passenden »Haurein« – im Boden. »Wenn man ihn in der Hand hält, ist alles sofort klar«, sagt Achim. »Aber es zu erklären, ist gar nicht so einfach.« »Ein Produkt, das so noch nie da war, zu beschreiben, ist eine echte Herausforderung«, weiß Achim, »das müssen wir immer noch jedem erklären«. Aller Anfang ist schwer und kostet auch Geld, wenn man die Erklärung in einem Video internet-massentauglich rüberbringen will. Auch das Design und die Umsetzung der Verpackung kosten, ebenso die Logistik.

Ein Investor wäre da nicht verkehrt gewesen. Und das brachte die Albgeschwister in die »Höhle der Löwen«. In der Fernsehshow werben Startups um das Kapital der »Löwen«. Ideen und Vermarktungskonzepte werden präsentiert, und wer einen der Finanziers überzeugt, kann mit Risikokapital nach Hause gehen und seinen Traum umsetzen. Die beiden hatten sich spontan angemeldet, online, ohne zu wissen, was da auf sie zukommt und ohne allzu viel Hoffnung. Aber die Produktionsfirma hat schon am nächsten Tag angerufen, ganz altmodisch per Telefon, die Albgeschwister sollten »mal was zuschicken«. Zwei Tage später der nächste Anruf, ein Video musste gedreht werden und »wir haben uns durch zwei Zentimeter Papier für die Bewerbung gearbeitet«, erinnert sich Achim. Dann hieß es: »Der Sender will uns dabei haben.«

Die Albgeschwister

Mehr Infos zu den Albgeschwistern aus Engstingen, zu Albschell und Radnaker gibt es auf der Homepage der Brüder: www.albgeschwister.de. (GEA)

In der Sendung überzeugten sie mit ihrer sympathischen Art und ihren cleveren Produkten, auch wenn es am Ende keinen Deal gab. »Aber Frank Thelen fand unser Produkt gut«, sagen die Brüder und lachen.

»Jetzt müssen wir damit leben«, sagt Achim – und meint damit: Die Albgeschwister sind gekommen, um zu bleiben. Denn klar ist: »Es ist kein Hobby. Wir wollen die Albschell, den Radanker und den Haurein wirklich vermarkten.« Und das Potenzial ist da: In Deutschland gibt es rund 87 Millionen Fahrräder, die Hälfte davon ohne Ständer. Ein Riesenmarkt – und die nächsten Ideen liegen bei den zweiradverrückten Brüdern schon in der Schublade. (GEA)