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Aktuell Ehrung

Engstinger Eberhard Zacher für Engagement in Buttenhausen ausgezeichnet

Eberhard Zacher hat in Stuttgart die Otto-Hirsch-Auszeichnung erhalten. Gewürdigt wird damit sein Engagement, die Erinnerung an die Juden in Buttenhausen wachzuhalten.

Eberhard Zacher ist in Stuttgart die Urkunde der Otto-Hrsch-Auszeichnung überreicht worden: links die Stuttgarter Bürgermeisteri
Eberhard Zacher ist in Stuttgart die Urkunde der Otto-Hrsch-Auszeichnung überreicht worden: links die Stuttgarter Bürgermeisterin Isabel Fezer, daneben Barbara Traub von der Israelitischen Religionsgemeinschaft. FOTO: RAHMIG
Eberhard Zacher ist in Stuttgart die Urkunde der Otto-Hrsch-Auszeichnung überreicht worden: links die Stuttgarter Bürgermeisterin Isabel Fezer, daneben Barbara Traub von der Israelitischen Religionsgemeinschaft. FOTO: RAHMIG

STUTTGART/MÜNSINGEN. Der Engstinger Eberhard Zacher ist im Stuttgarter Rathaus für seine Verdienste um die christlich-jüdische Zusammenarbeit und sein Engagement in und um Buttenhausen mit der Otto-Hirsch-Auszeichnung geehrt worden. Münsingens Bürgermeister Mike Münzing hielt die Laudatio.

Der 85-jährige pensionierte Lehrer sei über Jahrzehnte zum Brückenbauer einer lebendigen Erinnerung, einer glaubhaften Trauer um den Verlust von Mitmenschen und damit auch über den Verlust kultureller Vielfalt geworden. Zacher habe sich gegen das Vergessen und für das Verständnis zwischen Christen und Juden engagiert, denn »Ressentiments, Gerüchte, Klischees, Vorurteile lassen sich nur durch Begegnungen, durch gegenseitiges Erleben und Erfahren« überwinden, sagte Münzing.

Das ist ganz im Sinne von Otto Hirsch, nach dem die Auszeichnung benannt ist. Dem Staatsbeamten Hirsch war es wichtig, eine offene, gerechte und friedliche Gesellschaft zu gestalten – über Grenzen, Konfessionen und Herkunft hinweg. Auch Zacher, der vor zwei Jahren für seine Arbeit in Buttenhausen schon das Bundesverdienstkreuz erhalten hatte, war das immer wichtig. Hirsch hatte Tausenden jüdischen Menschen bei der Auswanderung geholfen und sie damit gerettet. Er hatte das letztlich im KZ Mauthausen mit dem eigenen Leben bezahlt. Zu seinem 100. Geburtstag stifteten 1985 die Stadt Stuttgart, die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) die Otto-Hirsch-Medaille, die sich seit 2013 Otto-Hirsch-Auszeichnung nennt.

Kritische Worte

Stuttgarts Bürgermeisterin Isabel Fezer, gleichzeitig Evangelischer Vorstand und Sprecherin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Stuttgart, fand bei der Feier im Stuttgarter Rathaus auch kritische Worte. Das Erstarken von radikalen Kräften in Deutschland nannte sie die Tragik in den aktuellen gesellschaftlichen Positionierungen vor allem seit dem Trauma des 7. Oktobers 2023. »Der legitime, ja notwendige Diskurs über das Handeln der israelischen Staatsregierung wird missbraucht für antijüdische Diffamierung und Beleidigung bis hin zu tätlichen Angriffen und Hass auf Juden« . Kein Verständnis zeigte sie dafür, »dass der ökumenische Rat der Kirchen sich in einer Erklärung des Zentralkomitees dahin verstiegen hat, Israel allein als Täter, die Palästinenser allein als Opfer darzustellen«. Das gesellschaftliche Fundament für ein selbstverständliches gesichertes jüdisches Leben in Deutschland werde brüchig.

Das Jüdische Museum in Buttenhausen stehe neben der Gedenkstätte Matthias Erzberger und dessen Geburtshaus in der Öffentlichkeit als herausragender Ort der Erinnerung, sagte Fezer. Eberhard Zacher habe gegen den Verdrängungsmechanismus über Jahrzehnte angekämpft.

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs hatte Zacher für diese Anerkennung vorgeschlagen. Zusammen mit ihm wurde der Musikwissenschaftler und langjährige Intendant der Internationalen Bachakademie Stuttgart, Andreas Keller, geehrt. Professorin Monika Traub, die Vorstandssprecherin der IRGW, kam bei der Würdigung von Zachers Arbeit auch auf die aktuelle Lage zu sprechen. Kritik am Handeln der israelischen Regierung nannte sie völlig legitim.

Emotionale Rede Münzings

Auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft werde kontrovers diskutiert. Doch Kritik dürfe nie ein Vorwand sein, jüdische Menschen auszugrenzen. Umso wichtiger seien Menschen wie Zacher und Keller und ihre jahrzehntelange Arbeit für die christlich-jüdische Zusammenarbeit und »für eine Welt, in der jeder Mensch in Würde und Sicherheit leben kann«.

Zacher habe aus den namenlosen Zahlen der Opfer aus Buttenhausen wieder Menschen gemacht mit Namen, Gesicht und Bedeutung, sagte Münzing in seiner einfühlsamen und emotionalen Rede. Und beide, Eberhard Zacher und seine Frau Anja, ermöglichten Versöhnen und gegenseitiges Verstehen und ebenso das zaghafte Wiederannähern und neue Entwickeln einer Sehnsuchtsheimat für die Nachkommen der ehemaligen Buttenhausener jüdischen Glaubens. Für viele seien sie eine Willkommensadresse.

Arbeit Walter Otts fortgesetzt

»Ich werde immer wieder gefragt, was mich dazu bewegt hat, die jüdische Geschichte von Buttenhausen über so viele Jahre hinweg zu erforschen«, sagte Zacher in seiner Dankesrede. »Dazu muss ich sagen, dass mein Geschichtsunterricht am Tübinger Gymnasium bereits im Jahr 1932 endete.« Erst an der Universität habe er erstmals detailliert vom Holocaust gehört. »Als ich dann 1968 auf die Schwäbische Alb kam und nach historischen Orten und Ereignissen fragte, wurde damals hinter vorgehaltener Hand von den Juden von Buttenhausen und von der Euthanasie in Grafeneck gesprochen.« Beide Themen wurden in der Folge zu seinen Tätigkeitsfeldern. Zacher baute auf die Vorarbeit von Walter Ott aus Buttenhausen auf, der schon 1997 die Otto-Hirsch-Medaille erhalten hatte.

Zacher und Ott begegneten sich erstmals vor etwa 50 Jahren, als Zacher auf den Spuren jüdischen Lebens mit einer Schulklasse eine Exkursion nach Buttenhausen unternahm. »Im Ort wollte kaum jemand über die jüdische Geschichte sprechen.« Die Geschichte der Juden wurde nach dem Krieg lange verschwiegen. Gemeinsam mit Ott sammelte Zacher Briefe aus Konzentrationslagern, Sterbeurkunden und die Lebensgeschichten der Buttenhausener Juden. Zacher ist ein wandelndes Lexikon. Er kennt Anekdoten und Lebensgeschichten von allen damaligen jüdischen Bewohnern und vielen ihrer Verwandten bis in die heutige Zeit.

Zacher ist es zu verdanken, dass heute Besucher aus aller Welt auf den Spuren ihrer Vorfahren in den Münsinger Teilort kommen. Sie suchen danach auch auf dem Friedhof mit 400 jüdischen Gräbern. Die stark verwitterten Inschriften werden nach und nach entziffert und offenbaren neue Geschichten. Das Jüdische Museum in der ehemaligen Bernheimer’schen Realschule ist 2013 eröffnet worden. Zacher war maßgeblich an dessen Konzeption und Ausgestaltung beteiligt. Lehmann Bernheimer hatte die Schule 1901 gestiftet, damit dort »Knaben wie Mädchen, Juden wie Christen, Auswärtige und Einheimische« unterrichtet werden sollten.

150 Jahre gutes Miteinander

Rund 150 Jahre prägten Juden das Leben in Buttenhausen. Die Ansiedlung von 25 jüdischen Familien begann 1787 mit dem Freibrief des Freiherrn von Liebenstein, der ihnen Schutz anbot. Zu Beginn lebten die Juden jenseits der Lauter und getrennt von den christlichen Bewohnern. Der kleine Ort wird aufgrund von neuen Geschäften sehr wohlhabend. Die Familie Lindauer gründete beispielsweise in der vierten Generation eine Zigarrenfabrik mit 20 Angestellten. Der Vieh- und Pferdehandel der Brüder Salomon und Hermann Löwenthal reichte bis nach Bayern und ins Rheinland, und Lehmann Bernheimer stiftete die Realschule. Fast 150 Jahre herrschte ein »gutes Miteinander zwischen Juden und Christen«.

Vieles von dem, was Zacher und Ott in den vergangenen Jahrzehnten in Erfahrung gebracht haben, ist veröffentlicht worden. Im Jahr 2023 hatte die Stadt Münsingen das Buch »Jüdisches Leben in Buttenhausen« herausgegeben, an dem Zacher maßgeblich beteiligt war.

Zacher kennt alle Geschichten. Zum Beispiel, dass die Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 zweimal angezündet worden war. »Beim ersten Versuch waren sie viel zu besoffen. Die Feuerwehr konnte den Brand löschen«, erzählt Zacher. Ein Gedenkstein erinnert an den Ort, an dem die Synagoge einst stand. Das jüdische Leben in Buttenhausen endete 1942 auf grausame Weise mit den Transporten in Konzentrationslager oder mit der Flucht der Bewohner.

»Während Ott vielfältigen Anfeindungen wegen seiner ehrenamtlichen Arbeit in Buttenhausen ausgesetzt war, blieb mir das weitgehend erspart, vielleicht auch, weil ich nicht in Buttenhausen lebe«, sagte Zacher in Stuttgart. »Bei wenigen einzelnen Angriffen habe ich mich jedoch stets wehrhaft gezeigt.« Zacher organisiert und initiiert, er hält Vorträge, führt Interessierte durchs Museum und durch Buttenhausen, doch es ist auch klar, dass sich irgendwann jemand anderes um das Thema kümmern, die Arbeit fortsetzen und die vielen Geschichten erzählen muss. (GEA)