3 600 Zuschauer an drei Abenden und drei Partner, die hinter einem einzigartigen Konzept stehen, das es so nur in Marbach gibt: Zum Soundtrack der Württembergischen Philharmonie Reutlingen (WPR) treffen sich die zwei- und vierbeinigen Akteure des Haupt- und Landgestüts mit internationalen Stars der Szene zum großen Ball im Geviert. Als Mitveranstalter und Medienpartner unterstützt der Reutlinger General-Anzeiger das Kultur-Event der Extra-Klasse, flankiert von weiteren Sponsoren.
Federnd leicht das Tänzchen der beiden Marbach-Aushängeschilder Sir Nymphenburg und Lemberger, deren Taktgeber Lissy Eppinger und Konrad Müller auf den großen Dressurvierecken der Welt zuhause sind. Galant bis zum Koketten die Moderation des ARD-Pferdesportexperten Carsten Sostmeier, der hippologisches Wissen gekonnt mit Musik- und Weltgeschichte verwebt und mit Schmankerln aufpeppt.
Der kopflose Komponist
So mit dem, dass der große Joseph Haydn seinerzeit kopflos beerdigt worden war, weil ein Esterházy, Angehöriger einer alten, bedeutenden ungarischen Magnatenfamilie, ein Schädelforscher war. Passend zum tosenden Sturm – »La Tempesta« – des damals noch ganzen Komponisten die rasante Rinderhirten-Reiterei der iberischen Doma Vaquera und der südfranzösischen Gardians. Fabian Hellstern, Marbacher Azubi, auf seiner Camargue-Stute Ornolac und Andreas Huber auf seinem ebenso wendigen Spanier Bambolero reiten ihre Lektionen selbstverständlich einhändig.Was den Reitern die Zügel, ist dem Dirigenten der Taktstock: Ola Rudner führt ihn inzwischen schon zum sechsten Mal bei den Marbach Classics. Gemeinsam mit Cornelius Grube, dem Intendanten des Orchesters, hat er die Stücke fürs Pferde-Ballett ausgewählt. Keine tausend Mal gehörten Gassenhauer, die die Show nur untermalen. Sondern Werke, die für sich stehen.
Darunter auch solche, die – zum ersten Mal in der Geschichte der Marbach Classics – den Zehn-Minuten-Rahmen sprengen und in sinfonische Dimensionen vorstoßen. Auch, was die Besetzung betrifft: Auf der Bühne sitzen 55 Musiker, Harfe und viel Schlagwerk inklusive. Instrumente, die in Sergej Prokofjews (aus der Suite »A Summerday«) für effektvolle Magie-Momente sorgen und den Hexen in Modest Mussorgskis »Nacht auf dem kahlen Berge« den Takt zum düsteren Reigen schlagen.
Doch vor dem wilden Hexentanz der Spingquadrille der Landesreitschule steht das idyllische Lustspiel der geflügelten Elfen mit ihren spitzen Öhrchen – die Voltigiergruppe Marbach mit Christiane Niethammer und dem schwarzen Sir Gregory, genannt Teddy – in zauberhafter Märchenwaldkulisse, dargestellt von den Eleven der Tanzschule von Gitte Wax. Entzückend auch die glitzernde Zwergenschar. Eine wunderschöne Szenerie, in der Elfen und Zwerge schließlich ihren Sieg über die niederträchtigen Hexen feiern.
Klingende Landschaftsbilder
Zwischen den gigantischen Schaubildern ist das Orchester mehrmals alleine zu hören. Momente, in denen die Musik in den Vordergrund rückt und »zu ihrem Recht kommt«, wie Cornelius Grube sagt. Und dabei ziemlich selbstbewusst auftritt: So lassen die Philharmoniker etwa den Titanen Prometheus in Beethovens Ballettmusik heftig gegen die Götter rebellieren.Was das Zusammenspiel zwischen Orchester, Ross und Reiter angeht, so habe man sich, berichtet Ola Rudner, in zwei Mal drei Stunden Probe schnell aufeinander eingestellt. Die ausgewählten Stücke fanden bei allen Beteiligten, Reitern wie Rössern, spontan Anklang. Bei den Proben habe er zustimmendes Wiehern vernommen, verrät Rudner hinter den Kulissen und lacht.
Nicht weniger mythisch als die Märchenfiguren und Sagengestalten sind die Landschaften, die das Orchester über der Manege aufziehen lässt. Etwa die der schottischen Hebriden von Felix Mendelssohn Bartholdy. Ein schwärmerisches Klanggemälde wie eigens komponiert für den Auftritt von Guillaume Assire Becar und seinen vier Arabern und Angloarabern Kaoma, Kipsy, Hilan und Olia. Die sagenhafte, mit komischen Nummern angereicherte Freiheitsdressur wird frenetisch gefeiert. Der Franzose pflegt eine feine Kommunikation mit seinen Tieren, vom Boden wie vom blanken Pferderücken aus, und erst recht mit seinem schwarzen Labrador Chamaleau, dem gut gelaunten Slapstick-Partner.
Der Stepptanz am langen Zügel fällt Wildhüter und Said zu, getragen von Michail Ippolitov-Ivanovs exotischen Klängen mit orientalischem Einschlag. Fritz Arnold und Horst König dirigieren zu Fuß. Der »Festzug des Sardar« aus den »kaukasischen Skizzen« des Rimski-Korsakov-Schülers gehört musikalisch zu den großen Highlights des Abends.
Immer wieder sehenswert das inzwischen zur Tradition gewordene Schlussbild: der Silberwirbel der Vollblutaraberstuten, ätherisch schön, wie die sie begleitende Musik von Mussorgskis Oper »Chowanschtschina«. (GEA)

