KREIS REUTLINGEN/TÜBINGEN. Es war eine nie da gewesene Welle des Protests, die vor einem Jahr auf groben Reifen durch ganz Deutschland rollte: Die Landwirte, die mit der Agrarpolitik – auf Europa-, Bundes- und Länderebene – auch vorher schon haderten, hatten die Nase voll und brachten das auch überdeutlich zum Ausdruck. Umgedrehte Ortsschilder, an denen Gummistiefel baumelten, Trekker-Sternfahrten und Mahnfeuer: »Demos gegen die EU-Agrarpolitik gab es schon immer – aber noch nie in diesem Maß. Sowas kannte man bisher eher von Frankreich, dort herrscht eine andere Streitkultur. Dass man mit Güllefässern bis vors Regierungsgebäude fährt, ist bei uns aber immer noch undenkbar«, ordnet Gebhard Aierstock die Ereignisse ein. Der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Reutlingen blickt im Gespräch mit dem GEA auf das zurück, was sich vor einem Jahr abspielte, und bilanziert, was sich infolge der Proteste in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht verändert hat.
»Es hat sich vieles bewegt, man hat realisiert, dass was zu tun ist«
Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte damals der Sparkurs, den Kanzler Olaf Scholz, Wirtschaftsminister Robert Habeck und Finanzminister Christian Lindner im Dezember 2023 eingeschlagen hatten, um ein Haushaltsloch zu füllen: Die Kfz-Steuerbefreiung für landwirtschaftliche Maschinen sollte abgeschafft werden, ebenso die Energiesteuerrückerstattung für Agrardiesel. Das waren natürlich nicht die einzigen Probleme, die die Bauern hatten. Aber der Kurs der Ampel-Regierung, die von den Landwirten teilweise wüst beschimpft wurde, empfanden sie als eine einzige Provokation. Die Bauern riefen eine Aktionswoche aus, Höhepunkt der Proteste in der Region war eine zentrale Kundgebung in Reutlingen am 8. Januar. Am 11. Januar – heute vor einem Jahr – wurden über die ganze Alb verteilt sieben Mahnfeuer entfacht. Vertreter der Politik aller Ebenen von EU über Bund wurden ins Kreuzverhör genommen und Forderungen überhäuft.
»Die Erwartungshaltung der Kollegen war und ist immer noch hoch, was sich alles ändern müsste, aber ganz so einfach ist es in der Politik nicht«, vermittelt Aier-stock zwischen den beiden Seiten. »Es muss Änderungen auf EU-, Bundes- und Landesebene geben.« So sieht es auch der Münsinger Andreas Glück, der für die Liberalen im Europaparlament sitzt. Während der Proteste suchte er, wie etliche andere Politiker, das Gespräch mit den Landwirten und signalisierte Verständnis: »Die Landwirtschaft fühlt sich seit Jahren nicht ausreichend wahrgenommen. Die Proteste sind Zeichen aufgestauter Frustration.« Glück spricht von einem »strukturellen Problem«, das nicht jetzt, sondern über viele Jahre hinweg entstanden sei. »Auf strenge EU-Regeln wird von Bund und Land immer wieder was oben drauf gesattelt«, schildert er die Problematik. »Es ist gut, dass da mal jemand draufgeklopft hat.«
Bei aller Komplexität: Ein schnelles Trostpflaster gab’s als unmittelbare Reaktion auf die Proteste tatsächlich. Die Abschaffung der Kfz-Steuerbefreiung war relativ schnell vom Tisch, »wir dürfen unsere grünen Nummernschilder behalten«, sagt Aierstock. An der Streichung der Agrardiesel-Subventionen hielt die Ampelregierung allerdings fest, umgesetzt werden soll sie allerdings nicht auf einen Schlag, sondern in Etappen – auch das ein Zugeständnis an die Bauern. »Das große Agrarpaket, das angekündigt wurde, ist zwar nicht ganz eingetroffen«, sagt Aierstock. Aber: »Es hat sich vieles bewegt, man hat realisiert, dass was zu tun ist.«
Der Bürokratieabbau, so der Kreisbauern-Chef, sei ein »Universalthema«, das schleichend gelöst werde, nicht nur in der Landwirtschaft: »Da gibt es viel zu tun. Es ist wie bei der Sagen-Schlange Hydra: Schlägt man einen Kopf ab, wachsen zwei neue nach.« Viele Landwirte seien mit dem Regelwerk überfordert, weiß Aierstock und fordert von der Politik praktikablere und praxisnähere Verordnungen.
Ein Beispiel: »Jedes Frühjahr muss ich für jede Pflanzenart, die ich anbaue – ob nun Mais, Weizen oder Grünland – eine Düngeberechnung machen.« Das koste nur Zeit und bringe unnötigen Dokumentationsaufwand mit sich: »Denn im Grunde ist es immer das Gleiche wie im Vorjahr.« Er wünscht sich von der Politik mehr Vertrauen in die Landwirte, die nicht nur Erfahrung, sondern auch eine gute Ausbildung vorzuweisen haben.
»Die Gesellschaft ist viel sensibler für die Probleme der Landwirte geworden«
Ein Problem ist auch der Pflanzenschutz: Im Rahmen des Biodiversitätsstärkungsgesetzes will Landwirtschaftsminister Peter Hauk den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel im Land bis 2030 um 40 bis 50 Prozent senken. »Wir verlieren immer mehr Wirkstoffe«, kritisiert Aierstock. »Die Folge ist, dass sich immer mehr Resistenzen und neue Krankheiten bilden.« Ein Beispiel dafür sei die Krankheit Stolbur, die Zuckerrüben und Kartoffeln weich und gummiartig macht. »Wenn man keinen sinnvollen Pflanzenschutz betreiben kann, hat das Ertragsausfälle zur Folge.«
»Auflagen ohne Ende, die hohe Kosten verursachen«, erschweren auch die Tierhaltung. »Das muss sich ändern, sonst investiert bald niemand mehr, weil es sich wirtschaftlich nicht darstellen lässt«, mahnt Aierstock. »Die aktuellen Statistiken zeigen einen massiven Rückgang, vielleicht ist die Rote Wurst im Festzelt irgendwann nicht mehr bezahlbar.« Aierstock kennt die Zahlen, vor allem in der Schweinehaltung sprechen sie eine deutliche Sprache. Im Jahr 2012 gab es 28,1 Millionen Schweine in deutschen Ställen, 2024 waren es noch 21,2 Millionen. Rund 1,2 Millionen davon entfielen auf Betriebe in Baden-Württemberg. Bundesweit gab es 2024 noch 15.770 Höfe, die Schweinehaltung betrieben. Rund die Hälfte von ihnen hatten Bestände zwischen 500 und 1.999 Tieren.
Jenseits der politischen Ebene und unabhängig von strukturellen Veränderungen sehen Aierstock und Glück einen Aspekt, der sich durch die Proteste ganz deutlich verändert hat: Die Landwirte standen zusammen und bildeten innerhalb kurzer Zeit Netzwerke, die es ermöglichten, schnell zu reagieren, große Aktionen auf die Beine zu stellen und viele Menschen zu erreichen. Gruppierungen wie »Land schafft Verbindung« nutzten soziale Medien gekonnt, um ihr Anliegen voranzubringen.
Die Landwirte haben es geschafft, nicht nur die Aufmerksamkeit der Politik, sondern auch die ihrer Mitbürger zu gewinnen und Sympathien zu sammeln. »Umfragen unter Verbrauchern haben gezeigt, dass rund 80 Prozent der Leute denken, dass die Landwirte recht haben«, berichtet Aierstock. »Auch von außerhalb der Landwirtschaft haben sich viele solidarisiert«, sagt Glück. So gingen beispielsweise viele Handwerker und Vertreter von Berufen, die direkt oder indirekt mit der Landwirtschaft zusammenhängen, ge-meinsam mit den Bauern auf die Straße. »Es herrschte die einhellige Stimmungslage: Man kann nicht immer diejenigen mehr belasten, die unsere Gesellschaft tragen«, fasst Aierstock zusammen. »Die Gesellschaft ist durch die Aktionen der Landwirte viel sensibler für deren Probleme geworden«, schildert auch Glück als bleibenden Eindruck.
Ob und wann die Bauern wieder auf die Straße gehen? »Das ist momentan nicht absehbar«, sagt Kreisbauern-Obmann Aierstock, »wir stehen kurz vor der Bundestagswahl, so lange passiert politisch nicht so viel«, glaubt er. Vergebens waren die Proteste aus seiner Sicht jedenfalls nicht. Sein Fazit: »Wir haben durchaus ein anderes Bewusstsein in Politik und Gesellschaft erreicht. Aber es gibt noch viel zu tun, damit es für junge Landwirte interessant ist, Betriebe weiterzuführen und in sie zu investieren.« (GEA)



