MÜNSINGEN. Sein Job treibt den Adrenalinspiegel regelmäßig in die Höhe: Jimmy Müller ist Rettungssanitäter. »Es gibt Einsätze, die belasten einen Jahre oder Jahrzehnte lang«, sagt der 63-Jährige. »Los wird man manche nie. Aber man kann sie in eine andere Schublade packen.« Kollegen legen sich zum Ausgleich auf die Couch vor den Fernseher, spielen Fußball oder machen Musik. Jimmy Müller sucht das Abenteuer, gefunden hat er es in den vergangenen Jahrzehnten auf der ganzen Welt. Seine Leidenschaft heißt »Terra incognita«. Der Mann aus dem beschaulichen Buttenhausen im Lautertal ist auf der Jagd nach den weißen Flecken auf der Landkarte.
Gemeinsam mit Reiner Frenz hat er sein wildes Leben dokumentiert und niedergeschrieben. Bereits 2013 erschien das erste Buch mit dem Titel »Folge deiner eigenen Spur«. Jetzt ist Band zwei im örtlichen Verlag von Wolfgang Wiedemann erschienen. Für 45 Euro gibt es auf 224 Seiten mit über 300 Bildern »Gipfelglück und Höllenqualen«. Frenz ist Zeitungsredakteur im Ruhestand und Buchautor, neben Jimmy Müller hat er mit der Segelflug-Ikone Uli Schwenk eine weitere Münsinger Lokalberühmtheit beim Verfassen der Lebenserinnerungen unterstützt.
Faszination für weiße Flecken
Jimmy Müller ist Bergsteiger und Globetrotter, er liebt es, Orte zu finden, an denen kein Mensch vor ihm war. Dabei geht es ihm gar nicht darum, dass Berggipfel nach ihm benannt werden, um sich unsterblich zu machen. Müller hinterlässt lieber kleine, stille Zeichen, »ein Steinmännchen oder eine tibetische Gebetsflagge zum Beispiel«. Er hat die Vulkane Ecuadors, die Eisfelder Patagoniens und die Berge im Himalaya erkundet - und sich dabei oft auf Messers Schneide bewegt.
»Gefangen im ewigen Eis« ist ein großes Kapitel überschrieben, das von der Expedition zum Fedtschenko in Tadschikistan handelt, dem größten Gletscher der Welt außerhalb von Polarregionen. So ein weißer Fleck eben, der Müller fasziniert. Ihn zu tilgen, hatte vor 100 Jahren schon Willi Rickmer Rickmers versucht, ein deutscher Asienforscher. Der hatte ein Buch über seine Expedition mit einer 100 Mann starken Gruppe verfasst, das Müller in die Hände fiel und nicht mehr los ließ: Er wollte die Original-Route wiederholen. Drei Wochen veranschlagte er dafür - die Hälfte der Zeit, die Rickmers angesetzt hatte.

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi, so spannend ist sie. Über einen deutschen Anbieter buchte Müller für sich und seine drei Begleiter einen einheimischen Bergführer und ein paar Träger für Gepäck. Ihr Vertrauen hätten die deutschen Abenteurer beinahe mit dem Leben bezahlt. Nach etlichen Missgeschicken und gefährlichen Situationen gerieten sie auch noch in einen Schneesturm. Ihr Ziel, eine einsame Wetterstation, die die Sowjets 1933 erbaut und 1985 verlassen hatten, erreichten sie gerade noch rechtzeitig.
Rettung in letzter Sekunde
Doch der Neuschnee und Lawinen machten den Rückweg unmöglich, und die Vorräte wurden knapp. Per Satellitentelefon gelang es der Gruppe, Hilfe zu rufen. Doch der erhoffte Hubschrauber kam nicht, die Lebensmittel waren aufgezehrt, die Lage wurde immer aussichtsloser. Jimmy Müller machte ein letztes Selfie und schrieb einen Abschiedsbrief an seine Familie. Der Heli holte die Bergsteiger letztlich doch noch, die Rettungsaktion war das große Thema in den Zeitungen und im Fernsehen in Tadschikistan.

Hat so jemand noch Ziele? »Viele«, sagt Müller und beteuert: »Die ganz wilden Geschichten sind jetzt aber vorbei, das habe ich meiner Frau versprochen. Es gab so einige Situationen, aus denen ich nur mit dem allergrößten Glück wieder heim gekommen bin.« Bedauern und eine Entschuldigung schwingen in diesem Satz mit: »Ich habe meiner Familie viele Sorgen bereitet, ob sie mich lebend wiedersehen.« Dabei ist Müller ein Familienmensch, seine Frau Gina und auch seine Kinder haben ihn auf etlichen Abenteuern begleitet.
Eines davon hat mit Bergen wenig bis nichts zu tun. Müllers Sohn Jim ist Gitarrist der Band Kissin' Dynamite, die es im Jahr 2017 erstmals ins Line-up des berühmten Wacken-Festivals geschafft hatte. »Wenn ihr dort mal spielt, pilgere ich die ganze Strecke bis zu eurem Konzert«, hatte er seinem Sohn irgendwann mal versprochen. Und was man verspricht, hält man auch. Also brach Müller gemeinsam mit drei Freunden zur Expedition der etwas anderen Art auf. 50 Kilometer legten die Wanderer täglich zurück, um die insgesamt 1.100 Kilometer lange Strecke zu schaffen. Die kleinen Abenteuer, die Begegnungen am Wegesrand und der Moment, in dem die Männer gemeinsam mit der Band auf der Wacken-Bühne gefeiert wurden, sind kurzweilig im Buch erzählt.
Zweite Heimat: Georgien
Breiten Raum nimmt das Land Georgien ein, das Jimmy Müller als seine »große Liebe« bezeichnet, was das Reisen und Entdecken angeht. In Wanderschuhen und mit Skiern war er hier in den vergangenen zwölf Jahren schon gut zehn Mal unterwegs. »Georgien ist mir zur zweiten Heimat geworden«, schwärmt er. Die Gastfreundschaft der Menschen ist legendär, Müller hat dort inzwischen viele Freunde gefunden. Die Menschen faszinieren ihn genauso wie die Landschaft: »Georgien ist gerade mal so groß wie Bayern, aber man findet hier alles, was die Welt zu bieten hat: Hochgebirge, Steppen, Wüsten und Meer.«
Im Buchhandel
Das Buch »Gipfelglück und Höllenqualen - Jimmy Müllers abenteuerliches Leben, Teil 2« ist für 45 Euro im örtlichen Buchhandel (ISBN 978-3-941453-45-6) sowie direkt beim Wiedemann-Verlag erhältlich. www.wiedemann-verlag.de
Und so soll ihn das nächste Abenteuer schon bald wieder in den Kaukasus führen. Jimmy Müller will mit einem Freund den Winter bei einem früheren Grenzsoldaten verbringen, der in einer abgelegenen Gegend als Selbstversorger lebt. Das letzte Stück der Anreise werden Müller und sein Begleiter in einem Militärhubschrauber zurücklegen. Das Ticket für den Hinflug ist gebucht. Das für den Rückflug nicht. Ein bisschen Abenteuer muss schon sein, auch wenn es keins von den »ganz wilden« ist. (GEA)

