KREIS REUTLINGEN. Es sind die letzten ihrer Art, und man muss sie schon fast mit der Lupe suchen. Aber es gibt sie noch – und im Kreis Reutlingen, besonders auf der Alb, sogar noch überdurchschnittlich häufig: Funklöcher. Schlechte Mobilfunkversorgung ist in Bürgerfragestunden und Gemeinderatssitzungen deshalb fast so oft ein Thema wie der schleppende Breitbandausbau. Auch die FDP-Landtagsabgeordneten Timm Kern und Rudi Fischer interessieren sich dafür. Sie haben bei der Landesregierung nachgefragt, wie es um den Mobilfunkausbau im Kreis bestellt ist. Vom Innenministerium haben sie eine umfangreiche Antwort inklusive Zahlen bekommen. Ihr Fazit: Die Lage ist, vor allem auf der Alb, »eher ernüchternd«.

Sogenannte »graue Flecken« gibt’s nicht nur beim Glasfaserausbau fürs Internet daheim, sondern auch beim Mobilfunk. Gemeint sind Bereiche, die von mindestens einem, aber nicht allen Netzbetreibern im 4G- oder 5G-Standard versorgt werden. In Deutschland gibt es vier Mobilfunknetzbetreiber: die Deutsche Telekom (D1-Netz), Vodafone (D2-Netz), Telefónica (O2-Netz) und 1&1. 1&1 betreibt seit 2023 ein eigenes Mobilfunknetz, das sich aber noch im Aufbau befindet. Andere Anbieter wie Congstar oder Freenet mieten sich in die Netze der vier Betreiber ein, um ihre Tarife anzubieten. Das heißt: Wer sich in einem »grauen Flecken« herumtreibt und nicht den richtigen Anbieter hat, hat auch keinen Empfang.
Frage der Wirtschaftlichkeit
Knapp 22,2 Prozent der Landkreis-Fläche sind noch »graue Flecken«, wie aus der Antwort von Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) hervorgeht. Immerhin: »Weiße Flecken«, an denen es überhaupt keine 4G- oder 5G-Verbindung gibt, sind mit 3,35 Prozent schon fast von der Landkarte verschwunden. 4G-Abdeckung durch mindestens einen Anbieter haben 96 Prozent des Landkreises, 88,2 Prozent haben sogar schon 5G.
Davon können manche Hohensteiner, Hayinger und Pfronstetter nur träumen. Sie werden im Bericht des Innenministerium explizit als »Gebiet mit Ausbaudefizit« genannt. Auf der Karte der Bundesnetzagentur wird’s ganz deutlich: Vor allem wer zwischen Oberstetten, Ödenwaldstetten, Eglingen und Ehestetten unterwegs ist, taucht tief ins Bermuda-Dreieck der Telekommunikation ein.
Das Innenministerium sieht die Verantwortung für den mangelhaften Ausbau nicht bei sich, sondern verweist auf die Mobilfunkanbieter. Hier verhält es sich ähnlich wie beim Breitbandausbau: Wo viele Nutzer sind, lohnt sich der Ausbau. Im ländlichen Raum aber, schreibt das Innenministerium, »ist oft die Nutzerdichte gering und dabei sind die Ausbaukosten in topografisch anspruchsvollen Gebieten besonders hoch«, sprich: unwirtschaftlich und deshalb eher uninteressant für die Anbieter.
Allerdings sind Letztere nun im Zugzwang und müssen in den nächsten fünf Jahren liefern. Im März wurde die » echte Flächenauflage« in die Präsidentenkammerentscheidung der Bundesnetzagentur aufgenommen. Ab 1. Januar 2030 muss jeder Zuteilungsinhaber bundesweit mindestens 99,5 Prozent der Fläche mit einer Übertragungsrate von mindestens 50 Mbit/s versorgen. »Damit wird das Problem der weißen und grauen Flecken maßgeblich beseitigt werden«, heißt es im Schreiben des Ministeriums.
Bürgerdaten ausgewertet
Nachschauen, wo das Netz wie gut ist, kann man online im »Gigabit-Grundbuch«, in das Monitoring-Daten der Bundesnetzagentur einfließen. Simon Baier ist Bürgermeister in Hohenstein, er kennt die weißen und grauen Flecken auf seiner Gemarkung. Seine Bürger hat er Ende Mai dazu animiert, sich an der Messwoche »Check dein Netz« zu beteiligen, die Bund, Länder und Kommunen gemeinsam initiiert hatten. Das Prinzip: Man lädt sich eine App aufs Smartphone und ist wie bisher auch unterwegs – die App checkt dann, ob und mit welcher Technologie das Gerät mit einem Mobilfunknetz verbunden ist. Das tut sie übrigens auch über den Aktionszeitraum hinaus. Wer zur Verbesserung beitragen will, lässt die App einfach weiter mitlaufen – je mehr Rückmeldungen von Bürgern die Bundesnetzagentur bekommt, desto belastbarer ist die Datenlage.
In Hohenstein, sagt Baier, sind vor allem Meidelstetten und Bernloch über einen Mast auf dem Dachenstein gut abgedeckt. Die größten Defizite gibt’s in Oberstetten, Eglingen und Ödenwaldstetten. Kein Luxusproblem, findet Baier: »Es ist ein wichtiges Thema, das das tägliche Leben der Menschen wesentlich berührt.« Das gilt umso mehr in Notlagen, beispielsweise bei einer Autopanne. Ganz untätig sind die Mobilfunkanbieter nicht: »Es gibt Suchkreise, in denen Prüfer unterwegs sind«, so Baier. Die Prüfer seien meist Subunternehmer, die im Auftrag von Mobilfunkbetreibern nach möglichen Standorten für Masten in unterversorgten Bereichen suchen. Die sollen für die Gemeinde und die Bürger so verträglich wie möglich sein, weder Landschaft noch Lebensqualität sollen leiden. Deshalb bringe sich die Verwaltung ein: »Wir schauen, welche gemeindeeigenen Flächen wir zur Verfügung stellen können, um die Situation zu verbessern.«
Wichtig ist Baier, dass – unabhängig davon, wer den Masten baut – jeder Anbieter grundsätzlich die Möglichkeit hat, seine Technik darauf zu installieren. »Ob er sie dann auch nutzt, darauf hat die Gemeinde aber keinen Einfluss«, betont er. Bisher gebe es je nach Anbieter große Unterschiede in der Abdeckung auf Hohensteiner Terrain. Die Kommunikation mit den Firmen lasse oft zu wünschen übrig, kritisiert Baier. »Wenn ein Mast ein Jahr lang da steht und nicht in Betrieb geht, fragen die Bürger zu Recht nach. Ich kann keine Antwort geben – das ist total unbefriedigend.« In dieser Situation befinde man sich derzeit im Fall Oberstetten: Seit gut einem Jahr stehe ein Mast hinterm Sportplatz, genutzt wird er offenbar aber noch nicht.
Bei der Suche haben sich zwei weitere Standorte herauskristallisiert: Der eine ist in Mettendorf bei Ödenwaldstetten, der andere in Oberstetten bei der Kläranlage. Im Fall Mettendorf gebe es mit Blick auf die umliegenden Höfe auch kritische Stimmen, der geplante Standort sei manchen zu nahe an der Wohnbebauung. Man habe sich mit dem Projektierer auseinandergesetzt und Alternativstandorte vorgeschlagen, der passende sei allerdings nicht dabei gewesen. »Es gibt noch keine Klarheit, ob und wann der Mast kommt und betrieben wird.« Erfolgreich war indes die Suche nach Alternativen in Oberstetten, wo der Mast zunächst in der Nähe der Hohensteinschule hätte stehen sollen. Die Gemeinde brachte den aus ihrer Sicht verträglicheren Standort an der Kläranlage ins Spiel – mit Erfolg.
Baiers Fazit: »Ein Ende der Problematik ist absehbar.« Ähnlich sieht es auch Ulrike Holzbrecher. Die Hayinger Bürgermeisterin wohnt in Hohenstein: »Auf dem Weg zur Arbeit weiß ich genau, wo ich unterwegs telefonieren kann und wo es abreißen wird«, erzählt sie schmunzelnd. Sie nimmt die Sache inzwischen sportlich: »Ich sehe, dass es bei uns im schönsten Zipfel des Landkreises jetzt den Lückenschluss geben wird. Wir hatten ein Defizit, aber die Mobilfunkbetreiber sind auf uns zugekommen«, sagt sie.
Strittige Standorte
Mit den Hohensteiner Nachbarn ist man im Austausch, »damit nicht am Ende einer Gemarkung ein Mast und am anderen Anfang gleich wieder einer steht«. Das gilt zum Beispiel für den Bereich zwischen Ehestetten und Eglingen, wo nicht nur die Gemarkungsgrenze verläuft, sondern auch ein besonders großes Funkloch klafft. Die Baugenehmigung für einen Masten auf Ehestetter Seite hat der Gemeinderat Hayingen im Mai durchgewunken. Bereits im Herbst wurde über den Antrag eines Mobilfunkbetreibers diskutiert, der in der Nähe von Schloss Ehrenfels einen Masten errichten will. Damit wäre auch das bisher besonders beeindruckende Funkloch rund ums Ausflugsziel Wimsen Geschichte.
Das Projekt war nicht unumstritten, etliche Gemeinderäte hatten Bedenken, dass der fast 50 Meter hohe Mast aus Schleuderbeton die Landschaft beeinträchtigt. Wie eng der Spielraum von Verwaltung und Gemeinderat ist, stellte damals Hauptamtsleiterin Sigrid Bortfeldt klar: »Wir können die Anlage nicht ablehnen, da die Mobilfunkversorgung im übergeordneten Interesse von Bund und Land ist.« Das Grundstück gehört zudem nicht der Gemeinde, sondern – wie Schloss Ehrenfels – der Familie Saint-André. Auch im Teilort Indelhausen im Lautertal ist der Empfang schlecht. »Hier laufen Anfragen, ob jemand Flächen verpachtet«, weiß Holzbrecher.
Auch wenn St. Johann nicht explizit als Mobilfunk-Krisengebiet im Bericht des Innenministeriums genannt wird: Abreißende Verbindungen oder schlechter Empfang sind hier ein Dauerthema – nicht zuletzt in Bürgerfragestunden des Gemeinderats. Einen Überblick über den aktuellen Stand hat Tim Bahnmüller, Fachbereichsleitung für Organisation, Personal, Kultur und Bauen im St. Johanner Rathaus. Mit Gemeinderat Albrecht Münch, der früher beruflich im Telekommunikationsbereich tätig war, hat er einen engagierten Berater und Mitstreiter. »Wir haben Wohngebiete, in denen es keinen Empfang gibt«, berichtet Münch. Wichtig sei es aber auch, Funklöcher entlang von Landstraßen zu schließen – vor allem mit Blick auf Notfälle.
Ein Ärgernis war jahrelang das große Funkloch im Bereich Upfingen, das sich bis in den Bad Uracher Teilort Sirchingen ausdehnte. Dort steht seit gut einem Jahr ein Funkmast auf Sirchinger Seite – aber: »Wir hören, dass nur ein Teil der Upfinger Empfang hat und der Rest nicht«, sagt Bahnmüller. Die Sache entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Vor einigen Jahren habe sich ein Investor für den Standort Upfingen interessiert, blickt Bahnmüller zurück, »damals war der Ortschaftsrat dagegen. Was heute das Thema Windkraft ist, war damals der Mobilfunk.« Heute, meint er, »ist der Wunsch nach Mobilfunk größer als die Gegenwehr«.
»Ab und zu kommen Vermittler auf uns zu, die nach potenziellen Mast-Standorten suchen«, berichtet er – es läuft also gleich wie in Hohenstein oder Hayingen. »Wir haben Upfingen, Gächingen und den Bereich am Ortsausgang Würtingen Richtung Eningen und Gestütshof benannt.« Was Letzteren angeht, ist es schwierig, einen Investor für einen Standort im Niemandsland zu begeistern: »Dort gibt es keine Stromversorgung. Die müsste man neu machen, das lohnt sich kaum.« In Gächingen beim Birkenhof sieht’s besser aus, beim Wasserhochbehälter gibt es Strom – »konkrete Vertragsverhandlungen werden aber noch nicht geführt«, sagt Bahnmüller zum aktuellen Stand.
Dächer als Alternative
Wobei es nicht unbedingt der klassische Mast sein muss: »Wir führen Gespräche mit Mobilfunkbetreibern, die gerne auf Dächer gehen«, sagt Bahnmüller. Vorstellen könne man sich Kooperationen mit Gewerbetreibenden – »wenn wir auf kommunale Gebäude wie Kindergärten Mobilfunktechnik installieren, machen wir uns wohl eher keine Freunde«. Auch Schuppen im Außenbereich mit Stromversorgung sind denkbar. Dächer statt Masten sind für Bahnmüller und Münch mit Blick auf die Zukunft eine gute Strategie. Die 5G-Technik basiert auf höheren Frequenzen. Das bedeutet: Geschwindigkeiten und Kapazitäten steigen, sie sind allerdings anfälliger für Störungen durch Wände und Wetter und haben eine geringere Reichweite. »Das heißt, die Standorte werden automatisch näher an den Ort heranrücken«, meint Bahnmüller, »wir werden also eher mehr kleine Masten als einen großen brauchen – die Dächer bieten sich da an«. (GEA)

