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Die Geschichte des Münsinger Soldatenheims »Hallelujabaracke«

Die Waldrast vor den Toren des Alten Lagers war Treffpunkt für Soldaten und Gästehaus mit christlicher Note

Eine Postkarte, die das ehemalige Soldatenheim zeigt.  FOTO: SAMMLUNG LENK
Eine Postkarte, die das ehemalige Soldatenheim zeigt. FOTO: SAMMLUNG LENK
Eine Postkarte, die das ehemalige Soldatenheim zeigt. FOTO: SAMMLUNG LENK

MÜNSINGEN-AUINGEN. Vor 125 Jahren wurde das einst über die Grenzen Münsingen hinaus bekannte Soldatenheim Waldrast eröffnet. Heute ist davon nichts mehr zu sehen. Auf dem Gelände steht ein Mehrfamilienhaus.

Rückblick: Im April 1900 feierte der Süddeutsche Evangelische Jünglingsbund die Einweihung des Speise- und Logierhauses, das »insbesondere für Soldaten vom Barackenlager« offen stand. »Mannschaften und Offiziere des XIII. Armeekorps bietet man in ihrer dienstfreien Zeit mancherlei Annehmlichkeiten eines gemütlichen christlichen Hauses«, machte der damalige Hausvater Reklame. Wegen seiner Christlichkeit nannten die Soldaten das vierstöckige Haus scherzhaft »Hallelujabaracke«, da dort »Andachten mit freiwilliger Beteiligung« stattfanden.

Den Soldaten standen »unentgeltlich Schreib- und Lesezimmer (Schreibmaterialien gratis!) mit reichhaltiger Unterhaltungs-Bibliothek, vielen Tageszeitungen und illustrierten Monatsschriften und Spiele« zur Verfügung. »Warme und kalte Bäder und Douche« gab es für im Haus wohnende Gäste. Die »hübsch ausgestatteten Logierzimmer« kosteten pro Tag eine Mark. Überwiegend wurden sie von Gästen genutzt, die bei den Soldaten zu Besuch waren.

Skiurlaub in der Waldrast

An warmen Tagen war die »Restauration im direkt angrenzenden Wald mit schöner Fernsicht« geöffnet. Die Gäste zogen dann die Waldterrasse wegen der schattenspendenden Bäume vor. Außerdem warb das Soldatenheim mit »musikalisch-deklamatorischen Abendveranstaltungen und anregenden Vorträgen«. Die fanden im Speise- und Wirtschaftssaal für 270 Personen statt, die auch die Bevölkerung besuchen durfte.

Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm 1928 der Württembergische Evangelische Jungmännerbund das Gebäude, nannte es fortan Hospiz Waldrast und nutzte es als Kinderheim, Hospiz und Flüchtlingslager. Hospiz hatte in diesem Fall nichts mit einer Einrichtung der Sterbebegleitung zu tun. Der Name erinnerte an das Mittelalter, als Hunderte von Hospizen über ganz Europa verteilt waren, wo Reisende Verpflegung, Unterkunft und geistliche Ermutigung erhielten, um sich für die vor ihnen liegende Reise zu stärken.

Die »Waldrast«, die seinerzeit nach eigenem Bekunden »allerbeste Verpflegung« geboten hat, wandte sich auch an Wintersportler, die in Auingen die »schneesicherste Gegend der Mittleren Alb« hatten: »Ausgezeichnetes und ausgedehntes Skigelände mit Sprungschanze unmittelbar beim Haus.« 45 Betten, Zentralheizung und fließendes Wasser hatte das Herberge-Hotel zu bieten. Außerdem 60 Matratzenbetten, die für Vereine »besonders geeignet« waren.

Ende der 1930er-Jahre wurde aus der »Waldrast« wieder ein Soldatenheim. 1941 endete die Pacht mit dem Jungmännerbund. Jetzt hatten dort allein die Soldaten das Sagen. Kurz danach ließ die Heeresstandortverwaltung auf dem gegenüberliegenden Waldgrundstück einen Luftschutzbunker für Offiziere bauen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg quartierte das Landeskommissariat für das Flüchtlingswesen mehrere Dutzend Polen im ehemaligen Soldatenheim ein. Später wurden in der »Waldrast« eine Zeit lang Kriegswaisen untergebracht, die von christlichen Ordensschwestern betreut wurden.

Anfang 1949 stimmte der Auinger Gemeinderat zu, dass das Kinderheim »Heimat für Heimatlose« in Degenfeld bei Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) die »Waldrast« für »hilfsbedürftige Kinder aus Süd-Württemberg« nutzen konnte.

Von Ende 1958 bis Ende 1960 diente das Gebäude dem Landkreis Münsingen als staatliches Landesdurchgangs- und Regierungsbezirklager, in dem mehr als 100 Menschen lebten.

1961 übernahm wieder das Evangelische Jungmännerwerk in Württemberg die »Waldrast« und eröffnete in den Räumen die Kaffee-Halle und das Foyer 2. Zwei Jahre später kamen zwei Lagergebäude dazu. Ein größerer Umbau des kompletten Gebäudes fand 1966 statt. Zeitgleich mietete die Standortverwaltung Münsingen die Baracken vor der »Waldrast« an. Dort richtete sie ihr Material- sowie das Eisenlager ein.

Im Jahr 1969 kaufte die in Stuttgart beheimatete Wehrbereichsverwaltung V das ehemalige Hospiz und nutzte es bis Ende 1990 als Ausgabestelle der Verpflegung für die übende Truppe auf dem Münsinger Schießplatz. Außerdem waren dort Möbel, Teppiche, Handtücher, Decken, Putzmittel sowie Bettwäsche für die Bundeswehrsoldaten gelagert. 1993 übernahm dann die Bundesvermögensverwaltung die »Waldrast«.

Gescheiterte Erlebnisgastronomie

1995 konnte sie das vierstöckige Waldrast-Gebäude in der Rametshalde 8 an einen Gastronomen und Immobilienhändler verkaufen. Der Investor baute in fast zweijähriger Umbauzeit für rund 1,5 Millionen D-Mark (750.000 Euro) das historische Gebäude in ein Hotel mit Restaurant und hauseigener Brauerei um. In der Hopfenstube, dem Trachtenstüble und den Aloisius Stuben bot das Anwesen mit seinem Biergarten unter freiem Himmel Sitzgelegenheiten für fast 600 Gäste.

Bereits kurz nach der Eröffnung wurde gemunkelt, dass sich diese Erlebnisgastronomie auf der Alb nicht lange halten werde. Die Gäste blieben aus, das Konzept kam in Auingen nicht an, sodass der Investor 1998 pleite ging und eine Gläubigerbank das Gebäude übernahm.

2011 kaufte das örtliche Bauunternehmen Stumm das rund 61 Ar große Gelände samt baufälliger »Waldrast«, die die Feuerwehr, das THW Münsingen sowie die Rettungshundestaffel Reutlingen zu Übungszwecken nutzen, bevor das geschichtsträchtige Gebäude 2019 abgerissen wurde. (GEA)