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Der Kampf gegen die Lichtverschmutzung

MÜNSINGEN. Verseuchte Gewässer, Ölpest, verdreckte Luft, Smog, Feinstaub, CO2-Konzentration. Umweltsünden haben viele Namen. Sprach jemand vor zwei, drei Jahren von »Lichtverschmutzung«, erntete er verständnislose Blicke. Im besten Fall. Matthias Engel kennt solche Situationen. Der Maschinenbau-Ingenieur ist Hobby-Astronom und Initiator des ehrenamtlichen Projekts »Sternenpark Schwäbische Alb«.

So schön kann der natürliche Nachthimmel sein: Sternschnuppen neben dem Sternbild des Orions auf dem Jusi bei Kohlberg. FOTO: CR
So schön kann der natürliche Nachthimmel sein: Sternschnuppen neben dem Sternbild des Orions auf dem Jusi bei Kohlberg. FOTO: CREDNER
So schön kann der natürliche Nachthimmel sein: Sternschnuppen neben dem Sternbild des Orions auf dem Jusi bei Kohlberg. FOTO: CREDNER
Seit einem guten Jahr machen sich Engel und etwa ein Dutzend Mitstreiter für klare Sicht am Firmament stark - und wurden dafür bereits mit dem Umweltpreis des Landkreises und der Kreissparkasse Reutlingen ausgezeichnet. Zeit, Bilanz zu ziehen. Zumal der heutige Tag einer ist, der nicht nur für Astrologen und Esoteriker - Stichwort Weltuntergang - interessant ist, sondern auch für Astronomen: Die Wintersonnwende fällt auf den 21. Dezember, die heutige Nacht ist die längste des Jahres.

»Eine Laterne im Park muss nicht nur dekorativ aussehen. Sie muss das Licht richtig lenken«
Die Schönheit sternklarer Nächte gehört zu den Top-Ten-Themen unter Dichtern aller Epochen. Um Romantik geht es Engel und seinen Mitstreitern aber nur am Rande: Der Kampf gegen die Lichtverschmutzung ist vor allem Umwelt- und Naturschutz. In Gebieten, die auch nachts unnatürlich hell sind, gerät der Biorhythmus von Tieren und Pflanzen schnell aus dem Gleichgewicht. Ein hausgemachtes Problem, das sich mit vergleichsweise einfachen Mitteln effektiv lösen lässt. »Lichtsmog kann man im Vergleich zu Luft- oder Wasserverschmutzung, wo es viel länger dauert, bis sich die Systeme regeneriert haben, schnell bekämpfen. Hier sieht man den Erfolg sofort«, sagt Engel.

Genauer gesagt: Man sieht plötzlich das, was man vorher nicht gesehen hat. Denn künstliche Beleuchtungsquellen verwässern - überall dort, wo Menschen leben - den Kontrast zwischen pechschwarzer Nacht und hell leuchtenden Gestirnen. Aus Schwarz-Weiß wird Mattgrau. Weil in einer Welt, in der die Nacht längst nicht mehr nur zum Schlafen, sondern auch zum Arbeiten und Feiern da ist, Straßenlaternen, Reklametafeln, Schaufenster- und Firmenbeleuchtungen rund um die Uhr leuchten, flimmern und blinken.

Einfach den Stecker ziehen können und wollen auch Leute wie Matthias Engel trotzdem nicht. Schließlich geht es um Sicherheit im Straßenverkehr, um wirtschaftliche Prozesse - und um ein bisschen Atmosphäre, vor allem jetzt in der Weihnachtszeit. Aber: Man kann vieles besser machen. »Zum Beispiel mit Straßenlaternen, die nicht unkontrolliert und sinnlos Licht nach oben abstrahlen«, verdeutlicht Engel.

Das Thema »umweltfreundliche Beleuchtung« an Gemeindeverwaltungen heranzutragen, ist eines der großen Anliegen der Initiative - vor allem auf der Alb. Denn hier gibt es sie noch, die dunklen Orte, an denen die Sterne am Himmel heller strahlen als all die Glühbirnen und LEDs am Boden. Der ehemalige Truppenübungsplatz bei Münsingen ist so einer. Er könnte, so hoffen die Hobby-Astronomen, in Zukunft nicht nur Kernzone des Biosphärengebiets, sondern auch eines künftigen »Dark Sky Parks« sein.

Erfüllt eine Region bestimmte Kriterien, die dem Schutz der »Dunkelgebiete« dienen, kann sie sich um die internationale Auszeichnung bewerben. Für das Biosphärengebiet, glaubt Engel, ein Tourismus-Faktor mehr. Das Potenzial, zur Musterregion zu werden, hätte die Alb aus seiner Sicht auf jeden Fall.

Die Gemeinden Münsingen und Römerstein, berichtet der Fachmann, seien sehr aufgeschlossen: »Die Bürgermeister Mike Münzing und Michael Donth haben das Thema erkannt.« Jetzt müssten die anderen nachziehen, um ein großflächiges Schutzgebiet bilden zu können. Ein aktueller Ansatzpunkt: Die Umrüstung der Straßenbeleuchtung auf LED-Technik, mit der sich derzeit viele Kommunen befassen. Engel appelliert an die Gemeinden, nicht nur aufs Design zu achten: »Eine Lampe im Park muss nicht nur dekorativ aussehen, sondern das Licht richtig lenken und zudem energieeffizient sein.«

Positive Beispiele gibt es schon - etwa die Auinger Ortsdurchfahrt, wo komplett abgeschirmte Laternen installiert wurden, die das Licht dorthin leiten, wo es gebraucht wird: Auf Straße und Gehweg und eben nicht in den Himmel. »Auch Römerstein hat in allen Ortsteilen auf die richtige Beleuchtung umgestellt: Flächendeckend stehen dort abgeschirmte, warmweiße Leuchten.«

»Wenn's im Jahr null so ausgesehen hätte, hätten die Heiligen drei Könige den Weg nicht gefunden«
Andere Gemeinden allerdings wollen vom Sternenpark-Thema bislang wenig oder gar nichts wissen. »Wir werden schnell in die Öko-Ecke abgeschoben«, sagt Engel. Dabei geben er und seine Mitstreiter nicht nur ehrenamtlich und kostenlos Tipps, sondern auch wirtschaftlich und politisch unabhängig.

Dass das Thema Lichtverschmutzung durchaus politische Dimensionen mit erheblichen finanziellen Folgen haben kann, führt der Naturwissenschaftler mit Blick auf die EU aus: »Es gibt schon einige Länder, die gesetzliche Richtlinien zur Lichtverschmutzung haben. Slowenien, Tschechien, Frankreich, Spanien und Teile von Italien zum Beispiel.« Denkbar, dass daraus irgendwann EU-Recht wird. Und das hieße für alle Gemeinden, die jetzt zwar umgerüstet, aber nicht genügend auf Lichtverschmutzung geachtet haben, dass sie innerhalb kurzer Zeit erneut in Laternen investieren müssten.

In Frankreich umfassen die politischen Vorgaben Stand heute schon nicht nur den kommunalen, sondern auch den gewerblichen Bereich. Während viele deutsche Fußgängerzonen 24 Stunden fast taghell beleuchtet sind, müssen Schaufenster im Nachbarland von ein Uhr nachts bis sechs Uhr morgens dunkel bleiben. Dass Lichterglanz - nicht nur am Himmel, sondern auch auf der Erde - viel mit Stimmung und Flair zu tun hat, wissen auch die »Sternpark«-Akteure: »Das mit der Weihnachtsbeleuchtung sehen wir entspannt, weil es eine saisonale Sache ist.«

Dass man die echten Sterne vor allem über großen Städten inzwischen kaum mehr sehen kann, sollte die Menschen trotzdem nachdenklich stimmen - vor allem in der Weihnachtszeit. »Wenn's im Jahr null schon so ausgesehen hätte, hätten die Heiligen drei Könige den Weg, den ihnen der Komet wies, vielleicht gar nicht gefunden.« Sätze wie diesen, sagt Matthias Engel, würde er manchmal gerne an Kirchentüren schreiben: Viele Gotteshäuser sind in Sachen Lichtverschmutzung nämlich alles andere als leuchtende Vorbilder. Die Flutlichter, die die Bauwerke in Szene setzen sollen, strahlen oft direkt in den Himmel. (GEA)

Vergeudete Energie: So hell ist es im nächtlichen Kohlberg am Fuße des Bergs Jusi. Im Hintergrund leuchten die Stadt- und Flugha
Vergeudete Energie: So hell ist es im nächtlichen Kohlberg am Fuße des Bergs Jusi. Im Hintergrund leuchten die Stadt- und Flughafenlichter Stuttgarts. FOTO: CREDNER
Vergeudete Energie: So hell ist es im nächtlichen Kohlberg am Fuße des Bergs Jusi. Im Hintergrund leuchten die Stadt- und Flughafenlichter Stuttgarts. FOTO: CREDNER