Logo
Aktuell Ortskern

Das Café fair in Gammertingen schließt zu Weihnachten

Am 20. Dezember ist Schluss: Das Café fair und mehr in Gammertingen schließt seine Pforten, mit ihm auch der Weltladen in denselben Räumen.

Gudrun Scheuerle und Walter Märkle arbeiten an der Zukunft des Weltladens.
Gudrun Scheuerle und Walter Märkle arbeiten an der Zukunft des Weltladens. Foto: Steffen Wurster
Gudrun Scheuerle und Walter Märkle arbeiten an der Zukunft des Weltladens.
Foto: Steffen Wurster

GAMMERTINGEN. Mariaberg gibt das Café fair und mehr im Zentrum von Gammertingen auf, damit verliert auch der Gammertinger Weltladen seine Bleibe. Das Café war von Anfang an nicht kostendeckend, teilt der diakonische Träger Mariaberg mit, und eine Querfinanzierung aus anderen Geschäftsbereichen ist nicht mehr zulässig.

Das Café, das von Klienten Mariabergs betrieben wurde, hat den Stadtkern bereichert: Mit dem Café, mit der Bäckerei und dem Weltladen. Hier gab es die Möglichkeit, mit Menschen mit Einschränkungen im Alltag in Kontakt zu kommen. Ganz im Sinn der Philosophie Mariabergs, ihre Klienten nicht »auf dem Berg« zu verstecken, sondern sie mit Wohnungen und Arbeitsplätzen in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. »Es war eine Möglichkeit für die Beschäftigten, ein Leben in der Öffentlichkeit zu führen«, sagt Walter Märkle vom Weltladen. Die Kunden haben es honoriert, »es war eine tolle Atmosphäre«. Die Gäste seien gerade wegen der etwas anderen Mitarbeiter gekommen, »auch wenn's mal ein bisschen länger gedauert hat.« Und die drei »Festen« und Praktikanten hatten eine Möglichkeit, sich auszuprobieren. Ihnen bietet Mariaberg jetzt eine »Beschäftigung im Unternehmensverband« an. Die Entscheidung Mariabergs kann Märkle nachvollziehen, »auch wenn ich sie anders getroffen hätte.«

Weltladen lotet Kooperationen aus

Die Mischung machte den Charme aus, sagt auch Gudrun Scheuerle vom Weltladen. Das integrierte Konzept Café-Weltladen wurde 2012 gemeinsam mit Mariaberg entwickelt und umgesetzt. Für den Weltladen war es eine einmalige Chance: Während zuvor das Lädchen in wechselnden Räumen mit kleinen Zeitfenstern geöffnet hatte, konnte nun von 7.30 bis 17 Uhr fair gehandelter Kaffee und mehr eingekauft werden. Der Verein kümmerte sich um Einkauf, Lager und Präsentation, das Team aus Mariaberg um den Verkauf. Mit Ehrenamtlichen könne man so etwas nicht leisten, weiß Scheuerle, »das kriegen wir nicht hin«. Und die Kunden wollen oder können sich nicht mehr an starre und beschränkte Öffnungszeiten gewöhnen. Einen Hauptamtlichen, der die ganze Woche im Laden steht, leisten sich aber nur die wenigsten Weltläden, und das eher in größeren Städten.

Ein Zurück zum eigenen Laden an der Ecke wird es also wohl nicht geben, der Weltladen hat bereits einige Ideen. Die Vereinsmitglieder wollen auf jeden Fall »nach vorne denken«, Friedhofsstimmung herrscht denn auch nicht. Über die Schließung wurde der Verein schon im September informiert. Es gibt bereits Gespräche mit der Stadt, noch im Anfangsstadium, über alternative Räume, möglichst irgendwo, wo Publikumsverkehr herrscht, um attraktiv für den schnellen Einkauf nebenher zu bleiben. Eine andere Idee sind Vertrauensregale, also ein Laden ohne besetzte Kasse. Die Non-Food-Artikel, etwa Kunsthandwerk aus aller Welt, würde es dort aber nicht geben, sagt Scheuerle, »das wäre mir zu heikel«. Und dann gibt es noch eine ganz andere Alternative. Konventionelle Supermärkte in der Region können sich vorstellen, dem Weltladen Platz anzubieten. »Es hat uns sehr gefreut, dass der Handel sogar aktiv auf uns zukommt«, sagt Scheuerle, »angesprochen zu werden ist schon toll.«

Spieleabend sucht neue Räume

Fair-Trade-Produkte haben schon lang ihren Platz in Supermarktregalen. »Darüber sind wir nicht traurig«, sagt Scheuerle, ist es doch auch ein Beweis für den Erfolg der Ideen der Weltläden: »Das Thema hat die Öffentlichkeit erreicht.« Die Weltladen-Produkte heben sich immer noch ein Stück weit von der Massenware ab. Die Artikel werden zu hundert Prozent im Herkunftsland hergestellt, »nicht nur geerntet«, die Wertschöpfung bleibt vor Ort. Wert wird auch auf die Einhaltung sozialer Standards, fairer Löhne und die Möglichkeit zum Schulbesuch gelegt: »Kinderarbeit geht gar nicht«, sagt Märkle. »Alle Produkte werden von der Pike auf fair hergestellt«, beschreibt es Scheuerle, »das ist immer noch ein Alleinstellungsmerkmal der Weltläden.«

Der Gammertinger Weltladen gehört zum Freundeskreis Eine Welt, in dem sich sechs Läden zusammengefunden haben. Netzwerke seien wichtig, sind sich Scheuerle und Märkle einig. Man kann von den Erfahrungen anderer profitieren, Artikel gemeinsam einkaufen oder auch austauschen. Die Gammertinger sind also keine Einzelkämpfer, sicher auch ein Grund, warum sie nach der Schließung des Cafés nicht aufgeben müssen.

Das Café fair bot auch Raum für Geselligkeit, hier fanden 14-tägig Spieleabende statt und freitags gab es verlängerte Öffnungszeiten. Die Spieler wollen auf jeden Fall weitermachen, hat Scheuerle gehört, vielleicht im evangelischen Gemeindehaus. (GEA)