HECHINGEN/BURLADINGEN. »Falls sich in den nächsten Tagen hier irgendwas in der Nachbarschaft ereignet, müssen wir nicht lange suchen.« So eine Äußerung hört man im Gerichtssaal vom vorsitzenden Richter selten. Richter Volker Schwarz wusste, wovon er sprach, die Großfamilie der zwei wegen versuchten Mordes Angeklagten, die im Landgericht Hechingen in Fußfesseln erscheinen mussten, war im Gerichtsgebäude kopfstark vertreten. In allen Altersklassen, vom Kindergarten bis zur Rente. Aber um die Sippe ging es am ersten Prozesstag nicht. Aber es gebe Angst vor der Familie, Angst davor, Aussagen zu machen, so der Richter.
Zwei Brüder im Alter von damals 21 beziehungsweise 20 Jahren sollen am 24. Juni dieses Jahres gegen 17 Uhr im beschaulichen Burladinger Teilort Gauselfingen versucht haben, Bauarbeiter erst mit einem klapprigen Peugeot zu überfahren und als das nicht klappte, die Arbeiter mit Schlägen auf den Kopf mittels Wagenheber und Kfz-Feuerlöscher um die Ecke zu bringen. Anklage: Versuchter Mord in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung und Gefährdung des Straßenverkehrs. Einen Führerschein hat auch keiner der beiden.
Sprung zur Seite
Das Verlesen der Anklage war recht eindeutig: Der Ältere war zu schnell im Baustellenbereich unterwegs, einer der Arbeiter versuchte, ihn mit Handzeichen einzubremsen. »Aus Ärger« setzte der 21-Jährige zurück, nahm Anlauf, fuhr auf zwei Arbeiter zu, »um diese zu töten«, heißt es in der Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Hechingen. Dabei soll er sogar mit dem Auto über die schmale Baugrube, in der Kabel verlegt wurden, »geschanzt sein«. Die anvisierten Arbeiter konnten sich nur durch einen Sprung zur Seite retten.
Der Fahrer wohnt nicht weit weg vom Tatort in einer Einrichtung für Asylbewerber. Dort sammelte er seinen jüngeren Bruder auf und fuhr die paar Meter zurück zur Baustelle in der Schulstraße. Die Staatsanwaltschaft ist sich sicher, dass die Brüder sich aus dem Kofferraum einen Wagenheber - 1,9 Kilogramm schwer - und einen Feuerlöscher - 1,5 Kilogramm, nachgewogen von der Kripo - geschnappt hatten und damit auf den rumänischen Bautrupp losgegangen sind. Mindestens zwei der Arbeiter wurden teils schwer verletzt, die vorgelegten Fotos der Hand, mit der einer der Bauarbeiter die Schläge auf seinen Kopf abgewehrt hatte, zeugten davon. Einer der Brüder trug ebenfalls einige Schrammen davon.
Am ersten Verhandlungstag wurden die beiden Angeklagten, die ermittelnden Kriminalpolizistinnen und die Verkehrspolizisten, die vor Ort gewesen waren, befragt. Die Brüder stellten das Ganze etwas anders dar. Ja, räumt der Beifahrer ein, sie wären etwas zu schnell gewesen. Für Zeugen auch aus der Anwohnerschaft sei es doch etwas mehr »als etwas zu schnell gewesen«, kommentierte Richter Schwarz. Mit »alle lügen, nur wir nicht«, käme man vor Gericht nicht weiter. Der Beifahrer merkte später an, »die würden alle unter einer Decke stecken«. Der »leitende Ingenieur« hätte den Fahrer aus dem Auto gezerrt, den Zündschlüssel umgedreht und wäre tätlich geworden. Also alles Notwehr. Wie die beiden an die Tatwerkzeuge gekommen sein wollten, blieb während der Aussagen allerdings etwas diffus.
Die Angeklagten stammen aus der Ukraine, gehören wohl einer ungarischen Minderheit an, gedolmetscht wurde deutsch-ungarisch. Der »leitende Ingenieur« war wohl der Chef der Subunternehmerkolonne. Die Angeklagten wohnten nach eigenen Angaben seit zwei Jahren in Gauselfingen, zusammen mit einer wechselnden Zahl von Familienmitgliedern, Status Asylbewerber.
Nachbarn eines Asylbewerberheims in Angst
Als dann als erste eine Streifenwagenbesatzung des Postens Alb in Engstingen vor Ort ankam, war die Lage bereits ruhig, aber eine »vollkommen verworrene Situation«, so ein als Zeuge geladener Polizist. Die Angeklagten waren noch vor Ort, räumten einiges ein, der Beamte war sich aber nicht sicher, ob sie seine Fragen richtig verstanden hätten. Im Prozess versuchten sie aber nicht, sich ganz aus der Affäre zu mogeln, Zeugen identifizierten die beiden auch auf Fotos. Die beiden wurden vorläufig festgenommen und sitzen seit Juni in Untersuchungshaft.
Im Gerichtssaal
Richter: Vizepräsident des Landgerichts Hechingen Volker Schwarz, Richterinnen Christina Selig und Sina Boss. Schöffen: Hartmut Höfler, Andrea Prokoph. Verteidiger: Klaus Armbruster, Georg Gracza, Christian Sieber. (GEA)
Mit der Großfamilie hat die Polizei nach Aussage einer Kriminalbeamtin schon diverse Erfahrungen gemacht. Zahlreiche Anklagen lagen vor, aber die Beschuldigten hätten sich immer schnell zu Verwandten in »anderen Landkreisen« gerettet, sie seien »reisend unterwegs.« Die Beamten sprachen auch mit Nachbarn, und die setzten noch einen drauf: Zwei bewaffnete Gruppen seien aufeinander losgegangen, die Rumänen hätten sich mit Spaten und Schaufeln bewaffnet. Was genau die Anwohner gesehen haben und was die Sachverständigen beitragen können, ist Teil des zweiten Prozesstags am Dienstag. (GEA)

